Die Asse von morgen

Kostenexplosion im Asylwesen? Die Debatte geht an den wichtigen Fragen vorbei. Was ist mit den Wirtschaftsflüchtlingen? Wie hoch ist deren Potential?

Die Asse von morgen
Gunnar Heinsohn, photographiert von Michael Wiederstein.

In der europäischen Debatte über Migranten streitet man jetzt darüber, ob ihre Unterstützung kaum noch überschaubare Milliarden kosten oder ob sie doch eines Tages beim Bruttosozialprodukt etwas bringen könnten. Da man sich bei der Aufnahme auf Asylberechtigte beschränken will, darf man nach Qualifikation nicht fragen. Das geht nur bei den verschmähten Wirtschaftsmigranten. Bei der Herkunft aus Kriegsgebieten hat der Analphabet dieselbe zu schützende Menschenwürde wie ein Nobelpreisträger. Was aber bedeutet die Migration für die Aufnahmeländer aus Bildungs- und Standortwettbewerbssicht?

Aktuelle Versorgungskosten sind relativ leicht zu ermitteln. Der deutsche Aufwand pro Kopf und Jahr – bei durchschnittlich drei Jahren bis zu Spracherwerb und möglichem Einstieg in den Arbeitsmarkt – liegt bei 15 000 Euro. Kommen die nächsten drei Jahre jeweils eine Million Menschen nach Deutschland (2015 werden es mehr sein) – auch dank gesetzlich vorgesehenem Familiennachzug –, macht das in drei Jahren 135 Milliarden Euro.1

Momentan klagt kein Land in Europa über einen Mangel an Unqualifizierten. Alle aber suchen händeringend nach Talenten. Gleichwohl gelten bereits Ende 2014 unter rund 500 Millionen EU-Bürgern 26 Millionen Kinder und Jugendliche – 30 Prozent aller Menschen unter 18 Jahren – als sogenannt «armutsgefährdet» (ein Attribut, das angesichts der existenziellen Armut in anderen Teilen der Welt zweifellos interpretationsbedürftig ist). Fünf Millionen von ihnen dürften nicht einmal die Kompetenz haben, um eine einfache Ausbildung zu absolvieren.2 Und zugleich haben diese 26 Millionen im EU-Raum – sowie in den Partnerländern – das Recht, ohne Beschränkung umziehen, um ihr Sozialhilfeeinkommen zu optimieren.

Sie stehen für eine der schmerzlichsten Erfahrungen des Ausbildungssystems. Die Pädagogik muss eingestehen, dass sie bei der Behebung schwacher Leistungen in Mathematik kaum vorankommt. So hat man in Deutschland, wo Migranten ein Drittel des Nachwuchses stellen, gewaltige Beträge in die bereits hier Geborenen gesteckt. Von klein auf haben sie Lernhilfe kostenlos bekommen. Dennoch schneiden sie als Fünfzehnjährige in Mathematik nur zu 1,3 Prozent mit sehr gut und zu 6,2 Prozent mit gut ab, während es 6,3 Prozent bzw. 15,8 Prozent bei den Alteingeborenen sind. Mangelhaft, ungenügend oder noch schlechter jedoch enden 50,8 Prozent gegen «nur» 29,9 Prozent der Einheimischen.3

Ein solches Ergebnis macht den Wunsch verschiedener Staaten verständlich, erst einmal nur fertige Mathekönner über die Grenzen zu lassen und sie erst dann wieder für alle zu öffnen, wenn die Erzieher erfolgreiche Methoden vorweisen können. Sehr wahrscheinlich ist das nicht, denn auch andere Regionen kommen pädagogisch nicht voran. Bei TIMSS 2011 (Mathe-Olympiade für 15-Jährige) liegt in Afrika Ghana mit 331 Punkten unangefochten vorne, aber von Methoden für einen weiteren Anstieg hört man nicht viel. Wenn die Kinder dort auch nur zu den 514 Punkten des EU-Besten Finnland aufschliessen, werden sie sich vor den Talent-Scouts nicht retten können. Eher als von Europäern mögen sie sich aber vom Nachwuchs einer Ex-Kolonie inspirieren lassen. Es geht um das einst so geschundene Südkorea. Mit 613 Punkten stellt es den Sieger und wird so zum Leuchtturm aller einst Entrechteten.4

