Die Besichtigung eines Jahrhunderts

«Die verschluckte Musik» berichtet von der Grossmutter, die 1926 aus Bukarest in die Schweiz emigriert, «Das schwarze Eisen» widmet sich dem Grossvater, der in der Schweiz ein Stahlimperium aufbaut, «Die besseren Zeiten» steht das Schicksal des gemeinsamen Sohnes im Zentrum. Erzählt wird dies alles von Christian Haller, dem Enkel. Der Schweizer Schriftsteller wird dieses Jahr mit dem Aargauer Literaturpreis geehrt.

Wie weit trägt die Erinnerung, und wie weit trügt sie? Chri-stian Haller hat in den vergangenen fünf Jahren über diese Fragen nicht nur nachgedacht, sondern sie in einer Romantrilogie der Erinnerung auch praktisch erprobt. Anhand seiner eigenen Familiengeschichte beschreitet er den schmalen Grat zwischen tatsächlicher Begebenheit und literarischer Konstruktion.

Über das prekäre Verhältnis von Erinnerung und Erfindung reflektiert der Nobelpreisträger Imre Kertész im Kern seines soeben erschienenen Buches «Dossier K.». Mit überraschender Entschiedenheit betont er, dass es sich bei seinen Büchern immer um literarische Fiktionen handle, obwohl er, der Autor, all das Beschriebene wirklich erlebt habe. «Die Welt der Fiktion ist eine souveräne Welt, die im Kopf des Autors geboren wird und den Gesetzen der Kunst, der Literatur gehorcht.»

Dieser Satz zielt ins Zentrum von Christian Hallers Erinnerungstrilogie. Allerdings erinnert sich der Autor nur stellenweise an Begebenheiten, die er selbst erlebt hat. Der Impuls, die Familiengeschichte zu erforschen, rührt vielmehr von Gefühlen der Nostalgie her, die von Erzählungen seiner Mutter hervorgerufen sind. Drei Romane sind daraus entstanden, deren erster an die frühere Heimat der Mutter, an Rumänien erinnert («Die verschluckte Musik»), der zweite den Aufstieg des Grossvaters zum Schweizer Stahlbaron erzählt («Das schwarze Eisen») und deren letzter mit dem eigenen Vater auch sich selbst als Jungen ins Blickfeld nimmt. Dem ersten Band ist ein Wappenspruch der mütterlichen Familie S. vorangestellt: «Die Gegenwart ist unser Leben. / falsch daher jedes Streben / und Warten auf die goldene Zeit, / die keinem Menschen je erscheint.» Aber niemand in der Familie hätte sich je an diesen Wahlspruch gehalten, ergänzt der Autor; im Gegenteil, die Nostalgie prägte sie alle und bildet daher auch das Fundament der Trilogie.

Der Fremdwörterduden definiert «Nostalgie» als sehnsuchtsvolle Gestimmtheit, die sich in einer verklärenden Rückwendung zu früheren Zeiten ausdrückt. Wer unter Nostalgie leidet, dem erscheint die Vergangenheit als verlorenes Paradies, das in der Gegenwart keine Entsprechung findet. Nostalgie erinnert nicht, sondern verklärt. Nicht zuletzt deshalb veranlasst das schwindende Gedächtnis der Mutter im Roman «Die verschluckte Musik» den Sohn, einen Altertumsforscher, selbst nach Bukarest zu reisen. Denn auf ihre Heimatstadt, das weltläufige und kultivierte «Paris des Ostens», richten sich ihre sehnsüchtigen Erinnerungen.

1909 geboren, war sie in Bukarest in gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen. Mit Gehrock, Zylinder und Stock repräsentierte der Vater als Fabrikdirektor bürgerliches Selbstbewusstsein und wirtschaftlichen Erfolg. Die politische Instabilität bewegte die Familie 1926 jedoch zur Emigration. Der Blick vom schwankenden Donaudampfer aus zurück auf die entschwindende Stadt wird zur Lebensperspektive der Mutter, die dem verblassenden Traum von einem eleganten, geglückten Leben nachtrauert. «Ich bin eine Emigrantin, ich habe mich nie anders in der Schweiz gefühlt», beteuert sie noch 70 Jahre später.

Der Ich-Erzähler versucht, Schichten und Spuren dieser Familiengeschichte freizulegen. Nach und nach verdichten sich alte Photographien, mütterliche Erinnerungsfetzen und Erfahrungen an Ort und Stelle zu einem episodischen, lückenhaften Sehnsuchtsbild, das über die Gründe für die Auswanderung und die politischen Schwierigkeiten hinweglügt.

Je mehr der Altertumsforscher in der Vergangenheit schürft, umso mehr öffnet sich ihm ein zweites Grabungsfeld: die Geschichte Rumäniens, die ganz andere Erkenntnisse zum Vorschein bringt. Das Elend eines Landes tritt ins Zentrum, das seit Mitte der 1920er Jahre bis zum Sturz Ceau?escus 1989 unter national-faschistischer und stalinistischer Despotie litt. Vor diesem Hintergrund wird die Wehmut nach einer verflossenen Belle Epoque zur unpolitischen, geschichtsblinden Haltung. Denn die Opfer von Ceau?escus Terror, wie der rumänische Freund Sorin Manea, haben keinerlei Grund zur Wehmut, während die Günstlinge des alten Regimes, ähnlich wie die Mutter, einer nostalgischen Sehnsucht nach dem alten Rumänien nachhängen und die Untaten verdrängen.

«Die verschluckte Musik» konfrontiert und verknüpft kunstvoll den privaten Familientraum mit der Zeitgeschichte. Der Versuch der literarischen Rekonstruktion bleibt dabei stets tastend. Der Altertumsforscher enthält sich vorschneller Urteile. Lieber legt er umsichtig die unterschiedlichen Grabungsfunde aus, um sie zu ordnen und zu interpretieren, ohne je den spekulativen Charakter seines Tuns zu leugnen.

