Die Botschaft der Botschaft ist Planwirtschaft

Die bundesrätliche Energiebotschaft verspricht komfortable Stromreserven, verzichtet aber darauf, den Faktor Realität in ihre Kalkulationen einzubeziehen. Die weniger optimistischen als vielmehr fahrlässigen Zukunftsszenarien werden nur mit Zwang zu realisieren sein – doch planen lassen hat sich die Zukunft noch nie.

Der Bundesrat hat im September 2013 eine Botschaft an die Bundesversammlung zum «ersten Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050» publiziert. Darin legt er die Pläne für die schweizerische Energiepolitik bis ins Jahr 2035 dar, wobei er Ausblicke bis ins Jahr 2050 gewährt.

Ich versuche, im folgenden zu dieser Botschaft1 eine Meinung zu formulieren, die sich auf den Sektor der Elektrizitätsversorgung beschränkt und sich dabei nicht durch Hoffnungen leiten lässt, sondern sich an Facts and Figures orientiert.

Wie viel Energie brauchen wir?

Die Schweiz hat 2013 59,3 Milliarden Kilowattstunden Strom verbraucht. Die Botschaft des Bundesrates schätzt, dass sich der Stromverbrauch der nächsten Jahre und Jahrzehnte nur geringfügig verändern wird:2

2020 59 Milliarden kWh

2035 58 Milliarden kWh

2050 61 Milliarden kWh

Mit anderen Worten geht der Bundesrat davon aus, dass der Stromverbrauch auf heutigem Niveau stagniert. Diese Annahme steht, wie ein Blick auf die bisherige Verbrauchsentwicklung zeigt, auf tönernen Füssen.

Der durchschnittliche Anstieg des Stromverbrauchs zwischen 1996 und 2013 betrug 1,35 Prozent pro Jahr, was nach nur 17 Jahren einen Anstieg von insgesamt circa 25 Prozent bedeutete. Wirtschaft und Gesellschaft sind nun mal keine statischen Systeme, und die Wirtschaftsleistung bleibt auch in Zukunft eng an einen intensiven Stromverbrauch gekoppelt.

Wie soll die schweizerische Volkswirtschaft, die auf dem hochkompetitiven Weltmarkt bestehen und sich durchsetzen soll, mit einer stagnierenden Stromversorgung auskommen? In diesem Zusammenhang fällt notorisch das Zauberwort «Energieeffizienz». Das Energiesparen im Sektor fossiler Energien geht jedoch zwangsläufig mit steigendem Stromverbrauch einher: Mehrverbraucher sind beispielsweise Elektromobile, Heizsysteme, die geothermische Energie nutzen, oder vermehrt elektrisch betriebene öffentliche und private Verkehrsmittel. Kurz und gut, Klimaschutz verlangt in vielen Fällen, dass mehr elektrische Energie eingesetzt wird und nicht weniger.

Gegen eine Stagnation des Stromverbrauchs spricht auch die demographische Entwicklung. Die Bevölkerung der Schweiz nimmt laufend zu – und mit ihr der Gesamtbedarf nach Energie. 1945 hatte die Schweiz rund 4,5 Millionen Einwohner, im Jahre 2001 waren es über 7 Millionen, Ende 2012 hatte sie 8 Millionen Einwohner. Die Bevölkerung dürfte weiterwachsen, wahrscheinlich in der Grössenordnung von circa 1 Prozent pro Jahr. Es ist anzunehmen, dass die Schweiz im Jahr 2035 mindestens 9 Millionen Einwohner zählen wird und im Jahr 2050 10 Millionen. Die Botschaft zur Energiepolitik blendet die Themen «Demographische Entwicklung» und «Bevölkerungswachstum» souverän aus.

Wenn der Stromverbrauch von 2013 bis 2050 aber nur schon um 1 Prozent pro Jahr zunimmt, also etwa proportional zu einem realistischen Wachstum der Bevölkerung, dann wird der Stromverbrauch im Jahr 2050 86 Milliarden kWh betragen.

Kurzum, es ist extrem unwahrscheinlich und deshalb verfehlt anzunehmen, dass der Stromverbrauch über Jahrzehnte hinweg auf dem derzeitigen Stand von 60 Milliarden kWh stagniert.

Wo kommt die künftige Energie her?

Lassen wir den Verbrauch für einen Moment beiseite und widmen uns der Energieversorgung. Hier sind ebenfalls zentrale Fragen offen. Zur Herkunft der elektrischen Energie sagt die Botschaft des Bundesrates folgendes:

Der Beitrag der Kernenergie wird schrittweise stetig abnehmen, nur bis 2034 liefert das KKW Leibstadt noch einen Anteil. Die durch den Ausfall der Kernenergie entstehende Lücke soll bis 2035 bzw. 2050 durch Wasserkraft, erneuerbare Energien und Gaskraftwerke substituiert werden. So weit, so bekannt. Aufschlussreich sind aber die Details dieser geplanten Verschiebung.

Der Beitrag der Wasserkraft soll von 35 Milliarden kWh im Jahr 2010 bis im Jahr 2035 auf 43 Milliarden kWh erhöht werden, bis 2050 auf 44 Milliarden kWh, das heisst um rund 24 Prozent. Niemand weiss heute, ob das gelingen wird: Der Gewässerschutz, die Restwasservorschriften und der Heimatschutz setzen einschränkende Bedingungen. Zudem ist unbekannt, wie sich die Klimaveränderung auswirkt auf die Niederschlagsmengen, die Niederschlagsverteilung im Verlauf des Jahres, die Schneemenge und die Schneeschmelze.

Stromlücke von 15 Milliarden kWh

Die Annahme, man könne die Produktion…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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