Die Bank in meinem Büro
Ronnie Grob, fotografiert von Andy Gawlowski.

Die Bank in meinem Büro

Mit einer Bitcoin-Node kann jedermann verschlüsselte Transaktionen mit der Kryptowährung verarbeiten. Das ist gar nicht so schwierig, wie ein Selbstversuch zeigt.

 

Als ich im Oktober eine «Bitcoin Machine» bestellte, wurde ich vorgewarnt. 30 Tage werde es schon dauern, bis sie verschickt werde. Angekommen ist sie dann zwei Monate später, in einem erstaunlich kleinen und leichten Paket von nicht mal einem Kilo, verschickt aus dem südindischen Madurantakam. Das Gerät, das nun in meinem Arbeitszimmer steht und seither dauernd läuft, ist so gross wie ein dickes Buch und dient als Full-Node für Bitcoin und Lightning. Das heisst: Es hilft als Knotenpunkt im Netzwerk mit, Transaktionen der Kryptowährung zu verarbeiten. Eingebaut ins Aluminiumgehäuse sind unter anderem ein Einplatinencomputer und eine SD-Speicherkarte.

Weil ich mich für eine bereits zusammengebaute Lösung entschieden habe, ist die Installation kinderleicht. Das Netzwerkkabel einstecken, das USB-C-Netzkabel am Stromnetz anschliessen, und schon läuft das Ding. Nicht im Lieferumfang inbegriffen ist die Harddisk. Darauf wird die gesamte Bitcoin-Blockchain gespeichert – mit aktuell etwas weniger als 400 Gigabyte Platzbedarf – und mit ­jedem geschürften Block, also etwa alle zehn Minuten, ­aktualisiert. Zusammen mit den anderen Erfordernissen werden aktuell 533 Gigabyte meiner 2-Terabyte-Harddisk belegt.

Direkten Zugriff auf meine Node habe ich via eine zur Verfügung gestellte Adresse im TOR-Browser von überall auf der Welt. Der TOR-Browser ist generell ein kleines Kryptografiewunder für all jene, denen Privatsphäre ein Anliegen ist und die folglich ungern verfolgt werden bei ihre Bewegungen im Netz: Jede Anfrage und Antwort wird so lange verschlüsselt über verschiedene Server weltweit geschickt, bis niemand mehr die Herkunft der ursprünglichen Anfrage nachvollziehen kann.

Illustration von Stephan Schmitz.

Das Lightning-Netzwerk

Um die Skalierbarkeit und Alltagstauglichkeit von Bitcoin zu erhöhen, haben Entwickler die Kryptowährung in den letzten Jahren mit einer zweiten Ebene erweitert, dem Lightning-Netzwerk. Über diese Mikrozahlungen auszuführen, hat zwei Vorteile: Erstens erfolgen die Bitcoin-Zahlungen innerhalb weniger Sekunden (vergleichbar mit Twint). Zweitens werden sie nicht im Detail auf der Blockchain abgelegt und sind so im einzelnen nicht nachvollziehbar. Die Abspeicherung in der Blockchain passiert erst, wenn ein zwischen Nodes geöffneter Kanal wieder schliesst, was Monate oder Jahre später passieren kann. Auf die Blockchain kommt lediglich der Saldo der bis dahin abgehandelten Transaktionen.

Lightning-Zahlungen haben das Potenzial, die digitalen Geschäftsmodelle, wie wir sie heute kennen, auf den Kopf zustellen. Denkbar ist etwa, dass sie sich als neuer Standard etablieren, um Streams zu bezahlen – abgerechnet wird in Aufmerksamkeit pro Minute oder künftig gar Sekunde. Kunden von Spotify, Netflix, YouTube, vielleicht auch des «Schweizer Monats» werden sich fragen, weshalb sie ihre Kreditkartenangaben eintippen sollen, wenn sie auch direkt vom Lightning-Wallet aus bezahlen können, ohne Informationen über sich preiszugeben.

Viele Zahlungen werden künftig automatisiert, anonymisiert und verschlüsselt im Hintergrund abgewickelt werden. Bitcoin Lightning wird einen Markt schaffen, in dem noch mehr als heute die Performance zählt; es macht aber auch Gelegenheitszahlungen oder spontane Spenden so einfach wie nie. Wer früh dabei ist, könnte profitieren. Das wird sich auch Nayib Bukele gedacht haben, der Präsident von El Salvador, als er Bitcoin zum gesetzlichen Zahlungsmittel im Land gemacht hat. Einen Kaffee kann man dort schon an vielen Orten mit Lightning bezahlen. Dafür braucht es übrigens keine Node, sondern nur ein Wallet wie Phoenix oder Muun. Ich bezahle inzwischen mit Zap An­droid, das per TOR direkt mit meiner Node verbunden ist.

Über Routinggebühren kann man zwar Einnahmen generieren mit einer Lightning-Node. Doch ich beteilige mich in erster Linie am Netzwerk, um das dezentrale Projekt ­aktiv zu unterstützen: Je mehr Nutzer sich beteiligen, desto…

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