Dichter unbekannt

Heinrich Heine und die Deutschen

den deutschen bleibt heinrich heine ein dorn im auge; für die welt war er ein gewinn. in seiner poesie und in seiner haltung war er fest, klar und heiter – seiner melancholie aber blieb er treu. heine missachtete eine grosse deutsche untugend: er jammerte nicht – selbst in seinen liedern aus der matratzengruft nicht, geschrieben während einer heimtückischen krankheit, die den qualvollen tod des dichters einleitete.

heine rieb sich – in bester tradition deutschen dichter – stets kritisch an diesem vaterland, und wurde verachtet und verbannt. manche der verfemten dichter gingen so weit, dass sie nicht einmal in deutschland sterben wollten. andere durften nicht hier sterben. europäische und amerikanische friedhöfe sind voll deutscher dichter und denker. ja, deutschland versteht sich zuweilen auf rache. als die hitlerarmee in frankreich einfiel, befahl der germanist dr. goebbels, den namen heinrich heines auf seinem grabstein auf dem pariser friedhof montmartre auszulöschen – 85 jahre nach dem tod des dichters. doch die geschichte antwortete prompt. die französische résistance meisselte in einer nächtlichen aktion den namen heinrich heine wieder in seinen grabstein hinein. unter der deutschen besatzung riskierten franzosen ihr leben, um den namen eines deutschen zu retten.

seine verse verbanden frankreich mit deutschland, auch wenn dieses sich dagegen sperrte. hat heine nicht durch seine poesie und seine wirkung die idee von einem gemeinsamen europa vorweggenommen?

und heine antizipierte auch das deutsche schicksal: «dort wo man bücher verbrennt, verbrennt man auch am ende menschen.» die nazis rächten sich und setzten unter die loreley «dichter unbekannt». der schreckliche pöbel wollte den meistvertonten deutschen dichter aus dem gedächtnis der welt verdrängen.

denn, obwohl zum protestantismus übergetreten, war heine auch jude. er versteckte sein judentum tief in seiner französischen seele; doch die antisemiten fanden es jedes mal heraus und fielen über ihn her – bis heute. noch vor einigen jahren formulierte ein kritiker sein verdikt über heine so: «ein jude hat in europa karriere gemacht.» sein schicksal war vielleicht das scheitern der jüdischen emanzipation, das später auch zu auschwitz führte. denn heine war nie assimiliert, wie deutschland es immer von seinen juden verlangte.

seine poesie suchte die reibungsfläche und fand den direkten weg zu menschen, die sie zuweilen einsetzten – in ihrem täglichen leben. vor einigen jahren erzählte mir eine sehr junge journalistin von ihrer krebskrankheit und deren behandlung. «wenn ich von der chemotherapie heimkam, fing mich mein freund ab und führte mich gleich zur toilette. dort kotzte ich, während er meinen kopf hielt und mir gedichte von heinrich heine vorlas.»

deutschland war für ihn eine wunde, die sich nie schloss. heine trug sie am revers. seine wunde ist die der hoffnungslosen liebe zu deutschland. diese liebe wurde nie erwidert – ein sehr deutsches schicksal. heine liebte sein vaterland – allerdings nach seiner fasson. aber vaterländer kann man nur so lieben. denn sonst wachsen sie über unsere köpfe hinaus, mutieren zu einem moloch und zertrampeln alles. «wer überwindet, gewinnt», sagt mephisto. überwindung als eine adäquate art, deutschland zu lieben? heine wehrte sich dagegen und bezahlte seine weigerung teuer. er liebte deutschland, nicht aber den staat – somit war er ein verräter. in einem seiner schönsten gedichte «deutschland. ein fragment» schrieb er:

muttersöhnchen gehn in seide,

nennen sich des volkes kern,

schurken tragen ehrgeschmeide,

söldner brüsten sich als herrn.

nur ein spottbild auf die ahnen

ist das volk im deutschen kleid.

das vaterland ist für heine immer ein fragment geblieben. auch deswegen erntet er bis heute hass in deutschland. nicht nur in dieser frage war heine kompromisslos und hatte seinen eigenen horizont. nicht einmal der sozialismus konnte ihn ganz für sich vereinnahmen. auch nicht das christentum; er nannte sich «jesuaner». selbst hier blieb sich der exilierte treu – heine wollte mit dem apparat des christentums nichts zu tun haben.

