Diderots Trojanische Pferde

Die französischen Aufklärer gelten als unerschrockene Helden der freien Rede. Ihren Kampf gegen kirchliche und königliche Satzungen fochten die Publizisten mit subversiven Mitteln – und freundlicher Unterstützung der Zensurbehörde.

A wie Arche. Während der Vorarbeiten zu diesem Text ging der Regen in Strömen nieder, und in solchen Momenten tut man gut daran, mögliche Rettungsszenarien nachzuschlagen. Behaglich wären die nicht. Gewährte uns der nunmehr 4766jährige Noah Einlass in seine 450 Fuss lange Arche, fänden wir uns, eingequetscht zwischen 66 751 Kubikmeter Heu, in Gesellschaft von 340 Tierpaaren und 3650 Futterschafen. Wir müssten zusammen mit dem altersschwachen Kapitän und seinen zwei Söhnen täglich die Ausmistung von 333–400 Ställen besorgen und dazwischen dauernd zum Kiel absteigen, um Tranksame aus dem 84 169 Hektoliter fassenden Süsswasserspeicher herbeizuschleppen. So zumindest hat Edmé-François Mallet die Dinge eingeschätzt, und es gibt keinen Grund, an seiner Darstellung zu zweifeln – als Theologe war Mallet ein profunder Kenner der Materie, und seine Berechnungen erschienen mit der «Encyclopédie» in dem wissenschaftlichen Werk des 18. Jahrhunderts.

Der erste Band desselben mit Einträgen von A bis Azyme kam 1751 auf den Markt, und zwar auf einen streng kontrollierten. Im vorrevolutionären Frankreich wachten König und Kirche über gesprochene und geschriebene Worte und schritten unzimperlich ein, wenn sie sich zu kritischen Gedanken fügten. Denis Diderot, der Mitherausgeber der Enzyklopädie, kannte das System: 1749 hatte er nach Veröffentlichung einer stringent materialistischen Schrift sechs Monate im Gefängnis verbracht. Verhaftungen bildeten freilich nur die repressive Seite eines vielschichtigen Zensurwesens – damit Unliebsames möglichst gar nicht auftauchte, waren alle Publikationen einer präventiven königlichen Kontrolle unterworfen. Stellt man dazu noch in Rechnung, dass in Paris Hunderte von Polizeispitzeln zirkulierten, um verdächtige Redner zu denunzieren, wird hinreichend deutlich, dass dieses Land wenig mit dem Hort der Freiheit zu tun hat, als den es sich heute gerne sieht. Tatsächlich gewährte die zentralistische französische Monarchie ihren Subjekten deutlich weniger Äusserungsspielraum als andere europäische Länder der Zeit.

Und doch – oder gerade deshalb – steht Frankreich im Ruf, die Tradition der Meinungsfreiheit im 18. Jahrhundert massgeblich mitbegründet zu haben. An dem Image wurde jüngst wieder eifrig gearbeitet. Im Nachgang der Attentate auf «Charlie» avancierte der «respektlose» Voltaire zum Chéri der Nation, und allenthalben wurde die Aufklärung als Referenz fürs unerschrockene Aussprechen eigener Meinungen zitiert. Dass sich gerade die Franzosen, die in den letzten 40 Jahren eine ganze Serie von redereglementierenden Gesetzen erlassen haben, zu Verteidigern der aufklärerischen Errungenschaften stilisieren, ist vermutlich auf eine partielle Selbstblindheit zurückzuführen. Eine zumindest leichte Verklärung zeigt sich indes auch im weitum geteilten Bild, das die französischen Aufklärer als kompromisslose Kämpfer für die freie Rede darstellt.

