Die Ästhetik des Abstossenden

Tony O’Neill: Sick City. Zürich: Walde + Graf, 2011.

Seit in Hollywood summende Hybridautos die brummenden Strassenkreuzer ersetzt haben und dort ansässige Schauspieler sich eher für den Weltfrieden einsetzen als für ein gutes Drehbuch, frage ich mich: Was ist aus all den Dealern, Prostituierten, Gossenpoeten und janusköpfigen Filmproduzenten geworden, die im Speckgürtel des Filmmekkas L.A. für das nötige Zwielicht sorgten? Die literarische Antwort gibt nun Tony O’Neills Gegenwartsroman «Sick City»: ohne Spezialeffekte und Starbesetzung – und vor allem ohne «Beep»-Zensur.

Der heroinabhängige Stricher Jeffrey gelangt zufällig in den Besitz eines brisanten Pornostreifens. Darin zu sehen: Hollywoodlegenden wie Steve McQueen, Yul Brynner und Sharon Tate – versammelt zu einer schauspielerischen Darbietung eher dialogarmer Art. In der Entzugsklinik begegnet Jeffrey dem Versager Randal, Abkömmling einer gutsituierten Produzentendynastie. Die beiden verbindet eine Vorliebe für Drogen jeder Art. Abstrus, aber nicht unlogisch: gemeinsame Schwäche schafft intimes Vertrauen im aufgeblasenen Nichts einer Grossstadt, die zum Set einer Pulp Fiction geworden ist. Dauerdrauf und damit immun gegen die langfristige Planung eines grossen Coups, versucht das Duo, den Porno zu verkaufen. Dabei geraten die beiden ungleichen Versager in Verstrickungen, von denen man ganz ungeniert behaupten kann: klingt, als hätten Quentin Tarantino und Charles Bukowski sie beim letzten gemeinsamen Bier morgens um halb sieben an der Theke ausgetüftelt! Im Staccato fallen die beiden Antihelden ihrer Inkonsequenz wieder und wieder zum Opfer, hinterlassen in Nebenhandlungen Verwüstung und Chaos, das Ganze der Geniessbarkeit halber garniert mit einer gehörigen Portion Sarkasmus.

«Hört sich an wie ein Haufen Mist, aber es gefällt» – eine bessere Zusammenfassung des Plots als die der Romanfigur Trina lässt sich kaum finden. Warum aber sollte man sich diesen vermeintlichen «Flick», wie die Amerikaner sagen, zu Gemüte führen? Nicht, um daraus Sozialkritisches abzuleiten. Wer «Sick City» als Warnung vor Drogenkonsum und Halbwelterfahrungen liest, wird unbefriedigt, wenn nicht tief schockiert sein: kein Wort der Kritik, keine Moralisierung und auch kein Kitsch. Noch selten hat Belletristik sich in einem Schweizer Verlag so ungeniert ehrlich gezeigt wie in diesem von Stephan Pörtner übersetzten dritten Roman Tony O’Neills. Eine klassische Milieustudie Hollywoods liefert der kleine Reisser aber auch nicht. Von Nathanael Wests «Tag der Heuschrecke» ist das Buch nicht nur erzähltechnisch weit entfernt: fern der Filmstudios spielt hier die Musik. Im unklimatisierten Stundenhotel, in der Spelunke, auf dem Bordstein. O’Neill bedient sich der Halbweltmotive eines Elmore Leonard («Get Shorty»), er literarisiert Versatzstücke des Film Noir und der amerikanischen Graphic Novel – und ergänzt sie um semantische Anleihen beim Pop-Roman. Diese Mischung, eine clevere Rekombination bewährter filmischer wie literarischer Genres und Motive, erzeugt einen Strudel, der stilistisch wie inhaltlich keineswegs platt daherkommt. Sein Kern: das rauschhafte Zelebrieren einer Ästhetik des Abstossenden, das für sich selbst stehen darf.

Selten wurde der Charme fast vergessener Genres so liebevoll in die Gegenwart portiert. Selten lagen Film und Literatur geographisch wie literarisch so nah beieinander! Den Grund für die Tatsache, dass man in Mitteleuropa, wo Schund ohnehin nie Literatur sein durfte, viel zu wenig von der traditionsreichen Halbweltliteratur amerikanischer Prägung hört, fasst ein weiterer Versager aus O’Neills kranker Stadt, der tragikomische Spider, zusammen: «Die wollen das nicht! Die wollen den fettarmen Mocca-Latte-Mist mit Zuckerguss, den sie gewöhnt sind. Sie mögen ihre Junkies nett und präsentierbar. Sie mögen sie reumütig. Sie mögen sie weinend und um Vergebung flennend.» Tony O’Neill bedient diese Nachfrage nicht, das zeichnet ihn und seine Gossenprosa aus. Wir, die wir nicht zu der von ihm beschriebenen Halbwelt gehören, sollten ihm dankbar sein dafür.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»