Werden die Kommenden von heute und morgen auf dem Arbeitsmarkt weniger enttäuschen als die gestern Geholten? Afrika bleibt für Europa der entscheidende Raum. Allein die Subsahara-Länder springen zwischen 1950 und 2015 von 180 auf 980 Millionen Einwohner.5 Bei insgesamt 600 Millionen ohne Elektrizität kann nicht überraschen, dass rund 40 Prozent der Afrikaner von der Auswanderung in die Erste Welt träumen.6 Diese 390 Millionen wüchsen bei unveränderten Migrationswünschen bis zum Jahre 2050 auf 840 Millionen heran, weil dann 2,1 Milliarden Einwohner erwartet werden.7 Die rund 150 Millionen Araber und Asien-Muslime, die heute kommen wollen, sowie die 250 Millionen von 2050 erscheinen dagegen fast schon als zu vernachlässigende Grösse.

Es könnten aber noch viel mehr Afrikaner nach Europa streben, weil sich die Hoffnungen auf innerafrikanische Wirtschaftswunder nicht erfüllt haben. Immer noch gehören 90 Prozent zu den Armen mit weniger als 10 Dollar täglich. Der Anteil der Mittelschicht (10–20 Dollar) ist zwischen 2004 und 2014 nur von 4,4 auf 6,2 Prozent gestiegen. Dafür ist die Zahl der Allerärmsten (1.90 Dollar pro Kopf), die weltweit stetig sinkt, in Afrika zwischen 1990 und 2011 von 280 auf 390 Millionen hochgeschnellt.8 Es fehlen allenthalben die Innovativen für das Ziehen des Karrens. Die in solchen Dimensionen nie gesehenen Menschenmengen, die deshalb aus Afrika nach Norden fliehen wollen, könnten schon in wenigen Jahren auch vor Europa auf Grenzen treffen, deren Durchbrechung militärisch verhindert wird. Die dadurch nur noch zorniger werdenden Jünglinge müssen dann unter sich ein Gleichgewicht zwischen Ambitionen und Positionen herbeiführen. Wenn ihnen das ohne Gewalt gelingt, werden sie zu einem Vorbild für die übrige Welt.

Gesetzt den Fall, die Reproduktion einer bestehenden Gesellschaft sei erstrebenswert, so lässt sich festhalten: Wer – wie die EU – schon daheim ein Drittel des benötigten Nachwuchses durch Geburtenausfall nicht hat und vom Rest bis zu 30 Prozent auf den Arbeitsmärkten nicht unterbringen kann, möchte wissen, mit welchen Migranten man denn besser fahren würde. Denn ohne Migranten kann in Europa fast niemand seine Vergreisung verlangsamen. Mit einem echten Drehen in eine dauerhaft stabile Demographie von 2,1 Kindern pro Frauenleben ist ohnehin nicht zu rechnen. Allein die EU benötigt bis 2050 rund 70 Millionen Menschen, um fehlende Geburten auszugleichen. Überdies wird man Einheimische verlieren, die sich in Europa keine Zukunft mehr vorstellen können. Es sind dies in der Mehrzahl die jungen Könner, die nicht bei Demonstrationen auftauchen, sondern still davongehen. Sie sehen, wie wenige sie sind für die Finanzierung der Versprechen an immer mehr Hilfsbedürftige. Gibt es für sie Perspektiven? Allein die ehemaligen Kronkolonien Australien, Kanada, Neuseeland wollen bis 2050 rund 30 Millionen Neubürger gewinnen. Auch sie benötigen nur Kompetenz, die es in dieser Grössenordnung in Europa momentan noch gibt. Wenn so viele gehen, braucht allein die EU bis 2050 rund 100 Millionen qualifizierte Einwanderer. Kommen gleichzeitig immer mehr Schutzsuchende in die Alte Welt, müssen für ihre Finanzierung noch mehr Leister gewonnen werden.

Woher sollen die kommen? Ist vielleicht auch als Migrant erfolgreich, wer aus den Ländern Asiens mit schnell wachsenden Ökonomien kommt? So sieht es aus. In Amerika kennt man solche Zuwanderer als die «vorbildliche Minderheit» (model minority). Sie besteht vor allem aus Ostasiaten (China, Korea, Japan) und Abkömmlingen der indischen Oberschicht. In der Einkommenspyramide stehen sie ganz oben. Unter den Nettotransferempfängern hingegen kann man sie mit der Lupe suchen. Ihre Kinder bekommen sie eher vor als nach der Eheschliessung, und sie selbst sind es, die sich auch versorgen. An sozialen Unruhen und Plünderungen beteiligen sie sich kaum.

