…des Umgangs mit dem Fremden

Knapp vier Monate sind seit der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative vergangen und wir sind noch immer verärgert. Die primitive Stimmungsmache gegen Ausländer ist eine von vielen Quellen unseres Ärgers. Die Liberalen, die Linken und die Unternehmer haben sich zu sicher gewähnt, die untergründige Stimmung im Land nicht ernst und den Kampf gegen den konservativen Kleingeist […]

Knapp vier Monate sind seit der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative vergangen und wir sind noch immer verärgert. Die primitive Stimmungsmache gegen Ausländer ist eine von vielen Quellen unseres Ärgers. Die Liberalen, die Linken und die Unternehmer haben sich zu sicher gewähnt, die untergründige Stimmung im Land nicht ernst und den Kampf gegen den konservativen Kleingeist nicht aufgenommen. Wir ärgern uns aber auch über die Respektlosigkeit, mit der die EU einen demokratischen Entscheid behandelt. Die Menschen in Europa sind mündig und wünschen, selber eine Stimme zu haben, wie die Schweizer. Zur Mündigkeit gehört, sich der Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst zu sein. Wir finden: Man kann nicht die Annehmlichkeiten der freien Binnenwanderung geniessen und sich gleichzeitig beschweren über die Menschen, die dann zu uns kommen. Und man kann die «Zersiedelung» der Schweiz nicht nur auf die Ausländer schieben. Wir Schweizer sind nachweislich diejenigen, die zuvorderst aus der Peripherie in die Städte ziehen – und wir wollen dabei immer mehr individuellen Komfort. Das braucht Platz, eine entsprechende Infrastruktur und führt zum legendären «Dichtestress». Ausländer-Bashing erspart die Konfrontation mit selbst verursachten Schwierigkeiten. In der Schweiz wie in der EU. Wir müssen entscheiden, wie viel Dynamik, Inspiration, Blutzufuhr und damit auch Verunsicherung – oder wie viel Gemütlichkeit, Abschottung und damit Stagnation wir wollen.

Schweizer sind Europäer durch und durch. Sie alle wollen sich den inneren Zwiespalt gegenüber den Einwanderern nicht eingestehen und greifen zum Abwehrmechanismus der Spaltung. Sie lobhudeln einerseits Star-Ausländern, andererseits organisieren oder tolerieren sie Hetzkampagnen. Sie lästern über den störenden fremden Nachbarn und verstehen sich mit ihren ausländischen Freunden trotzdem prächtig.

So geht das nicht weiter, und es braucht eine grundlegende Debatte. Unser innerer Zwiespalt gegenüber dem Fremden muss offen diskutiert werden.

Denn wenn der Diskurs den strukturkonservativen Kräften überlassen wird, sorgen wir tragischerweise dafür, dass die Ängste Realität werden.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»