Die Bodmeriana, ein Chorus Mysticus

Rundgang durch dreitausend Jahre Kulturgeschichte 160’000 Handschriften, Autographen und Erstausgaben, von der altägyptischen Zeit
bis ins 20. Jahrhundert, umfasst die Sammlung von Martin Bodmer in Genf. Durch dem Umbau von Mario Botta öffnet sie sich dem Publikum.

Wenn man durch das schmiedeeiserne Gittertor an der Route du Guignard in Cologny bei Genf tritt, um das in diesem Frühjahr eröffnete Museum der Fondation Martin Bodmer zu besuchen, fragt man sich unwillkürlich, was den 1899 in Zürich geborenen Martin Bodmer wohl bewogen haben mag, eine so ungewöhnliche Sammlung anzulegen. «Das Vorhaben der Bodmeriana ist anspruchsvoll. Sie möchte das Menschlich-Ganze umfassen, also die Geschichte, wie sie sich in den Geistesschöpfungen aller Zonen und Zeiten spiegelt» schrieb Bodmer, wohl wissend, wie unerfüllbar dieser Wunsch letztlich bleiben würde. Die verschiedenen Kunstgegenstände, die Versteinerungen, die römischen Münzen und die Medaillen aus der Renaissance, die Steine des Tempels von Ninive, das Mondgestein oder die Plastiken aus Afrika und Polynesien, der 160 Millionen Jahren alte Ichthyosaurier – dies alles mutet fast wie ein barockes Raritätenkabinett an. Der rote Faden, der sich durch diese Vielfalt zieht, ist Bodmers Anspruch, vom Guten nur das Beste zu behalten.

Jetzt sind an die dreihundert der wichtigsten Sammelobjekte in einer ständigen Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich geworden. Diese Schau der Weltkultur erfüllt nicht nur Experten mit ehrfürchtigem Staunen. Auch Uneingeweihte können die Kraft erahnen, die vielen dieser Texte einst innegewohnt haben muss. Hier findet sich der älteste noch erhaltene, in Keilschrift verfasste babylonische Friedensvertrag von 2430 v. Christus, dort Luthers 95 Thesen, die er am 31. Oktober 1517 an die Kirchentür von Wittenberg genagelt haben soll, oder der Entwurf einer Rede «A mes soldats», von Napoleons Hand verfasst vor der für seine Karriere entscheidenden Schlacht von Rivoli 1797. Für Stefan Zweig, aus dessen Sammlung Napoleons Autograph stammt, spiegelte sich darin eine «Sternstunde der Menschheit». Auch die Erstausgabe des «Manifests der Kommunistischen Partei» aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist ein Werk von gewaltiger Tragweite. Martin Bodmer wollte wichtige Texte aller Zeiten in «möglichst ursprungsnaher Form vereinen und sie in ihren geistigen Zusammenhängen zeigen». Wie das Exemplar von «L’après-midi d’un faune» aus dem Besitz von Claude Debussy, das ihn zu seiner symphonischen Dichtung angeregt hat. Der Dichter Stéphane Mallarmé hatte es ihm eigenhändig gewidmet, Edouard Manet hat es illustriert.

Bereits als junger Mann konnte sich Bodmer, durch das Erbe seines Vaters steinreich geworden, ganz seiner Sammlung widmen. Der im Alltag sehr zurückhaltende Zürcher Patrizier hat seine unstillbare Sammlerleidenschaft an fünf Säulen der Weltliteratur ausgerichtet. Wieland, Goethe und Hesse, dessen Schrift zur Weltliteratur er gründlich studierte, inspirierten ihn zu dieser Einteilung. So wurden die Bibel, Homer, Dante, Shakespeare und Goethe zum Kernbestand der Bibliothek. Für seine Sammlung hatte der gebürtige Zürcher am Rande seines prachtvollen Landgutes «Le Grand Cologny» zwei Pavillons im klassischen Stil errichten lassen. Während des Krieges war er für das Internationale Komitee vom Roten Kreuzt tätig und wurde später dessen Vizepräsident. Unter seiner Leitung wurden während des Zweiten Weltkrieges 1,5 Millionen Bücher gesammelt und an Gefangene der kriegführenden Länder verteilt.

Der Blick, der über das Panorama des Genfersees und über die Silhouette des Palais der Vereinten Nationen hinweg zu den fernen Kalkriffen der Jurakette schweift, verliert sich fast. Doch dann wird er vom Bau Mario Bottas gefesselt – vom Boden mit seinen feinen Bändern aus Marmor und Granit, von den fünf Glasstelen, die die fünf Weltliteraturpfeiler verkörpern. Über eine steile Treppe hinunter führt der Weg in den unterirdischen Museumsbau des Tessiner Architekten. Nach seiner Watari-um-Galerie in Tokio, dem MOMA in San Francisco, dem Tinguely-Museum und dem Centre Dürrenmatt in Basel, hat sich Botta beim Museumsbau in Cologny auch von seinen Sakralbauten inspirieren lassen.

