Die Abschiedsverweigerer

Warum die ewig Jungen leise abtreten.

Die Abschiedsverweigerer
Wohlstand, Rente und Vorsorge: Halbvoll oder halbleer? Ziemlich egal, wenn alle kräftig ziehen – aber niemand nachfüllt. Illustration: Rahel Hediger.

Das demographische Ausscheiden der Babyboomer lässt sich nicht länger verdrängen: Die Todesanzeigen von Zeitgenossen und aus dem Bekanntenkreis werden zahlreicher. Und sie gehen näher.

Von einem Zapfenstreich der Babyboomer allerdings kann keine Rede sein. Der beginnende «Schichtwechsel» im demographischen Gefüge zeichnet sich nämlich vor allem dadurch aus, dass der Abschied meiner Generation ohne erkennbare generationale Manifestation oder Stabübergabe erfolgt – ein Novum, wenn man die vergangenen Jahrzehnte betrachtet. Man könnte sagen: Weder die Abtretenden noch die Nachrückenden sagen einander «Adieu». Warum nicht? Für das Fehlen der Verabschiedung lassen sich drei Umstände anführen.

Niemand wird verdrängt

Der erste ergibt sich aus den neuen demographischen Verhältnissen selbst: Die Umkehrung der Jahrgangspyramide als Folge des Geburtenrückgangs und der Zunahme der Lebenserwartung (in dieser Reihenfolge) bedeutet, dass die nachrückenden Jüngeren nun in der Minderheit sind. Die quantitative Verschiebung wird von der Partybetriebsamkeit der alterslosen Spassgesellschaft zwar überdeckt, aber das jugendliche Rauschen ändert nichts daran, dass die ankommende Minderheit von der Mehrheit der Amts- und Rollenträger in Wirtschaft, Gesellschaft und sogar Politik aufgesogen und kooptiert wird. Das Gejammer über den Mangel an Auszubildenden, der immer härtere Wettbewerb um Fachhochschulstudierende und der aktuelle Start-up-Kult illustrieren die generationale Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage. Die «Neuen» verdrängen strukturell niemanden. Die Besorgnis über Altersarbeitslosigkeit und eingetrübte Perspektiven für die Ü50 entzündet sich denn auch mehr am beschleunigten Strukturwandel und der fortschreitenden Internationalisierung der Wirtschaft als an einer Konkurrenz durch die Jüngeren. Im schweizerischen Wohlfahrts- und Bildungsstaat ist zudem die Existenzgründung vom Erben bzw. «in die Fussstapfen treten» fast völlig abgekoppelt. Vererbt wird bei uns quasi als luxuriöser lebenszyklusmässiger Akt zwischen jüngeren und etwas älteren Pensionären. Die demographische Ironie besteht nun darin, dass parallel dazu die staatliche Umverteilung zulasten der Nach-Babyboomer-Generation massiv zugenommen hat. Von einigen eher peinlichen Schülerprotesten wegen angeblicher Kürzung von Bildungsausgaben abgesehen ist ein politischer Generationenkonflikt nicht auszumachen. In den Analysen zu den Präsidentenwahlen in den USA, zur Brexit-Abstimmung und zu den Wahlen in Frankreich zeigen sich zwar deutliche Korrelationen zwischen Alter und populistischen und/oder nationalistischen Tendenzen. Aber die Überlagerung dieser Beziehung mit dem Bildungsgrad und dem ökonomischen Schicksal des Wohnorts bzw. bestimmter Berufsgattungen lässt eine klare Generationeninterpretation kaum zu.

Ewige Jugend

Vor einigen Wochen befragte Roger Schawinski (70+) den Skiakrobaten Art Furrer (80+), wie es letzterer schaffe, immer noch auf Berge zu klettern bzw. von diesen hinunterzubrettern – und wenn Art Furrer nicht mehr so hervorragend in Form wäre, hätte ihm die SRG sicher ein Plätzchen in der Sendung von Kurt Aeschbacher (fast 70) besorgt… Für den Kulturphilosophen Robert Pogue Harrison («Ewige Jugend. Eine Kulturgeschichte des Alterns») ist, zweitens, der hiermit wunderbar illustrierte Jugendlichkeitskult eine tiefgreifende Folge der Jugendsubkultur in den 1960er Jahren, also des Aufstiegs der Babyboomer. Zum ersten Mal in der Geschichte hätten damals die Alten begonnen, die Jungen zu imitieren, und nicht umgekehrt. Seither habe – der demographischen Entwicklung zum Trotz – ein massiver gesellschaftlicher Verjüngungsprozess stattgefunden. Oder prägnanter: die ständige Erneuerbarkeit – die Innovation! – hat die Weisheit als Ideal abgelöst und das Älterwerden unattraktiv gemacht. Die scheinbar nicht alternden Rolling Stones sind Ikonen dieser Entwicklung in der populären Kultur, die Norm der Jugendlichkeit gilt unter dem Motto «never retire» aber inzwischen in allen gesellschaftlichen Bereichen – im Privaten vielleicht noch stärker als in der Wirtschaft. Dort wurden mit der kulturellen Machtübernahme durch die Babyboomer Rücktrittsregeln gegen das damalige «Establishment» institutionalisiert, die sich nun auch gegen allzu beharrliche Babyboomer wenden. Interessanterweise wird gerade im Silicon Valley, im innersten Zentrum der Jugendlichkeitskultur, die Anti-Aging-Forschung vorangetrieben und über die technischen Voraussetzungen für die Unsterblichkeit nachgedacht.

Absage ans Erwachsenwerden

Der grosse Generationenzapfenstreich bleibt, drittens, nicht nur wegen des ewigen Jugendlichkeitsanspruchs der Babyboomer aus. Ihnen…