Die Bombe

Ungerührt schreitet der Photograph durch das Chaos. Er sucht nach dem Motiv, nach dem besten Bild der ungeheuren Begebenheit. Nur wenige Schritte sind es bis zu der Stelle, wo soeben die Bombe explodiert ist. Gelassen hält er die Kamera griffbereit in der Rechten. Die Welt ringsum ist aus den Fugen. Menschen wurden durch die Druckwelle zu […]

Ungerührt schreitet der Photograph durch das Chaos. Er sucht nach dem Motiv, nach dem besten Bild der ungeheuren Begebenheit. Nur wenige Schritte sind es bis zu der Stelle, wo soeben die Bombe explodiert ist. Gelassen hält er die Kamera griffbereit in der Rechten. Die Welt ringsum ist aus den Fugen. Menschen wurden durch die Druckwelle zu Boden geworfen, sie liegen auf dem Rücken, dem Bauch, auf der Seite, einer kriecht auf allen vieren. Zwei junge Männer stürmen davon, einem hat es Hose und Jacke zerfetzt. Auch das Mädchen im pinkfarbenen Kapuzenshirt läuft jetzt weg. Eine Sekunde zuvor hatte es sich noch den beissenden Qualm aus dem Augenwinkel gerieben. Viele halten sich die Ohren zu, betäubt von dem plötzlichen Knall. Sie hören nichts von dem Schreien, Wimmern und Klagen. Auch wenn sie an Leib und Gliedern unversehrt sind, die Wucht der Detonation hat sie im Innersten getroffen. Manche haben durch den Schock ihr Gleichgewicht verloren, ein einziger Augenblick hat sie aus ihrer Welt gerissen.

Das Photo von dem Bombenanschlag in Boston ist ein seltenes Dokument. Es zeigt einen Tatort wenige Sekunden nach der Explosion. Und es hält die Reaktionen der Menschen im Zustand des Entsetzens fest. Obwohl nur wenige Meter vom Detonationspunkt entfernt, ist kein Blut zu sehen. Der ältere Mann im roten Hemd, der am Boden liegt, ist jedoch schwer verletzt. Minuten später wird man die Blutlache erkennen, in der er liegt. Die Bombe war von simpler Bauart, ein Schnellkochtopf, gefüllt mit Nägeln, Metallkugeln, Klammern von Reissverschlüssen, kleinen scharfkantigen Geschossen, die durch die Luft wirbelten und wie Splitter in Kopf und Körper eindrangen. Vielen Verwundeten mussten mehrere kleine Metallteile aus dem Körper operiert werden. Da die Bomben in Rucksäcken am Boden abgestellt waren, wurden meist Füsse und Beine amputiert.

Nur wenige Bilder halten die Zeitform der Plötzlichkeit, wie sie für Attentate oder Explosionen typisch ist, in einem Schnappschuss fest. Ein Augenblick verändert alles. Soeben feierten die Zuschauer noch die Hobbyläufer, die gerade das Ziel erreichten. Doch jetzt ist alles in Trümmern, zersplittertes Glas, abgerissene Gliedmassen, Taubheit, Panik. Bevor der Bewegungssturm der Flucht losbricht, gibt es einen Zwischenmoment der Erstarrung, der Benommenheit, des instinktiven Selbstschutzes. Einige krümmen sich zusammen, ziehen die Knie an oder bedecken das Gesicht. Viele halten sich den Kopf, wischen sich die Augen, andere liegen nur da. Sie haben keinen Begriff, was mit ihnen geschehen ist. Das plötzliche Ereignis macht die Stetigkeit der Zeit zunichte. So tief ist diese Zäsur, dass das unbefragte Weltvertrauen zerstört und soziale Bindungen zersprengt sind. Fast jeder ist mit sich beschäftigt. Allein das Paar am linken oberen Bildrand, von dem nur die Beine sichtbar sind, klammert sich aneinander. Auch eine einzelne helfende Hand ist in dem Qualm zu erkennen. Im rechten Vordergrund torkelt ein kräftiger Mann mit Sonnenbrille vor sich hin und reibt sich halbblind die Augen. Mit der Rechten, in der er eine Einkaufstüte hält, wollte er die junge Frau in der hellgrünen Windjacke auffangen. Nun greift seine Geste ins Leere, sie sieht und hört nichts. Die Explosion hat Augen und Ohren, die Sinnesfenster zur Welt, zugeschlagen. Diese Blockierung der Sinne erklärt die affektive Anästhesie des Schocks. Bevor Angst, Panik und Fluchtimpulse einsetzen, müssen Sinne und Gehirn Unheil und Gefahr allererst wahrgenommen haben.

Nicht nur der Photograph auf dem Bild, auch der Urheber des Bildes, der sich zufällig in einem Büro oberhalb der Szene aufhielt, zeigt eine erstaunliche Kaltblütigkeit. Zwischen den Fensterstäben hat der Hobbyphotograph das Geschehen dokumentiert. Ihm fielen sofort die beiden flüchtenden jungen Männer auf. Während alle in Schreck erstarrt waren, stürmten sie schon davon. Das FBI hatte daraufhin die beiden Männer im Verdacht, die Attentäter zu sein. Aber vielleicht war ihre Schrecksekunde nur kürzer als die der anderen Zuschauer. Manche Photographen indes scheinen der seltenen Spezies anzugehören, die überhaupt kein Erschrecken kennt.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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