«Die beste Art, im Gesundheitswesen zu sparen, ist, die gesunde Lebenserwartung zu verlängern»
«Der Lebensstil ist entscheidend, um möglichst lange möglichst gesund zu leben», sagt die Altersforscherin Heike Bischoff-Ferrari. Sie kennt sieben Hebel, die jeder nutzen kann.
Heike Bischoff-Ferrari, «60 ist das neue 50», sagen viele. Stimmen Sie zu?
Bischoff-Ferrari: 60 kann das neue 50 sein. Wir sehen in der Medizin, dass Menschen unterschiedlich altern. Die gute Nachricht ist, dass heute und insbesondere in der Schweiz mehr Menschen biologisch jünger sind als ihr chronologisches Alter. Das passiert aber nicht automatisch, sondern hat viel mit dem Lebensstil zu tun.
Aber sind die 60-Jährigen tatsächlich biologisch jünger als beispielsweise vor 50 Jahren?
Ja, ganz sicher, auch weil in dieser Zeit die Lebenserwartung gestiegen ist. Trotzdem besteht eine grosse Spannweite, wie eine Studie aus Neuseeland gezeigt hat. Die Forscher untersuchten die gleichen Menschen zu verschiedenen Zeitpunkten, erstmals im Alter von 28 Jahren. In der ersten Untersuchung waren diese Personen fast alle chronologisch und biologisch 28. Bei der zweiten Untersuchung zehn Jahre später waren alle chronologisch 38, aber biologisch ging die Schere bereits auf. Manche waren biologisch immer noch 28, andere hingegen schon über 50.
Kennen Sie Ihr biologisches Alter?
Nein, ich werde es aber bald wissen. Ich bin Teil einer weltweiten Kohorte, die ihr Blut gibt und regelmässig getestet wird.
Neben dem chronologischen und dem biologischen gibt es auch noch das gefühlte Alter.
Ja. Das hat unter anderem eine Untersuchung des Gottlieb-Duttweiler-Instituts untersucht. Schweizweit wurden Menschen im Alter von 70 bis 80 gefragt, wie alt sie sich fühlen. Die Männer fühlten sich im Durchschnitt 18 Jahre jünger, die Frauen 12 Jahre.
Inwiefern ist das gefühlte Alter relevant?
Das gefühlte Alter korreliert mit der Gesundheit und mit dem biologischen Alter. Auch die mentale Gesundheit spielt eine wichtige Rolle. Wir wissen etwa dank einer Untersuchung der Harvard University, dass Menschen mit einem bestimmten Mindset länger gesund und aktiv sind.
Was zeichnet diese Menschen aus?
Es sind Menschen, die neugierig und offen für Neues sind, sich selbst Sorge tragen und eine gewisse Spiritualität leben.
Die Leute werden also älter und fühlen sich jünger. Gleichzeitig lassen sich in der Schweiz nach wie vor mehr Leute frühpensionieren, als über das ordentliche Pensionsalter hinaus arbeiten.
Das ist kein guter Trend. Untersuchungen weltweit zeigen, dass wir, um die Renten zukünftig zu finanzieren, bis 2050 das mittlere Pensionierungsalter auf 73 Jahre anheben müssten. Aber um das zu schaffen, muss man den Menschen ermöglichen, nicht nur länger zu leben, sondern auch länger gesund zu leben. Gemäss der Definition der Weltgesundheitsorganisation ist damit gemeint, ohne Einschränkungen und ohne schwere Erkrankungen aktiv am Leben teilnehmen zu können.
Wie gross ist die Differenz zwischen der Lebenserwartung und der gesunden Lebenserwartung?
In der Schweiz liegt die mittlere totale Lebenserwartung bei 84 Jahren und die gesunde Lebenserwartung bei 71 Jahren. Damit ist die Schweiz bei beiden Zahlen die Nummer 1 in Europa. Aber auch hierzulande hinkt die gesunde Lebenserwartung hinterher. Dieser Gap ist auch wirtschaftlich relevant, da mehr gesunde Lebensjahre einem Land enorme wirtschaftliche Vorteile verschaffen. Gemäss einer aktuellen Publikation der Beratungsfirma McKinsey zu den USA generiert eine Million Dollar, die man in gesunde Langlebigkeit investiert, einen Nutzen von drei Millionen. Denn ein Alterungsprozess, der nicht gesund ist, kostet sehr viel. Dazu bedeuten mehr gesunde Lebensjahre, dass Menschen ihr Potenzial länger aktiv einbringen können. Die beste Art und Weise, im Gesundheitswesen zu sparen, ist, Menschen zu helfen, länger gesund und aktiv zu bleiben. Aber dafür braucht es präventive Massnahmen, die in der heutigen Medizin kaum eine Rolle spielen. Die Medizin von heute ist auf die Behandlung von Erkrankungen fokussiert.
