Diäten sind fast immer ungesund!

Kritisches zu Rolf Dobellis «Vergessen Sie die News!»*

Diäten sind fast immer ungesund!

Gerade eben hatte ich die neue 2000seitige Übersetzung von «Krieg und Frieden» durch Barbara Conrad aus der Hand – und die tägliche Zeitung deswegen keineswegs beiseite – gelegt, da stiess ich auf Rolf Dobellis Essay «Vergessen Sie die News!» im neuen «Schweizer Monat». Hatte ich etwas falsch gemacht, als ich neben dem Eintauchen in den langen, wunderbaren Text Tolstois immer wieder auch aktuelle Nachrichten las, hörte, sah? Aber was genau sollte daran falsch sein?

Dobellis unmissverständlicher Diätbefehl lautet: Entweder/Oder. Entweder lange Texte und keine News oder News und keine Zeitschriften und Bücher: Tolstoi ja, Zeitung nein! Also: wunderbare, detaillierteste und oft auch anekdotisch anmutende Beschreibungen aus der Zeit von Napoleons Russlandfeldzug ja! Der gegenwärtige, atemberaubende Aufstand des libyschen Volks gegen den Diktator Gadhafi nein? Das Erdbeben von Lissabon von 1755 (Voltaire, Goethe) ja; das Jahrhunderterdbeben von Japan 2011 nein? Etwas scheint an dieser Fragestellung nicht zu stimmen. Als zeitlebens selbst-, das heisst medienkritischer Journalist stelle ich Rolf Dobellis radikale Nachrichtendiät in Frage.

«Leben Sie ohne News. Klinken Sie sich aus. Radikal. Erschweren Sie sich selbst den Zugang zu News, so gut es geht.» (Dobelli)

Rolf Dobellis Lamento über die schädlichen News, sein Plädoyer für eine «gesunde Nachrichtendiät» scheint eine topaktuelle, krankhafte Zeiterscheinung zu diagnostizieren. Doch obwohl der Text sich mit neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung schmückt, ist die Kritik an der News-Sucht so neu nicht. Sie ist so alt wie News selbst, und die wiederum sind älter als die 200 Jahre, vor denen sie angeblich «erfunden» wurden. Denn was heute News heisst, hiess zuvor «Zeitung» oder «neue Zeitung», was nichts anderes bedeutete als Neuigkeit. News eben. Die gab es in gedruckter Form spätestens seit Beginn des 17. Jahrhunderts. Und sie berichteten, nicht anders als andere Formen der News-Verbreitung zuvor, über ungewöhnliche Himmelserscheinungen, Begebenheiten bei Hofe, Naturkatastrophen, Kälber mit zwei Köpfen und andere Kuriositäten.

Kritik der «Zeitungssucht» und Kritik der Kritik

Gegen die «neue Zeitungssucht», gegen den verderblichen Konsum von Neuigkeiten aus aller Welt, politischen, militärischen oder auch bloss kuriosen, wetterten Gelehrte und Geistliche schon damals. Rolf Dobelli steht mithin in einer langen Tradition, die leider nicht ganz so harmlos ist, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Denn was den vermeintlich irregeleiteten, also unmündigen News-Konsumenten beschützen, was ihn vor der Profitgier der «News-Industrie» fürsorglich bewahren möchte, ist ein uralter Trend in der Geschichte: jene paternalistische Haltung kirchlicher und Landes-Herren, welche die unwissenden Untertanen nicht vom rechten Weg der geistigen Nahrungsaufnahme ablenken lassen will. Eine Haltung, die besser weiss, was dem Volke frommt und was nicht. Und deshalb zwischen «guter» und «schlechter» Lektüre unterscheidet und letztere am besten gleich selber aussortiert.

Rolf Dobelli mögen solche Absichten fremd sein. Er mag sich gar von einem aufklärerischen Impetus angetrieben fühlen, doch die Geschichte lehrt nun einmal, dass Obrigkeiten und Autoritäten aller Art – weltliche, religiöse, moralische – derlei Argumente nur zu gerne aufnehmen, um ihren Schäflein aus ihrer Sicht schädliche Informationen zu ersparen.

Einer der prominentesten Kritiker der «neuen Zeitungssucht» war Ahasver Fritsch (1629–1701), Kanzler des Duodezfürstentums Schwarzburg-Rudolfstadt und Dichter zahlreicher Kirchenlieder. In seinem mehr als ein Jahrhundert lang eifrig zitierten «Discursus de novellarum, quas vocant Newe Zeitungen, hodierno usu et abusu» (Abhandlung über den heutigen Gebrauch und Missbrauch der Neuigkeiten, die man Neue Zeitungen nennt) warnte Fritsch vor den Gefahren ungezügelten Nachrichtenkonsums: Sich um anderer Leute Geschäfte zu kümmern, aus Neugier über «anderer Leute Sachen» zu reden und reden zu hören, die uns doch nichts angingen, das sei «sündhaft», «weil dadurch viel Zeit verdorben, wichtigere Dinge aber, dazu unsere Zeit uns gegeben (…) versäumt werden.» Dobellis Argumentation im Sprachduktus von 1686!

