Die afrikanische Urreise

Mit Paul Parin auf der Jagd

Zum 90. Geburtstag von Paul Parin gehe ich mit ihm, genauer: mit seinen Erzählungen «Die Leidenschaft des Jägers», 2003 erschienen, auf die Jagd, eine Art ethnopsychoanalytischer Grosswildjagd in Slowenien und Inner-Afrika. Jäger wie Analytiker, Interpreten, Hermeneuten stimmen darin überein, dass sie öfters Böcke schiessen – die Jäger absichtsvoll, zielstrebig und bewusst, während sich die Bocksjagd der beklagenswerten letztgenannten Berufsgruppen zumeist unabsichtlich und unbewusst ereignet. Aber man kann ja auch einfach ins Blaue schiessen.

Mit diesen Erzählungen (im folgenden mit dem Sigel L und Seitenzahl zitiert) kehrt Parin über die Zeit seines er-sten Westafrikaaufenthaltes – die ethnopsychoanalytischen grossen Reisen und die Wiederbelebung der Jagdleidenschaft fallen zusammen – zu seiner Jugend, zur Geschichte seiner Initiation zurück. Die Erzählungen sind durchaus nicht zimperlich. Von dem ersten «wunderbaren Samenerguss, dem ersten bei Bewusstsein» (L 13) bei der Tötung eines Haselhahns, über die segensreiche manuelle Therapie eines «Mädels» vor der initiatorischen Bocksjagd bis zu sadomasochistischen Formen, die der sexualmoralische Volksmund zu den «Perversionen» zu rechnen pflegt, reicht das sexualliterarische Spektrum. Die Jagdleidenschaft – etwas anderes als Leidenschaft gibt es hier nicht – wird ohne Rationalisierungs- und Rechtfertigungsversuch auf die «Licence for sex and crime» (L 7 u.ö.), die sexuelle Lust und die Tötungs-, ja die Mordlust zurückgeführt. Ich zitiere einige der riskanten Sätze: «Jagd eröffnet einen Freiraum für Verbrechen bis zum Mord und für sexuelle Lust… ‹Licence› hat eine radikalere Bedeutung als der deutsche Ausdruck Freibrief: Verbote gelten nicht mehr… Der Jäger ist ein Raubtier; die grösste Gefahr für das Bestehen der Jagd ist die Vernunft… Jagd ohne Mord wäre ein Oxymoron, ein Begriff, der sich selber aufhebt. … Jagd ist eine Folge der Herrschaft des Menschen über die Natur. Dass die Tiere unter der Jagd leiden, ist und war kein Geheimnis … Biologisch gibt es keine Rechtfertigung für die Jagd… Mit dem Ritual wird das Töten von Tieren zur Kultur» (L 8,9,77 f.).

Mit der Radikalität des Alters, das sich an frühe Dinge erinnert und späte Einsichten nicht mehr zu scheuen braucht, wird autobiographisch resümiert: «Nie habe ich die Jagdlust verloren», auch «nicht in den Jahren als menschenfreundlicher Arzt und friedlicher Forscher. Sobald ich weiss, dass eine Jagd stattfinden wird, und ich die Symbole – Gewehr und Patronen – berühre, muss ich dabei sein. Wie, ist beinahe gleichgültig. Ich war immer schon der Jäger» – «ein Mensch, der seiner eigenen Moral widerspricht» (L 80, 74). Wer und was der Jäger ist, scheint also klar zu sein. Wem aber gilt die Jagd?

Ich versuche, mich der Beantwortung dieser Leitfrage auf einigen Umwegen zu nähern, die naturgemäss nicht so direkt sein können, wie der Jäger Parin es ist. Ich trage drei Fragmente vor, die einigermassen heterogen sind, aber hoffentlich eine Konstellation und am Ende einen Geburtstagsglückwunsch ergeben. Auf dem Hintergrund dreier anderer literarischer Jagderzählungen und der Jagderzählung, aus der sich die Psychoanalyse nährt, versuche ich das Revolutionäre von Parins «Die Leidenschaft des Jägers» anzudeuten, das in einem Doppelprozess der Rückverschiebung und Desymbolisierung liegt.

I. «Das Jagdgewehr» und «Die Glut»

Zwei der erfolgreichsten Prosatexte der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts – Sándor Márais Roman «Die Glut» und Yasushi Inoues frühe Erzählung «Das Jagdgewehr» – arbeiten mit einem ähnlichen Jagdmotiv, ohne voneinander beeinflusst zu sein. Es handelt sich um eine Dreiecksgeschichte von Liebe, Leidenschaft und Verrat. Das hinterrücks in Anschlag gebrachte Jagdgewehr ist – statt auf das Tier – auf den hinderlichen Menschen, den konkurrierenden Freund bzw. die störende Ehefrau gerichtet.

Mit Inoue hat Parin, soweit ich weiss, sich nicht befasst. Dafür hat er Márais Roman zusammen mit Prosper Mérimées Novelle «Lokis» einen kleinen Essay gewidmet, der ursprünglich für den Band «Die…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»