Ist der Gap zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenserwartung über die Zeit konstant geblieben?
Was kann denn der Einzelne tun, um möglichst lange gesund zu bleiben?
Entscheidend ist der Lebensstil. Es gibt sieben Hebel, die jeder nutzen kann und die erwiesenermassen wirksam sind: genügend Schlaf (7 bis 8 Stunden am Tag), Bewegung (6000 bis 8000 Schritte am Tag), Neues lernen, Umgang mit Stress (Achtsamkeitstraining), gesunde Ernährung, zum Beispiel mediterran, soziale Interaktion und nicht rauchen.
Welche dieser sieben Hebel nutzen Sie persönlich?
Ich versuche alle sieben kombiniert anzuwenden. Wir sehen in der Forschung, dass gerade die Kombination kleiner Veränderungen in mehreren Lebensstilfaktoren additive Wirkungen hat. Das kann man auch gut im Alltag umsetzen. Zum Beispiel nutze ich jede Gelegenheit, um mich zu bewegen. Jeder Schritt zählt und jede Treppe ist ein Geschenk. Im Sommer gehe ich oft schwimmen. Das hilft mir, einen Moment abzuschalten. Zugleich regt es die Kreativität an.
Welcher Hebel fällt Ihnen am schwersten zu nutzen?
Ich arbeite sehr viel. Daher komme ich nicht immer auf die empfohlenen sieben Stunden Schlaf. Dafür versuche ich, die Schlafzeit, die ich bekomme, möglichst erholsam zu gestalten. Ich nutze zum Beispiel Achtsamkeitstraining als Einschlafhilfe. Dabei wende ich die Yoga-Technik Yoga Nidra an. Das sind zehn sehr gut investierte Minuten.
Was ist mit medizinischen Eingriffen oder Medikamenten, welche die Langlebigkeit fördern sollen?
Dafür gibt es bis jetzt keine Belege. Derzeit laufen viele Untersuchungen, oft sehr kleine Studien, die keine ausreichenden Belege für die Wirksamkeit und Sicherheit liefern können. Eine untersuchte Medikamentengruppe sind Diabetesmedikamente oder Medikamente zur Behandlung von Übergewicht. Ein Beleg aus einer grossen Studie, dass diese Medikamente bei Menschen ohne Diabetes sicher und wirksam sind, fehlt bisher. Man müsste mit grossen Studien zeigen können, dass diese Medikamente einen enormen Nutzen bei der Reduktion chronischer Krankheiten haben, damit sie angesichts der hohen Kosten für die Volksgesundheit relevant würden.
Im Sommer haben Sie in Basel den «Swiss Campus for Healthy Longevity» eröffnet. Was erforschen Sie dort konkret?
Es geht darum, Menschen zu befähigen, ihre gesunde Langlebigkeit auszuweiten. Dafür baut der Campus zum einen eine einmalige Forschungsplattform auf, in der führende Universitäten ihre Daten und ihre neuen Messmethoden zusammenbringen. Zum anderen bietet der Campus Programme der direkten Nutzbarmachung für die Bevölkerung an.
Gegenwärtig arbeitet die Medizin vor allem mit Messwerten, die dann anschlagen, wenn krankhafte Veränderungen bereits etabliert sind und oft nicht mehr reversibel sind. Mit den neuen molekularen Messmethoden zum biologischen Alter, wie epigenetischen Uhren oder Proteom-Handschriften, die das individuelle Alter von Organen anzeigen, können wir krankhafte Veränderungen sehr viel früher erfassen. Das bietet enorme Möglichkeiten für die Prävention und frühzeitige Behandlung.
Wird der Trend, dass die Lebenserwartung und die gesunde Lebenserwartung steigen, immer weitergehen? Können wir das Altern irgendwann ganz überwinden?
Nein. Wir sind eine alternde Spezies, und irgendwann stösst unsere Biologie an ihre Grenzen. Ich finde es wichtig, das zu akzeptieren. Aber wir haben einen grossen Spielraum, was die gesunden Lebensjahre betrifft. Da gibt es enorme Chancen und Innovationen für eine älter werdende Gesellschaft.