Da halten wir es lieber mit der seinerzeit fast ebenso prominenten Antwort auf Fritsch und Konsorten, dem Buch «Zeitungs Lust und Nutz» von Kaspar Stieler (1632–1707). Stieler, Sprachgelehrter und Hofmann, kommt das Verdienst zu, damit den ersten Versuch einer Gesamtdarstellung des Pressewesens unternommen zu haben. In dieser frühen Zeitungskunde im barocken Stil wird der mögliche Missbrauch der News nicht geleugnet, aber die Pauschalverurteilung der Zeitungen mit vielen praktischen Argumenten widerlegt. Kritikern wie Fritsch hält Stieler entgegen:

«Tun derhalben diejenige Unrecht / welche durchgehendshin die Zeitungen verachten / viel spitziges und spöttliches darwider reden und schreiben / und also / wie man im Sprüchwort redet / das Kind mit dem Bade aus zu schütten gedenken.»

Frust & Schmutz statt Lust & Nutz? Gewiss, wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der Information ein knappes Gut war. Heute werden wir von Nachrichten überschwemmt, werden gratis – ein Euphemismus für: ungefragt – mit News bombardiert. Wir sind overnewsed, but underinformed. Darin ist Rolf Dobelli recht zu geben. Zu viel Nachrichtenschrott lagert sich täglich auf der Erde ab, schlimmer noch: zu viel von den immer gleichen News-Partikeln nehmen uns manchmal die Luft zum Denken – zum Beispiel dar-über, ob wir auch richtig, ob wir über das wirklich Relevante informiert werden. Auch wenn dieses Relevante, wie schon Kaspar Stieler wusste, nicht für jeden das Gleiche bedeutet. Der Politiker interessiert sich für anderes als der Kaufmann oder der kluge Hausvater, und sogar Diebe und Banditen zögen, so Stieler, ihren Nutzen aus der Zeitung, wenn sie erführen, dass sie öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben seien…
Doch bedeutet dies, dass wir News als krankmachende, als toxische Form der Kommunikation gänzlich zu meiden haben? Ist an die Stelle von «Lust & Nutz» heute nur noch «Frust & Schmutz» getreten?

Was bedeutet Relevanz?

Ausgangs- und Angelpunkt von Dobellis Diät-Empfehlung ist seine Definition dessen, welche News überhaupt relevant sein sollen. 300 Jahre nach Stielers Buch ist bei ihm die Relevanz von Informationen undifferenzierter beschrieben als beim Barockgelehrten. Relevanz bedeute, so Dobelli, «was für Sie persönlich wichtig ist». Punkt. Schluss. Was also für meine vielfältigen sozialen, politischen, wirtschaftlichen Bezüge wichtig ist, in denen ich mich ausserhalb meines Hauses bewege, ist für ihn bereits nicht mehr relevant. Informationen aus meiner und meiner Familie Lebenswelt, aus der Wirtschaft, aus der lokalen, nationalen, internationalen Politik: irrelevant. Eine relevante Information ist einzig und allein, was erlaubt, «eine bessere Entscheidung (für Ihr Leben, Ihre Karrie-re, Ihr Geschäft) zu treffen, als wenn Sie diese News nicht gehabt hätten». Also zum Beispiel, eine Fahrt zum Flughafen nicht anzutreten, weil in Island ein Vulkan ausgebrochen sei…

Ein solches Verständnis von Relevanz reduziert den informierten Zeitgenossen auf seine Rolle als Privatperson, vereinzelt ihn zu dem, was die alten Griechen «idiotes» nannten. Der Mensch als «zoon politicon», als Citoyen, als aktiver, über sein Gemeinwesen informierter Teilhaber? Kommt bei Dobelli nicht vor. Fehlanzeige.

Rolf Dobelli lässt offen, ob er der sozialen, wirtschaftlichen, politischen Kommunikation, die sich doch aus täglichen Informa-tionsbruchstücken zusammensetzt, keinerlei Wert beimisst oder ob er glaubt, derlei Information lasse sich allein durch das Lesen langer Texte in «einschlägigen Zeitschriften, Magazinen und guten Büchern» beschaffen. Beides schmerzt einen altgedienten Zeitungsmann, der durch die Auswahl und Einordnung von News täglich aufs neue Bedeutung zu vermitteln, politische Relevanz herzustellen suchte. Der nie meinte, jeder einzelne Leser müsse jedes einzelne Informationsteilchen, das im öffentlichen Raum schwebt, als relevant betrachten. Der sich aber gerade wegen der Vielzahl von Leserinteressen hütete, Relevanz endgültig und unwiderruflich zu definieren und alles, was Rolf Dobelli als irrelevant bezeichnet, im Papierkorb verschwinden zu lassen. Die Versuchung dazu wäre dann besonders gross, wenn die Nachricht dem journalistischen Schleusenwärter aus irgendeinem Grunde nicht passt. Dann geraten enge, persönlich gefärbte Relevanzdefinitionen plötzlich in eine zwielichtige Zone, wo der vermeintliche Hüter von Sinn und Bedeutung in den Augen anderer plötzlich als autoritärer Manipulator dasteht.

Nicht alles, was Bertolt Brecht geschrieben hat, findet meine Zustimmung. Aber mit dem Anfang der Geschichte «Herr Keuner und die Zeitungen» bin ich hundertprozentig einverstanden:

«Herr Keuner begegnete Herrn Wirr, dem Kämpfer gegen die Zeitungen. ‹Ich bin ein grosser Gegner der Zeitungen›, sagte Herr Wirr, ‹ich will keine Zeitungen.› Herr Keuner sagte: ‹Ich bin ein grösserer Gegner der Zeitungen, ich will andere Zeitungen.›»

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»