Die Demografie wartet nicht: Wir müssen unser Vorsorgesystem neu aufstellen
Steigende Lebenserwartung, sinkende Geburtenraten und hohe Zuwanderung: Der demografische Wandel fordert die Altersvorsorge gleich auf dreifache Weise heraus. Das sollten wir als Chance ansehen.
Die Alterung der Bevölkerung ist keine plötzliche Entwicklung, sondern eine schleichende Transformation – eine stille Revolution, die tief in unsere gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen eingreift. Während technologische Disruptionen häufig laut und sichtbar sind, verändert sich die Demografie langsam, aber nachhaltig. Und genau das macht sie so herausfordernd.
In der Schweiz ist der Anteil der über 65-Jährigen seit 1970 von rund 10Prozent auf heute über 19Prozent gestiegen. Bis 2050 wird fast jeder dritte Mensch im Pensionsalter sein.1 Gleichzeitig ist die Geburtenrate seit Jahrzehnten auf einem geringen Niveau – weit unter dem Niveau, das zur Stabilisierung der Bevölkerung nötig wäre.
Der demografische Wandel betrifft dabei nicht nur das Vorsorgesystem – er wirft auch Fragen zu unserem Selbstbild als solidarische Gesellschaft auf. Was heisst Generationengerechtigkeit, wenn die Balance zwischen Jung und Alt zunehmend aus dem Gleichgewicht gerät? Wie sichern wir individuelle Lebensstandards, ohne das Kollektiv zu überfordern?
Der demografische Druck
Der demografische Wandel lässt sich in drei zentralen Entwicklungen zusammenfassen:
- Steigende Lebenserwartung
Heute erreichen Männer in der Schweiz im Schnitt ein Alter von 82, Frauen sogar über 86 Jahre (siehe Abbildung 1). Das bedeutet: Die Rentenbezugsdauer verlängert sich deutlich. Bei gleichbleibendem Rentenalter erhöht sich damit der Kapitalbedarf in der zweiten und dritten Säule ebenso wie die Umlagebelastung in der ersten Säule des Vorsorgesystems.
Abbildung 1: Entwicklung der Lebenserwartung in der Schweiz von 1950 bis heute (Quelle: BFS)
- Konstant niedrige Geburtenrate
Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau liegt in der Schweiz seit Mitte der 1970er-Jahre bei rund 1,5 (siehe Abbildung 2) – deutlich unter dem Reproduktionsniveau von 2,1. Die Folge: Immer weniger Erwerbstätige müssen für immer mehr Rentner aufkommen. Das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentenbezügern – der sogenannte Altersquotient – verschiebt sich stark. Zuletzt hat sich die Geburtenrate sogar nochmals reduziert und liegt auf einem historischen Tiefstwert von 1,3 Kindern pro Frau.
Abbildung 2: Entwicklung der Geburtenrate in der Schweiz von 1950 bis heute (Quelle: BFS)
- Migration als Korrektiv?
Zwar haben die vergangenen Jahrzehnte gezeigt, dass Zuwanderung einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des Erwerbspersonenpotenzials leisten kann. Doch auch diese Strategie hat Grenzen. Politische Akzeptanz, Integrationsfähigkeit und geopolitische Entwicklungen beeinflussen massgeblich, ob Migration langfristig als demografisches Korrektiv funktionieren kann. Zudem altern auch zugewanderte Bevölkerungsgruppen. Somit wird das strukturelle Problem lediglich in die Zukunft verschoben, aber nicht gelöst. Der Altersquotient – definiert als die Anzahl der Personen im Rentenalter (über 65 Jahre) im Verhältnis zur Zahl der Personen im Erwerbsalter (20 bis 65 Jahre) – steigt deutlich an (siehe Abbildung 3). Während heute noch etwa 33 Rentner auf 100 Erwerbstätige kommen, sind es im Jahr 2050 bereits 43 Rentner auf 100 Erwerbstätige.
