Die 68er gibt es nicht

Das Jahr und die gleichnamige Bewegung haben die unterschiedlichsten Lebensläufe hervorgebracht – das zeigen Interviews mit über hundert Personen, die einen direkten Bezug zu 1968 haben.

1968 hat eine Vorgeschichte. Zwar häuften sich in diesem Jahr politische Proteste und alternative kulturelle Manifestationen markant – selbstverständlich hatte es sie aber auch schon vorher gegeben. Als der Bundesrat 1957 die Armee atomar bewaffnen wollte, löste dieser Entscheid Empörung aus und beförderte die Friedensbewegung. 1964 veröffentlichte Peter Bichsel seine Geschichte von Frau Blum, die den Milchmann kennenlernen wollte – eine eigenwillige Erzählung, die den biederen Schweizer Alltag spiegelte und enorm erfolgreich war. 1967 initiierte der Musiker Hardy Hepp den Zürcher «Summer of Love». Die Stones, sagt der sich als «67er» bezeichnende Hepp, hätten mit ihrem Song «(I Can’t Get No) Satisfaction» mehr ausgelöst «als das Ho-Chi-Minh-Geschrei». Stark wirkten auch die Dienstverweigerung des US-Boxers Muhammad Ali sowie die symbolische Black-Power-Geste der beiden US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos an den Olympischen Sommerspielen 1968. Bereits am 9. Mai demonstrierten in der Schweiz 50 000 Personen gegen den Vietnamkrieg, am 22. August Zehntausende gegen den sowjetischen Einmarsch in der CSSR. Kritiken an den Beziehungen der Schweiz zur Dritten Welt führten dazu, die «Erklärung von Bern» (heute Public Eye) zu gründen. Tausend Personen verpflichteten sich, 3 Prozent ihres Einkommens für Entwicklungszusammenarbeit zu geben. Das fehlende Frauenstimmrecht motivierte den 68er-Aufbruch besonders. Und ja: die Sozialdemokratie war 1968 die stärkste Partei.

Gleichwohl zeigte sich die wirtschaftlich boomende Schweiz politisch recht stabil. Es wurde konsumiert: auf drei Millionen Haushalte kamen bereits eine Million Fernsehgeräte. Die ersten Fernsehsendungen waren nun farbig – schwarz-weiss schien passé. Die Schweizer Behörden plädierten einerseits für eine weitere liberale Öffnung und fichierten andererseits bis Ende der 1980er Jahre 900 000 Personen und Organisationen. Sie spionierten auch friedliche Kundgebungen wie das Basler Petersplatz-Meeting aus. Selbst von Geschichtsprofessor Edgar Bonjour stammen bei der Spezialpolizei persönliche Informationen über den liberalen Soziologen Heinrich Popitz oder den Herausgeber der Zeitschrift «Neutralität».

Wer waren also diese 68er, von denen nun wieder so oft die Rede ist? Um das herauszufinden, habe ich über hundert Personen interviewt, die einen direkten Bezug zu 1968 haben. Erhofft hatte ich mir das Herausschälen einer Art «Typologie» der 1968er, die erhaltenen Antworten waren dann vergleichsweise mannigfaltig: eine homogene Gruppe waren die 68er nie, aber auch die weiteren Lebensläufe nahmen die verschiedensten Wege. Bei Einzelnen verlagerten sich konservative oder liberale Haltungen zu progressiven, bei anderen umgekehrt. Die einen deklarieren das als Bruch, andere als Kontinuität. Jene, die ihre politische Haltung änderten, sehen im persönlichen Wandel zuweilen viel Kontinuität – sie manifestiert sich etwa im Bestreben, stets alles zu hinterfragen, oder in einer libertären Sicht, die allerdings sehr unterschiedliche Formen annehmen kann. Bei Einzelnen führt sie dazu, den früher harsch kritisierten Kontrollstaat heute mehr zu verteidigen, als es ihnen manchmal lieb ist. Sie tun dies, weil sonst ein demokratisches Korrektiv gegenüber privaten Monopolen fehlt. Einigkeit besteht indes in ihrer Ablehnung des Autoritären. Was geschehen ist, scheint klarer auf, wenn wir die Ereignisse weder überhöhen noch herabsetzen. Ihre Wirkung ist ohnehin schwierig abzuschätzen, denn viele Faktoren lassen sich kaum fassen. Beim Versuch, Definitionsmacht zu übernehmen, ist deshalb Vorsicht geboten. Schauen wir trotzdem näher hin, vergleichen wir den Kollektivsingular «68» mit ausgewählten Schweizer Biographien.

Biographische Vielfalt

Die Soziologin Claudia Honegger brach 1968 aus ihrem liberalen Elternhaus der industriellen Honegger-Dynastie aus. 1969 hielt sie für die Fortschrittlichen Arbeiter, Schüler und Studenten (FASS) die 1.-Mai-Rede in Zürich. «Stimmrecht ist Menschenrecht» lautete das Motto. Claudia Honegger gründete auch die Frauenbefreiungsbewegung (FBB) mit. Einmal beteiligte die FBB sich an einer «Schönheitskonkurrenz» der Zeitschrift «Annabelle», die eigene Kandidatin erreichte den zweiten Platz – die erhaltenen Preise wurden dann auf dem Limmatquai versteigert mit der Botschaft, Frauen seien keine Ware. Ein anderes Mal trug die Fortschrittliche Studentenschaft Zürich (FSZ) symbolisch die alte Ordinarienuniversität zu Grabe.…