und er blieb ein rebell. als der geheimrat den ausdrücklichen wunsch äusserte, den jungen dichter kennenzulernen, und ihn dann gönnerhaft behandelte, schrieb heine spöttisch: «die natur wollte wissen, wie sie aussieht, und sie erschuf goethe.» er verstand nicht sehr viel von der deutschen obrigkeitsliebe.

dennoch, heine ist ein sehr deutscher dichter, der zugleich – vielleicht gerade deswegen – zur welt und zur weltliteratur gehört. seine gedichte verdeckten nicht, sie deckten auf, meist die bruchstücke der deutschen seele – litt er doch selbst so sehr darunter.

was hat deutschland heine nie verziehen? dass er jude war? dass er aufmüpfig war? dass er aufklärer und romantiker zugleich war? aufklärer ohne erbsenzählerei, aber mit seele?

«es gibt leute, welche glauben, sie könnten den schmetterling ganz genau betrachten, wenn sie ihn mit einer nadel aufs papier festgestochen haben.» romantiker, ohne falsches pathos und leere beschwörungen. für die blaue blume war heine nicht naiv genug, für die antifranzösische haltung zu klug.

seine heimat wird ein künftiges land sein – vielleicht ohne fahne und nationalhymne –, in dem niemand ausgegrenzt wird, schon gar nicht wegen seiner religion, sprache und hautfarbe. auch das fehlen dieser heimat macht heinrich heine sehr modern.

selten habt ihr mich verstanden

selten auch verstand ich euch;

nur wenn wir im kot uns fanden,

so verstanden wir uns gleich.

in seinem grossen gedicht «nachtgedanken» rechnete er aus dem pariser exil mit seinem deutschland ab. er zählte seine liebe zu deutschland und alle fasern dieser liebe auf und endete:

gottlob! durch meine fenster bricht

französisch heitres tageslicht;

es kommt mein weib, schön wie der morgen,

und lächelt fort die deutschen sorgen.

um in deutschland geliebt zu sein, hatte heine zu viele brüche. diese oszillierten zwischen melancholie und heiterkeit. hier war kein platz für die bierernste deutsche verbitterung. nicht einmal karl kraus hat das begriffen. wie kann man leiden, ohne seine heiterkeit einzubüssen? heine konnte:

und als ich euch meine schmerzen geklagt,

da habt ihr gegähnt und nichts gesagt;

doch als ich sie zierlich in verse gebracht,

da habt ihr mir grosse elogen gemacht.

hätte heine überhaupt unter den deutschen leben können? war er nicht zu frei dafür? hätte die deutsche lebensordnung ihm seinen sinn für schönheit nicht gänzlich verekelt? jenen sinn für die schönheit, der nur in einer symbiose mit der freiheit blüht.

er liebte die deutschen, wenn sie brannten. wenn sie aber vor sich hinfaulten und ihre grossmannssucht entfalteten, dann verachtete heine sie.

«die mission der deutschen in paris scheint es zu sein, mich vor heimweh zu bewahren.»

doch geträumt hat er immer von «seinem» deutschland. einige dieser träume sind meisterlich verwoben in seinem grossen gedicht «deutschland. ein wintermärchen»; diese sind immer noch nicht eingelöst. heinrich heine ist ein künftiger deutscher dichter.

«glück ist eine leichte dirne», schrieb der melancholiker, der gerne spottete und doch so verletzlich blieb. er litt oft an seinem deutschen herzen und rettete sich in seine französische seele. dann schrie er hinaus: «ich bin ein wolf geblieben.» ein wolf, der in der wunde der mitwölfe wühlt, bis heute.

ich bin sicher, auch zu seinem runden todestag verlässt heinrich heine ruhig seine wohnung in der rue d›amsterdam 50, schlendert gelassen zum boulevard de montmartre, setzt sich in ein café, nippt an seinem glas und mokiert sich über die deutschen – und die anderen – die jetzt über ihn elogen schreiben. er braucht sie nicht, sie aber ihn. denn seine zeit kommt immer mit einer revolte. 1968 taufte die studentenrevolte spontan die universität düsseldorf in «heinrich-heine-universität» um. inzwischen heisst diese offiziell so. der exilierte kehrte heim – mit der revolte.

SAID, 1947 in Teheran geboren, verliess mit 17 Jahren seine Heimat und lebt sei 1965 in München. Sein literarisches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit der Goethe-Medaille des Goethe-Instituts (2006).

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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