Sicher: die Pluralität von Rede und Meinung ist den «lumières» im wahrsten Sinne eingeschrieben. Ein Konzept, das schon sprachlich von der Vorstellung einer singulären, weit oben thronenden Quelle der Erkenntnis – sei es das «Lumen Christi» oder der «Roi Soleil» – abrückt und auf eine Mehrzahl erhellender Momente setzt, erhebt verschiedene Perspektiven und unangenehme Blendungen notwendig zum Programm. Eine theoretische Fundierung des Rechts auf die Äusserung widerstreitender Meinungen findet man bei den frühen Franzosen aber kaum – anders als etwa bei den Briten, die die Pressezensur fast 100 Jahre vor den französischen Revolutionären aufhoben und mit den Schriften von John Milton und John Stuart Mill über zentrale Referenztexte zur Denk-, Rede- und Pressefreiheit verfügen.

Der Kampf der französischen Aufklärer war demgegenüber ein praktisch-publizistischer – was ihn nicht a priori weniger wichtig und mutig macht. Wer wie Diderot, Helvétius, dʼHolbach, Rousseau oder Voltaire wissenschaftliche, politische oder philosophische Konzepte veröffentlichte, die nicht im Einklang mit der herrschenden Doktrin standen, ging in Frankreich Risiken ein, die von der symbolischen Exekution der verurteilten Schrift bis zur Hinrichtung ihres Urhebers reichten. Dieses System führte dazu, dass viele Autoren ihre Werke anonym, unter falschem Namen oder jenseits der Landesgrenze drucken liessen, sich selber direkt im Exil installierten – oder findige Schreibstrategien entwickelten, um die Zensur subtil zu unterwandern.

Diesen letzten Weg beschritt Diderot in der «Encyclopédie». Mit dem Repressionsapparat der Monarchie vertraut, behielt er seine offen kritischen Schriften ab den 1750ern in der Schublade und liess seine atheistischen und reformistischen Ansichten in homöopathischen Dosen in das aufklärerische Grossprojekt einfliessen. Als subversive «machine de guerre» bezeichnet die Historikerin Véronique Le Ru das monumentale Nachschlagewerk. Liebevoller nennte man die 28 Bände mit ihren 72000 Einträgen ein Trojanisches Pferd, das seine Spitzen gegen das System unter der Oberfläche harmloser Buchstaben verbirgt. A wie Arche: welcher Zensor wollte dagegen einschreiten, dass sich ein Enzyklopädist über vier Seiten hinweg mit phänomenaler Akribie darum bemüht, die Dimensionen des rettenden Schiffs zu skizzieren? Und welcher Leser nimmt mit der Bibel eine Instanz ernst, die drei Männern den ganzen Mist von 4330 Tieren überlässt? Indem er sie dem mikroskopischen Licht der Vernunft unterzog, zersetzte Abbé Mallet die alttestamentarische Geschichte zu Staub.

Solche Zergliederungen waren nur eines von vielen Instrumenten im Arsenal der Enzyklopädisten. Ein komplexes System von Verweisen führte die Leser auf gedankliche Abwege, indem es sie etwa von der «Menschenfresserei» direkt zur christlichen «Eucharistie» lotste. Und unter zahllosen vordergründig themenfernen Stichworten stiess der Wissbegierige auf aufklärerisches Gedankengut: Während er im «Kaukasus» die Unmenschlichkeit der christlichen Jenseitsgläubigkeit vorgeführt bekam, schallte ihm in «Genf» ein veritables Loblied auf die Trennung von Kirche und Staat entgegen.

Die Grundsubversion des Werks reicht aber tiefer. Sie wurzelt in einer Ordnung des Wissens, die der Theologie keinen zentralen Platz mehr einräumt. Auf dem «Stammbaum des menschlichen Wissens», nach dem Diderot und d’Alembert ihre Einträge strukturierten, figurierte die «Religion» auf einem weit vom Hauptstamm der «Vernunft» entfernten Seitenast, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft auch «Aberglaube» und «schwarze Magie» sprossen. Gingen die feinen Sticheleien zwischen den Zeilen noch unbemerkt durch, rief die Anlage des Werks doch bald die Autoritäten auf den Plan, und schon nach Erscheinen des zweiten Bandes wurde der «Encyclopédie» das zuvor erteilte königliche Druckprivileg entzogen.

