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(0) Die Angst der Deutschen vor dem Aufbruch


In Peter Handkes Erzählung «Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter» steht der Schlüsselsatz «Alles, was er sah, störte ihn; er versuchte, möglichst wenig wahrzunehmen.» Die Beiträge zum Thema «Die Angst der Deutschen vor dem Aufbruch» halten sich an den ersten Teil der Aussage, versuchen aber bei der Wahrnehmung die gegenteilige Strategie zu verfolgen.

Die Schweizer Monatshefte und die St. Galler Stiftung für Internationale Studien setzen damit einen Kontrapunkt zum deutschen Wahlkampf, der auch darum zum unerquicklichen parteipolitischen Gerangel um die Macht geworden ist, weil man versuchte, die vordringlichsten Probleme weitgehend auszuklammern. Es braucht heute die Bereitschaft, sich auch mit unangenehmen Tatsachen auseinanderzusetzen und sich von viel Altvertrautem und oft nur scheinbar Bewährtem zu verabschieden. Die neue Regierung kann die anstehenden Probleme nur lösen, wenn sie den Mut hat, eine Reihe von unpopulären Entscheidungen zu treffen. Die grosse Koalition bietet diesbezüglich gleichzeitig Chancen und Risiken. Zunächst die Chancen. Wenn es darum geht, einer breiten Bevölkerung klar zu machen, dass eine Politik nach dem Motto «Weiterwursteln» definitiv ausgedient hat, ist die Zeit reif für einen neuen Grundkonsens für mehr Leistungs- und Verzichtbereitschaft und für den Abschied vom Mythos des permanent wachstumsfähigen Daseinsvorsorgestaates.

Die mentalen Voraussetzungen dazu sind vor allem bei der jungen Generation durchaus vorhanden. Die Popularität einer Partei und eines Koalitionsprogramms wird nicht nur, aber auch gemessen an der politischen Gretchenfrage «Wie hast du’s mit der Wahrheit – auch mit der unbequemen?» In dieser hoffentlich wachsenden Weigerung, sich mit falschen Versprechungen abspeisen zu lassen, liegt die Chance einer gemeinsam verantworteten Austeritätspolitik. Unübersehbar ist aber auch das Klumpenrisiko einer grossen Koalition. Es beruht auf der weit verbreiteten Angst vor dem Aufbruch, die letztlich eine Angst vor der Freiheit ist und mit der Tatsache zusammenhängt, dass auf einem relativ hohen Wohlstandsniveau niemand gern vertraute Sicherheiten gegen eine durchaus riskante und unbequeme Freiheit eintauscht. Dass aber diese kollektive Sicherheit auf Pump keine Zukunft mehr hat, kommt in allen Beiträgen dieses Dossiers klar zum Ausdruck. Wenn die grosse Koalition im Strukturkonservatismus erstarrt und, aus Angst vor allem Neuen, sich lediglich gegenseitig blockiert und dem Partner die Schuld am Misslingen zuschiebt, wird sie wohl lediglich als Übergangsphase in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen, als Vorphase einer neuen, auf Offenheit, Selbstverantwortung sowie Lern- und Leistungsbereitschaft basierenden Epoche.

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