Abbildung 3: Entwicklung des Altersquotienten in der Schweiz von 1995 bis 2050 (Quelle: BFS)
Höheres Rentenalter kaum vermeidbar
Die beschriebenen Entwicklungen haben Auswirkungen auf alle drei Säulen des Schweizer Vorsorgesystems:
- AHV: Das Umlageverfahren steht unter Druck. Bereits heute decken die Lohnbeiträge die Rentenzahlungen nicht mehr vollständig. Der AHV-Fonds wird in den kommenden Jahrzehnten stark beansprucht. Reformen wie eine Erhöhung des Rentenalters oder eine Anpassung des Beitragssatzes sind politisch umstritten, aber ökonomisch kaum vermeidbar. Um das Umlagesystem langfristig zu sichern, braucht es eine Kombination von Massnahmen: Denkbar sind eine schrittweise Erhöhung des Rentenalters über 65 hinaus, eine stärkere Beteiligung hoher Einkommen oder gar eine teilweise Kapitaldeckung. Mit der Kapitaldeckung ist ein verstärkter Einbezug des AHV-Fonds – also zusätzlich Geld anlegen, statt alles sofort auszugeben – gemeint. Auch Automatismen, bei denen Rentenhöhen oder Rentenalter an die demografische Entwicklung gekoppelt sind, könnten helfen, die politische Blockade zu bewältigen.
- Pensionskassen: Hier zeigt sich der Druck in Form sinkender Umwandlungssätze. Der demografische Wandel zwingt die Pensionskassen, konservativer zu rechnen. Gleichzeitig wird die Finanzierungslast in der aktiven Phase höher, etwa durch steigende Sparbeiträge und längere Erwerbsphasen. Hinzu kam in den vergangenen Jahren eine systematische Quersubventionierung von Rentenbezügern durch aktive Versicherte. Diese Umverteilung untergräbt das Äquivalenzprinzip (nach dem eine gewisse Gleichwertigkeit von Beiträgen und Ansprüchen hergestellt werden soll) und stellt die zweite Säule in ihrer heutigen Form grundsätzlich infrage. Eine nachhaltige Lösung erfordert nicht nur technische Anpassungen, sondern eine Rückbesinnung auf das Leistungsprinzip – jeder erhält Leistungen, die seinem individuellen Beitrag entsprechen, ohne dass verdeckt eine Generation eine andere finanziert.
- Private Vorsorge: In einer alternden Gesellschaft wächst der Bedarf an individueller Vorsorge. Doch nicht alle haben die Mittel oder das Wissen, diese Möglichkeiten zu nutzen. Es droht eine zunehmende soziale Ungleichheit bei der Altersvorsorge. Haushalte mit tieferen Einkommen haben weniger Möglichkeiten für private Vorsorge. Hier stellt sich die Frage nach Chancengleichheit: Sollte die dritte Säule stärker staatlich unterstützt werden? Braucht es Bildungsinitiativen, um Finanzwissen und Vorsorgekompetenz breiter zu verankern? Die Zukunft der Altersvorsorge entscheidet sich auch daran, ob wir individuelle Verantwortung sozial verträglich gestalten.
Vom Ausland lernen
Die Schweiz steht mit diesen Herausforderungen nicht allein da. In Dänemark ist die Höhe der Rente direkt an die demografische und wirtschaftliche Entwicklung gekoppelt: Sinkt die Lebenserwartung oder das Beitragsvolumen, passen sich die Renten automatisch an. In Schweden wiederum wurde die zweite Säule durch staatliche Rahmenbedingungen gestärkt, die eine hohe Kapitaldeckung bei gleichzeitig effizienter Verwaltung ermöglichen. Die niederländische Vorsorgelandschaft hat jüngst eine umfassende Reform eingeleitet, bei der die kollektive Kapitaldeckung mit individueller Ansparlogik kombiniert wird – ein hybrides System, das sowohl Solidarität als auch Eigenverantwortung stärkt.
«Länder wie Dänemark, Schweden oder die Niederlande zeigen, wie Reformmodelle aussehen können – etwa durch automatisierte Anpassungsmechanismen, flexible Rentenalter oder hybride Finanzierungsformen.»
Kanada wiederum organisiert seine staatlich anerkannten Pensionsfonds wie den Canada Pension Plan (CPP) nach strikt marktwirtschaftlichen Kriterien – mit professioneller Verwaltung, breiter internationaler Diversifikation und sehr niedrigen Verwaltungskosten. Der CPP Investment Board zählt heute zu den leistungsfähigsten Staatsfonds der Welt. Auch in Deutschland wird derzeit intensiv über die Einführung eines Kapitalstocks in der gesetzlichen Rentenversicherung diskutiert («Frühstart-Rente»), um das Umlageverfahren zu stabilisieren. Viele weitere Länder haben in den vergangenen Jahren das Rentenalter angehoben – ein unpopulärer, aber aus ökonomischer Sicht notwendiger Schritt.
