Deutschlands Himmel über Genf

Yvette Z‘Graggen: Deutschlands Himmel. Aus dem Französischen von Regula Renschler. Basel: Lenos, 2011.

Dass eine lateinische Geburt die Menschen nicht vor den schrecklichen politischen Verirrungen bewahrte, die im 20. Jahrhundert von Deutschland ihren Ausgang nahmen, ist ein Thema, das die Schriftsteller der Romandie seit einigen Jahren entdeckt haben. Die Genfer Autorin Yvette Z’Graggen hat sich ihm bereits 1995 mit dem Roman «Matthias Berg» genähert und diesem kurz darauf gewissermassen ein Hintergrundbuch folgen lassen, «Ciel d’Allemagne», in dem sie über ihr schwieriges Verhältnis zur deutschen Nation und Kultur persönliche Rechenschaft ablegt. Wir erinnern uns: Damals ging die Diskussion um das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ihrem Höhepunkt entgegen, und bald sollte die Bergier-Kommission ihre Arbeit aufnehmen. Jetzt, 15 Jahre danach, wird uns «Deutschlands Himmel» in Regula Renschlers vorzüglich lesbarer Übersetzung auch auf Deutsch vorgelegt.

Der Text kreist um drei Themen: die Jugend der Autorin im Genf der 30er Jahre, wo ihr die deutschsprachige Herkunft der Familie eine besondere Neugier für alles Deutsche vermittelte und sie dem Reiz von Nazifilmen erliegen liess – wofür sie sich bald danach zutiefst schämte. Dann berichtet sie, wie sie ihre letztlich aus dieser Scham geborene Abneigung gegen alles Deutsche überwindet und Jahrzehnte später nach Berlin reist, die Gedenkstätten des Widerstands besucht und so ein anderes, humaneres Deutschland neu entdeckt. Und in einem dritten Teil diskutiert sie ihren sich über die dunkelsten Jahre hinweg erstreckenden Briefwechsel mit einem jungen Deutschen, Herbert, den sie kurz vor Kriegsausbruch in Genf kennengelernt hatte. Drei Lebensphasen, drei Blickwinkel auf Deutschland – und auch erzählerisch zieht die Autorin drei Register: autobiographischer Roman, Reportage und interpretierende Lektüre der Briefe.

Aus Lesersicht sind diese Teile nicht alle gleich ergiebig. Die Geschichte des deutschen Widerstands etwa wurde in der deutschsprachigen Öffentlichkeit gerade in den letzten Jahren ausgiebig diskutiert, so dass man hier kaum Neues erfährt. Zudem zeichnet die Autorin ein leicht veraltet wirkendes, idealisierendes Bild, das Probleme wie die vorgängige Kollusion einzelner führender Vertreter des Widerstands mit dem Regime ausblendet. Auch die Korrespondenz mit Herbert berührt vor allem durch das, was darin hartnäckig beschwiegen wird. Viel ist in diesen Briefen von den ungemütlichen Lebensumständen in den zerstörten deutschen Städten die Rede, wenig davon, warum es so weit kam. Gewiss steht da das Schreiben, worin der ehemalige Wehrmachtssoldat – nach dem Krieg – von seiner Ablehnung des Naziregimes berichtet. Yvette Z’Graggen lässt dieses Bekenntnis so unhinterfragt stehen, wie das bei deutschsprachigen Autoren, die längst misstrauisch geworden sind gegen die Lebenslügen der Nachkriegsgeneration, kaum möglich wäre.

Was das Buch lesenswert macht, sind deshalb vor allem die Passagen, die ins Genf der Zwischenkriegsjahre führen, diese sowohl in sich verschlossene wie weltläufige Stadt. Hier lesen wir atmosphärisch dichte Schilderungen von den Schwierigkeiten der zugewanderten Familie, ihren Platz in der Genfer Gesellschaft zu finden und in der Krise einen standesgemässen Lebensstil zu bewahren, und wir hören von der Langeweile, die eine Jugend in der strengen Calvinstadt umgab. All dies macht den Zauber begreiflich, den deutsche Besucher ebenso wie Wochenschaubilder auf das junge Mädchen ausübten: «Während bei uns, in der Schweiz, nichts Aufregendes passiert, werden ‹dort› grandiose Spektakel organisiert: Fackeln in der Nacht, die sich im Rhythmus der Marschierenden fortbewegen, schöne, grosse blonde Männer, das ‹Horst-Wessel-Lied›, das wie auf einen unwiderstehlichen Höhepunkt hin komponiert wurde, einen kollektiven Orgasmus.»

Nicht zuletzt mit solchen Stimmungsbildern macht die Autorin einiges von der Faszination begreiflich, mit der totalitäre Bewegungen junge Menschen anziehen, und so wird ihre Erzählung, über den aktuellen Bezug hinaus, zum Lehrstück über politische Versuchung und Einsicht.

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