Während diese Asiaten bloss 5 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen, glänzen sie dortselbst in vielen Bereichen. Dreissig Prozent der amerikanischen Teams für internationale Mathematik- oder Physikwettbewerbe werden von Ostasiaten gestellt. Im Spitzenpersonal der Hightech-Firmen an der Westküste sind sie bereits um den Faktor 3 überrepräsentiert, im mittleren Management um den Faktor 4 und beim Nachwuchs aus den Universitäten sogar um den Faktor 5. Am California Institute of Technology, das 34 Nobelpreisträger hervorgebracht hat und Erstsemestrige ausschliesslich nach Leistung zulässt, stellen sie 44 Prozent der «Freshmen» (2013). Den American Dream, wonach Fleiss durch Aufstieg belohnt wird, verteidigen sie mit 69 Prozent deutlich entschiedener als die 58 Prozent der Gesamtbevölkerung.9

Wie werden die Herkunftsländer mit dem Abzug ihrer Asse fertig? Bei den Kinderzahlen steht man 2015 noch schlechter da als viele Westeuropäer. China (1,6), Japan (1,4) und Südkorea (1,25) können aus eigener Kraft genauso wenig vorankommen wie Deutschland (1,44), Österreich (1,46) oder die Schweiz (1,55).10 Dennoch werden im ostasiatischen Raum keine Neubürger aus Afrika und dem Islambogen angeworben. Als Kompetenzfestungen, in denen nur Talente mit einem Pass rechnen dürfen, schliessen sie sich gegen Unqualifizierte ab. Japans akzeptierte Asylbewerber unter 5000 Antragstellern des Jahres 2014 sprechen gerade für europäische Sensibilitäten eine krasse Sprache. Bisher scheinen sie damit dessen ungeachtet gut zu fahren.11 Denn Japan, das beim Durchschnittsalter mit Deutschland gleichauf liegt (46,5 Jahre/2015), schafft (2012) mit 2250 internationalen Patenten auf eine Million Einwohner deutlich mehr als Deutschland mit 902 oder die Schweiz mit 1013. Nummer eins wird mit 2962 das etwas jüngere Südkorea (40,6).12

Man versteht, dass Schulversager aus der Fremde zwar Jugendlichkeit mitbringen, aber vielleicht niemals Patente entwickeln werden. Wenn sie dann als wütende junge Männer von den einheimischen Älteren ernährt werden müssen, wird aus der Verbesserung beim Durchschnittsalter ein Nachteil bei Frieden und Wohlfahrt. Womöglich bliebe auch Europa näher dran an den eigenen wohlfahrtsstaatlichen Zielsetzungen, wenn es von seiner riskanten Minimalverjüngung in ein hochklassiges Schrumpfen überwechselte.


1 Schätzung von Matthias Lücke (Institut für Weltwirtschaft in Kiel [IfW]); http://www.global-economic-symposium.org/knowledgebase/migrants-knocking-on-europe_s-doors/proposals/give-a-stronger-role-to-the-european-union-in-financing-and-administering-the-asylum-system
2 «Social Justice Index» der Bertelsmann-Stiftung: http://news.sginetwork.org/uploads/tx_amsgistudies/Social-Justice-in-the-EU-2014.pdf
3 Zahlen aus  http://www.pisa.tum.de/fileadmin/w00bgi/www/Berichtband_und_Zusammenfassung_2012/PISA_EBook_ISBN3001.pdf, S. 299
4 Zahlen aus http://timssandpirls.bc.edu/timss2011/international-results-mathematics.html
5 http://data.worldbank.org/region/SSA
6 Letzte Erhebung stammt von 2009: http://www.gallup.com/poll/124028/700-million-worldwide-desire-migrate-permanently.aspx
7 http://www.unicef.org/publications/files/UNICEF_Africa_Generation_2030_en_11Aug.pdf
8 PovcalNet 2015, http://iresearch.worldbank.org/PovcalNet/index.htm?1
9 Zahlen aus The Economist, 3.–9. Oktober, 2015, S. 23–26 («The model minority is losing Patience»)
10 Zahlen aus https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/rankorder/2127rank.html
11 http://www.reuters.com/article/2015/03/11/us-japan-immigration-idUSKBN0M70JN20150311
12 Zahlen aus World Intellectual Property Indicators – 2013 Edition und https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/fields/2177.html

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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