Eine zentrale Erkenntnis aus diesen internationalen Erfahrungen lautet: Frühzeitige, transparente und breit akzeptierte Reformen sind der beste Weg, um das Vertrauen in das System zu erhalten – und um die Altersvorsorge nicht zu einem permanenten Sorgenthema werden zu lassen. Besonders erfolgreich sind dabei jene Länder, die nicht nur technische Anpassungen vornehmen, sondern auch gesellschaftliche Narrative neugestalten – etwa durch das Leitbild des «aktiven Alterns» oder durch sozialpartnerschaftlich getragene Reformprozesse. Genannt werden in diesem Zusammenhang häufig Länder wie Schweden, Dänemark, Niederlande, Finnland sowie Japan. Mit «aktivem Altern» ist dabei nicht nur Arbeiten im Pensionsalter gemeint, sondern generell ein selbstbestimmtes, gesundes und gesellschaftlich eingebundenes Leben bis ins hohe Alter.
Zukunftssicherung ist kein Selbstläufer
Otto von Bismarck führte 1889 eine Altersrente mit einem Eintrittsalter von 70 Jahren ein – zu einem Zeitpunkt, als kaum jemand so alt wurde. Heute liegt die Lebenserwartung um Jahrzehnte höher, das Renteneintrittsalter ist aber sogar tiefer. Diese Diskrepanz zeigt, wie stark sich demografische Realitäten und institutionelle Strukturen voneinander entfernt haben.
In der öffentlichen Debatte liegt der Fokus oft sehr einseitig auf dem Rentenalter. Doch eine nachhaltige Vorsorgepolitik muss weitergreifen: Wie können wir ältere Menschen besser in den Arbeitsmarkt integrieren? Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei der Anpassung von Arbeitsplätzen? Wie schaffen wir Anreize für spätere Pensionierung, ohne unfaire Belastungen zu erzeugen? Auch das Zusammenspiel zwischen den drei Säulen ist bislang kaum Gegenstand einer kohärenten Reformstrategie. Es fehlt an übergreifenden Konzepten, wie das Vorsorgesystem als Ganzes auf den demografischen Wandel reagieren kann, statt nur punktuell Symptome zu behandeln.
Antworten auf all diese Fragen und damit also Ansätze für eine nachhaltige Vorsorgepolitik gibt es bereits: Ältere können durch gezielte Weiterbildung, flexiblere Arbeitsmodelle und ein stärkeres betriebliches Gesundheitsmanagement besser im Arbeitsmarkt gehalten werden. Die Digitalisierung unterstützt dies, indem sie Arbeitsplätze altersgerecht gestaltet und neue Beschäftigungsformen ermöglicht. Für eine spätere Pensionierung braucht es flexible Rentenfenster mit fairen Zu- und Abschlägen sowie Anreize, die Arbeit über 65 hinaus attraktiv machen. Zugleich muss das Zusammenspiel der drei Säulen kohärent weiterentwickelt werden – etwa durch automatische Stabilisatoren in der AHV, realistischere Umwandlungssätze in den Pensionskassen und eine stärker geförderte private Vorsorge. Entscheidend ist, dass Reformen transparent, generationengerecht und gesellschaftlich breit akzeptiert sind.
Wichtig ist auch zu betonen, dass der demografische Wandel viele Chancen bietet. Eine alternde Gesellschaft ist nicht zwangsläufig eine krisenhafte – sie kann auch Erfahrungswissen, Innovationskraft und neue Märkte hervorbringen. Entscheidend ist, dass wir den Wandel nicht als Bedrohung, sondern als Gestaltungsauftrag verstehen. Die Reform der Altersvorsorge ist dabei ein Schlüsselthema, das mit Entschlossenheit, Kreativität und Weitblick angegangen werden muss.
Der demografische Wandel ist vorhersehbar – und doch wird seine politische und gesellschaftliche Bewältigung kein Selbstläufer sein. Ohne strukturelle Anpassungen wird die Last zwischen den Generationen zunehmend unausgewogen verteilt. Wir brauchen eine faktenorientierte Debatte über das Rentenalter, eine Stärkung der zweiten und dritten Säule, neue Formen der Erwerbsintegration älterer Menschen – und vor allem den Mut, Reformen nicht auf morgen zu verschieben. Denn die Demografie wartet nicht.
Bundesamt für Statistik: Die Bevölkerung der Schweiz im Jahr 2023. ↩