In diesem Moment aber kamen gesellschaftliche und ökonomische Faktoren ins Spiel, die den Kampf ums freie Denken und Drucken je länger, desto stärker mitbestimmten. Die französischen Aufklärer bildeten keine Front in einem simplen Schwarz-Weiss-Gefüge, sondern konnten ab der Mitte des Jahrhunderts vermehrt auf die Unterstützung von wissenschaftsfreundlichen Komplizen im Herrschaftslager zählen. Während in Versailles die Mätresse des Königs für die Enzyklopädie weibelte, wirkte an der Spitze der Zensurbehörde ein dezidiert aufgeklärter Befürworter der Druckfreiheit.

Der Chefzensor, Chrétien-Guillaume de Malesherbes, sorgte nicht nur dafür, dass die Enzyklopädie nach dem Verdikt von 1752 mit stillschweigender Genehmigung weiterproduziert werden konnte, sondern hielt bei Bedarf auch seine eigene Behörde zum Narren und belieferte Pariser Buchhändler heimlich mit verbotenen Werken von Voltaire. Der «Dichterfürst» seinerseits zeigte sich dagegen durchaus nicht immer als der Herold der freien Rede, als den man ihn heute auf T-Shirts und Teetassen druckt. Ging’s gegen die Konkurrenz, scheute Voltaire, der über Geldgeschäfte mit einflussreichen Aristokraten verbandelt war, selbst vor Anschwärzungen nicht zurück: Um Rousseau zu kompromittieren, legte er den Genfer Behörden in einem Brief nahe, sich die häretischen Schriften des exilierten Philosophen einmal genauer anzusehen.

Zwar verschärfte sich das politische Klima in der angespannten Lage des Siebenjährigen Krieges fortlaufend und nach einem gescheiterten Attentat auf Louis XV gar so sehr, dass das Pariser Parlament den Verkauf der «Encylopédie» 1759 vollständig untersagte. Noch bevor die Polizei aber Diderots Büro räumen konnte, hatte Zensor Malesherbes alle darin gelagerten Manuskripte evakuiert. Er ermöglichte sodann die Fertigstellung der verbleibenden Bände im Untergrund – und setzte sich damit nicht nur für den Geist, sondern auch fürs Geld ein.

An der Enzyklopädie, dem grössten publizistischen Projekt ihrer Zeit, hingen etliche Druckereien, Setzer- und Buchbinderbetriebe, ihr Verkauf spülte den Verlegern Hunderttausende von Francs in die Kassen – und einige davon über Fiskaleinnahmen auch dem Staat. Mit der Wirtschaft stand damit nebst der Vernunft eine weitere und immer stärkere Macht auf der Seite der freien Meinung: Die potentiell gewinnbringenden Bücher im Land entstehen zu lassen, lag im ureigenen Interesse des finanziell angeschlagenen Königreichs. Produziert, so viel war allen klar, würden sie sowieso; sei es in der Schweiz, in Holland oder in Deutschland, wo französische Titel gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein Drittel der publizistischen Produktion ausmachten. Anstatt dem Ausland ein weiteres Grossgeschäft zu bescheren, wurde es also, von niemandem gesehen, aber von allen toleriert, im französischen Untergrund abgewickelt. Um wenigstens den Anschein eines funktionierenden Zensurapparates zu wahren, legte man dem Trojanischen Pferd fortan freilich noch das Deckmäntelchen eines Schweizer Druckortes um.

Dieses marode System zerbrach unter der Revolution, die die «freie Äusserung von Gedanken und Meinungen» 1789 als «eines der kostbarsten Menschenrechte» verankerte. Zu glauben, dass sich die Meinungsfreiheit damit in Frankreich durchgesetzt hätte, wäre aber verwegen. Schon 1792 wurde ein Totalverbot für royalistische Schriften verhängt, und ein Jahr später fielen die Urteile gegen unliebsame Worte im Akkord: Einem guten Drittel aller Fälle, die das Pariser Revolutionstribunal 1793 verhandelte, lagen «Meinungsvergehen» zugrunde, sprich (vermeintliche) Äusserungen gegen «Freiheit», Republik oder Revolution. – Regime und Werte mögen sich ändern, der Furor der Kontrolle bleibt derselbe. Z wie Zensur.

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