Christian Haller ist damit ein sprachlich überzeugender, ebenso kompakter wie verschlungen arrangierter Roman gelungen, der rätselhaft bleibt, wo nötig, und deutlich ausspricht, was dem Nachgeborenen möglich ist. «Es schwankt» heisst gleichlautend der erste wie der letzte Satz.

Entflieht die Nostalgie nur allzu gern in luftig-leichte Imaginationen, trachtet die biographische Recherche nach sachlicher Nüchternheit unter dem Motto: Gedenke, woher du kommst! Entsprechend heisst der zweite Band der Erinnerungstrilogie «Das schwarze Eisen». Der Titel verweist auf die eherne Macht der Vergangenheit, die die väterliche Seite der Familiengeschichte charakterisiert. Dem mütterlichen Erbe wird vom Grossvater väterlicherseits eine Wirklichkeit entgegengehalten, die von Entbehrung, Armut, Not geprägt ist. Wer es, wie er, trotzdem zu etwas gebracht hat, der bewahrt lebenslang den Ingrimm des Aufsteigers im Herzen: es denen zu zeigen, denen Glück, Reichtum, Karriere in die Wiege gelegt waren. Der Grossvater verdankte seinen beruflichen Erfolg allein seinem Schaffensdrang. Zeitlebens duldete er weder Lässigkeit noch Widerspruch – erst recht nicht bei seinen Söhnen, die das erarbeitete Erbe weiter mehren sollten. Getragen vom eisernen Willen, nicht wie sein Vater im «Güllihaus», dem Armenhaus, zu enden, rackerte er sich hoch zu einem der Stahlbarone der Schweiz. Unbarmherzig auch sich selbst gegenüber, verschwieg er zeitlebens seine Erfahrungen in der Fremdenlegion, in der er sich in seinen Jugendjahren verdingen musste. Er verlor nie ein Wort darüber. Hinter diesem Schweigen wittert sein Enkel jedoch eine tiefe Verletzung. Der Grossvater schien für etwas zu sühnen, das unausgesprochen bleiben musste.

Die nostalgische Leichtigkeit des vorangegangenen Romans wird in «Das schwarze Eisen» von einer niederdrückenden Schwermut verdrängt. Die Recherchen des Erzählers nehmen zuweilen etwas Pedantisches an. Ihnen fehlt – durchaus nacherlebbar – jener überraschende Zauber, der das Mutterbuch auszeichnet. Der handfeste grossväterliche Traum von Eisen und Elektrizität lässt eine Flucht ins Schwärmen nicht zu. Christian Haller gelingt es jedoch auf wunderbare Weise, dem alten Patriarchen eine zerbrechliche Aura zu verleihen. Denn seine Unerbittlichkeit hielt ihn gefangen und blieb auch seinen Söhnen auferlegt, wie dies der letzte Teil der Trilogie demonstriert. Erst der Enkel, also der Erzähler, vermag sich durch seine reflektierende Recherche zu befreien.

Dem Vater des Erzählers gelang dies nicht. Er wagte es nicht, der Aufforderung des Grossvaters, eine Maschinenfabrik und Giesserei zu übernehmen, Widerstand entgegenzusetzen. Er gab seine Stellung als Leiter einer Fassfabrik in Basel auf und zog mit seiner Familie aufs Land. Doch mit dieser Entscheidung zur Anpassung überforderte er sich selbst. Sein ausserordentliches Verkaufstalent verband sich mit Unentschlossenheit und Nachgiebigkeit, wenn es darum ging, die eigenen Interessen und Wünsche durchzusetzen. Das nostalgische Wesen der Mutter und die unerbittliche Nüchternheit des Grossvaters lagen in ihm im Widerstreit.

In dem dritten Band «Die besseren Zeiten» erinnert sich Christian Haller mit zurückhaltender Anteilnahme an die «besseren», selbst erlebten Zeiten. War der erste Band seiner Trilogie durch den Besuch des Erzählers in einer fremden Heimat meisterhaft mit der Gegenwart verbunden, und eröffneten die präzisen Recherchen im zweiten Band ein Kapitel Schweizer Industriegeschichte, so zeichnet diesen dritten Teil demgegenüber eine gewisse Unentschiedenheit aus. Stellenweise wunderbar anschaulich beschreibt er den Wandel von der Gründer- zur Konsumgesellschaft. Wiesen wurden zu Bauland und gute Stuben zu Fernseharenen. Aber die erzählerische Doppelperspektive auf den Vater gelingt nicht recht. Der Erzähler nennt ihn mal W., mal Vater, ersteres sachlich distanziert, letzteres emotional nah.

Dergestalt ist «Die besseren Zeiten» der nicht ganz so schillernde Abschluss einer bewundernswerten Romantrilogie, die an ihrem Anfang der Mutter, und an ihrem Schluss dem Vater seine liebevolle Reverenz erweist. Mochte dieser mit seinem Unternehmen auch nicht zu reüssieren, so bleibt von ihm dennoch ein tröstlicher, vortrefflicher Eindruck haften: er blieb als Geschäftsmann honett und war mit Recht stolz darauf.

Christian Haller, «Die verschluckte Musik». München: Luchterhand Literaturverlag, 2001. «Das schwarze Eisen». Ebenda, 2004. «Die besseren Zeiten». Ebenda, 2006.

BEAT MAZENAUER, geboren 1958, arbeitet als Literaturkritiker und freier Autor in Luzern und Zürich. Zuletzt erschienen von ihm Beiträge zur Literatur- und Mediengeschichte in: «Schreiben am Netz» (2003).

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