Die Ärmsten frieren heute weniger als einst die Könige
Der technische Fortschritt und die Globalisierung haben den Zugang zu Heizungen demokratisiert. Die Folge sind weniger Kältetote – und weniger langweilige Abende.
Im Winter, wenn es draussen kalt ist, ist die Verlockung gross, im gemütlichen Heim zu bleiben. Dieses Verhalten erscheint uns selbstverständlich – tatsächlich ist es eine moderne Entwicklung. In «Le Peuple des frileux» zeigen die Historiker Olivier Jandot und Renan Viguié, dass «es erst seit etwa fünfzig Jahren Zentralheizungen gibt, die das Haus in einen gemütlichen Rückzugsort verwandeln». Diese Entwicklung verändert unser Leben grundlegend.
Im 19. Jahrhundert war es nicht ungewöhnlich, dass Menschen, die im Winter keine ausreichend warme Kleidung hatten, Erfrierungen an Füssen, Händen, Nase oder Ohren davontrugen. Ihre Lage war zwar prekärer als die der übrigen Gesellschaft, doch sie waren bei Weitem nicht die einzigen, die unter der Kälte litten. Jeder etwas härtere Winter hinterliess Todesopfer, die erfroren am Strassenrand lagen oder erst im Frühjahr, wenn der Schnee geschmolzen war, entdeckt wurden. Auf Reisen war das Risiko zu sterben noch grösser. Es wurde als Schicksal hingenommen.
Menschen entwickelten verschiedene Strategien, um dieser Kälte zu trotzen. Eine davon war, die Kleidung zu verbessern oder weiterzuentwickeln, sodass sie Wärme besser speichern konnte. So jagte man beispielsweise bis ins 19. Jahrhundert hinein Bären in erster Linie wegen ihres warmen Fells. Ausserdem versuchte man, schlecht isolierte Häuser besser zu heizen. Diese Massnahmen betrafen die gesamte Menschheit, unabhängig vom sozialen Status. So wird erzählt, dass im Winter 1709 der Wein am Tisch Ludwigs XIV. gefror. Ein anderer König wachte mit einem vereisten Schnurrbart auf.
Sich gemeinsam langweilen
Während eine schlecht beheizte Wohnung heutzutage die Ausnahme ist, war dies im 17. und 18. Jahrhundert für alle (oder fast alle) Alltag. Als Reaktion darauf organisierten sich die ländlichen Gesellschaften so, dass mehr Menschen als nur die Bewohner des Hauses von der Wärme profitieren konnten. Die Abende am Feuer wurden nicht aus Geselligkeit organisiert, sondern weil man sich keine angemessene Heizung für das eigene Zuhause leisten konnte.
«So wird erzählt, dass im Winter 1709 der Wein am Tisch Ludwigs XIV. gefror. Ein anderer König wachte mit einem vereisten Schnurrbart auf.»
In unseren individualistischeren Gesellschaften werden diese Praktiken romantisiert, doch in Wirklichkeit waren sie schwer zu ertragen. Das Buch «Au bon vieux temps» erinnert daran, dass «die Abendgesellschaften von einst vor allem eine Zeit der gemeinsamen Langeweile waren». Die Menschen hatten sich während dieser langen Winterabende nicht viel zu sagen.
Die Kälte betraf natürlich alle, aber ganz besonders diejenigen, deren Beruf keine grosse Bewegung erforderte: «Die Kälte ist der innige Feind der Intellektuellen der Antike, all jener, die ihre Tage unbeweglich, mit der Feder in der Hand, an ihrem Schreibtisch sitzend verbringen – Kleriker, Richter, Akademiker, Schriftsteller – und versuchen, sich, so gut es geht, davor zu schützen.» Wie viele grossartige Bücher oder Erfindungen sind der Menschheit aufgrund fehlender Heizung und gefrorener Tinte vorenthalten geblieben?
Ironischerweise kommen heute die Forderungen, Heizungen herunterzudrehen oder bestimmte Energielösungen ohne Erfolgsgarantie politisch durchzusetzen, genau aus jenen Kreisen, die früher am meisten darunter litten: von den Intellektuellen und Geistesarbeitern. Dabei ist gerade eine moderne, dienstleistungsorientierte Wirtschaft in den kalten Monaten stark auf eine leistungsfähige Heizung angewiesen. Das scheinen wir etwas vergessen zu haben.
Diese Kolumne erschien zuerst auf Französisch in «Le Temps».