Am ägyptischen Schreiber Sobekhotep vorbei gelangt man in eine nachtschwarze Unterwelt. In den beiden je 750 Quadratmeter grossen Schauräumen ist alles von Botta entworfen: die Vitrinen, die wie von Zauberhand zu leuchten beginnen, wenn man sich ihnen nähert, der Glanz der Stucco-lucido-Wände, das dunkle Buchenparkett. Gleichsam losgelöst von Zeit und Raum, wähnt man sich in einer Pyramide, meint eine Katakombe zu durchschreiten und glaubt sich im Innenraum einer Arche. Martin Bircher, der bis Anfang 2004 die Sammlung als Direktor leitete und nun von Charles Mélas, dem ehemaligen Präsidenten des Stiftungsrats abgelöst worden ist, meint: «Angesichts des oft zitierten Verfalls der Werte kann man sagen, dass Bodmer mit seiner Sammlung auch eine Art Arche Noah geschaffen hat, in der wichtige Kulturgüter vor der Zerstörung bewahrt werden. Viele Bibliotheken wurden ja im Zweiten Weltkrieg vernichtet. Bodmer hatte immer wieder eine glückliche Hand beim Erwerb von Spitzenstücken aus grossen Sammlungen, bevor diese in alle Himmelsrichtungen aufgeteilt wurden.» Heute zählt die Bibliotheca Bodmeriana neben Chester Beatty in Dublin und der Morgan Library in New York zu den grossartigsten privaten Bibliotheken der Welt.

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Bis zu Bottas Umgestaltung schlummerte die Sammlung mit ihren 160’000 kostbaren Handschriften, Autographen und Erstausgaben – sie reichen von der altägyptischen Zeit bis ins 20. Jahrhundert – in einer Art Dornröschenschlaf. Als Martin Bircher im Herbst 1996 die Leitung der Bibliothek übernahm, drohten wegen der geringen öffentlichen Wirkung – das Museum war nur an einem Nachmittag pro Woche geöffnet – und der angespannten Wirtschaftslage des Kantons Genf drastische finanzielle Kürzungen. «Doch dann hat eine glückliche Konstellation alles verändert. Im Januar 1998 gelang es, mit dem Erlös aus dem Verkauf der Zeichnung ‹Christus und die Samariterin› von Michelangelo an einer Auktion bei Sotheby’s in New York die erwarteten Kosten für einen Neubau aufzubringen. Unsere Mitarbeiterin Elisabeth Macheret-van Daele konnte dann Mario Botta für die Sache gewinnen. Mit dem neuen Konzept des Museums wird ein Rundgang durch dreitausend Jahre Kulturgeschichte möglich. Diese wunderschön gestalteten Räume erzeugen eine geradezu sinnliche Wahrnehmbarkeit», schwärmt Bircher.

Der Besucher wird an Exponaten aus frühen Hochkulturen vorbeigeführt, etwa am ägyptischen Mumienbild eines jungen Mannes oder an einem über zwei Meter langen Text aus dem Totenbuch des Hor aus dem 4. bis 3. Jahrhundert vor Christus. Es folgen Pergamentmanuskripte aus Hellas und Rom. Eine der spektakulärsten Erwerbungen Bodmers ist eine Papyri-Sammlung aus Ägypten. Sie enthält eines der ältesten Manuskripte des Johannes-Evangeliums aus dem 2. Jahrhundert, aber auch die einzigen erhaltenen Texte des Lustspieldichters Meander (342 bis 291 v. Chr.). Die sogenannte 42zeilige Gutenbergbibel, das erste mit beweglichen Lettern gedruckte Buch in Europa, ist bis heute die Krone der Sammlung geblieben. Bodmer hatte die Bibel 1928 mit erst 26 Jahren in London von den Sowjets erworben. Es folgen Handschriften und Kostbarkeiten aus Mittelalter und Renaissance, darunter eine Papierhandschrift des Nibelungenliedes. Das Botticelli-Porträt von Dante war Bodmer besonders teuer. Unter den Zeugnissen zu Kultur und Religion Asiens liegt neben einem Manuskript des persischen Dichters Hafis auch Goethes eigenhändiges Gedicht aus dem Westöstlichen Diwan, «Hans Adam war ein Erdenkloss».

Man kann sich am Streichquartett in D-Dur von Mozarts Hand oder an einem Werk Newtons mit Randnotizen von Leibniz ergötzen. Oder man bestaunt die jüngsten Erwerbungen, etwa die Korrespondenz zwischen Rilke und Baladine Klossowska, die redigierten Druckfahnen der «Recherche» von Proust oder ein in Genf entstandenes Manuskript von Jorge Luis Borges. So wird man gewissermassen zum Augenzeugen historischer Ereignisse und künstlerischer oder wissenschaftlicher Einfälle. «Dies alles ist nun Bodmers Sammlervision zum ersten Mal wirklich gerecht geworden. Die Bibliothek ist allerdings so reich, dass man ein Dutzend oder mehr Ausstellungen dieser Art hätte machen können», erläutert Martin Bircher.

Am Ende seines Lebens war Martin Bodmer vom Wunsch beseelt, seine Bibliothek möge als Chorus Mysticus, als «Symbol des Weltschrifttums» und «Synthese menschlicher Zivilisation» verstanden werden; ähnlich wie es am Ende von Goethes Faust heisst: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis…». Schliesslich zeugt auch Martin Bodmers Grabspruch auf dem kleinen, alten Friedhof von Cologny von dieser Vision: QUID EGERIS TUNC APPAREBIT CUM ANIMAM AGES – ein Wort Senecas, das sich sinngemäss wie folgt übersetzen lässt: «Was Du bewirkt hast, wird erst die Stunde Deines Todes offenbaren.»

Die Publizistin Felizitas von Schönborn ist für verschiedene Zeitungen, Zeit-schriften und Rundfunkanstalten bei der Uno und in Genf akkreditiert. Unter anderem ist sie Autorin von «Peter Ustinov. Ich glaube an den Ernst des Lachens» (2000) sowie «Dalai Lama – Mitgefühl und Weisheit» (2004).

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»