Die Angst vor der Entscheidung

Wo eine Tür sich schliesst, können sich viele neue öffnen.

Haben Sie auch schon eine Entscheidung hinausgezögert, weil Sie Angst vor ihr hatten? Weil Sie fürchteten, sie könne die falsche sein, andere Möglichkeiten ausschliessen, bitter bereut werden? Und als Sie endlich entschieden haben, mussten Sie feststellen, dass Ihre Ängste völlig unbegründet waren? Und Sie fragten sich, weshalb Sie so lange gezögert hatten? Mir ging’s so mit meinem Zimmer in Zürich. In dieser Stadt ist selbst ein Zimmer in einer Wohn­gemeinschaft teuer und geht vor allem dann ins Geld, wenn es öfters leersteht, weil man eine Nomadin ist. Darum überlegte ich mir: Gebe ich das WG-Zimmer auf, macht es keinen Unterschied mehr, ob ich je nach Laune mal einen Monat in Lissabon oder in Marseille schreiben und leben will – oder doch in Zürich. Dann würde ich nur dort Miete zahlen, wo ich gerade bin. Das, dachte ich, muss die absolute Freiheit sein.

Doch bedeutet nicht auch ein festes Zuhause Freiheit? Einen Ort zu haben, an den man jederzeit zurückkehren kann, mit einem eigenen Bett, das auf einen wartet? Und nicht plötzlich in der Heimatstadt in ein Hotel
ziehen zu müssen, das nach wenigen Tagen so viel kostet wie die WG-Monatsmiete zuvor, weil grad nichts anderes frei ist? Kann man überhaupt frei sein, wenn man sich stets darum kümmern muss, wo man im nächsten Monat unterkommt?

Es dauerte eineinhalb Jahre, bis ich meine Bedenken, das WG-Zimmer zu kündigen und auszuziehen, überwunden hatte. Nach dem Entschluss bot mir eine Freundin in Zürich ihr Gästezimmer an, eine Freundin in Bern ebenfalls. Die Eltern eines Freundes meinten, bei ihnen am Thunersee sei immer ein Zimmer für mich frei. Und im August werde ich in die Wohnung einer Freundin einziehen, die in die Ferien fährt.

Manchmal ist es das Wichtigste, dass man eine Entscheidung einfach mal fällt – und sich nicht endlos den Kopf zerbricht, ob es die richtige oder die falsche ist. Hauptsache, es geht voran! Die Erfahrung zeigt, dass, sobald man eine Tür schliesst, sich – wortwörtlich – ganz viele andere öffnen.

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