…des Schweizers Lust

Umfragen zufolge haben wir mehr guten Sex als die meisten in Europa, im Durchschnitt. Das erstaunt. Zurückhaltung, Gehemmtheit ist doch unser Markenzeichen. Politische Korrektheit nimmt überhand. Die Anmache in anderen Ländern wirkt von aussen betrachtet offener, Männer und Frauen scheinen es sich dort leichter zu machen, miteinander Spass zu haben. Wir sind erotische Lustbremsen, alles […]

Umfragen zufolge haben wir mehr guten Sex als die meisten in Europa, im Durchschnitt.

Das erstaunt. Zurückhaltung, Gehemmtheit ist doch unser Markenzeichen. Politische Korrektheit nimmt überhand. Die Anmache in anderen Ländern wirkt von aussen betrachtet offener, Männer und Frauen scheinen es sich dort leichter zu machen, miteinander Spass zu haben. Wir sind erotische Lustbremsen, alles klar? Die Sex-Beraterinnen des «Blicks» als Spiegel der Schweizer Bett-Situation dokumentieren es schliesslich täglich: Caroline Fux und ihre Vorgängerinnen versuchten und versuchen, den etwas blockierten Sex-Furor der Schweizerinnen und Schweizer zu lockern.

Ist der Sex-Poll also Wunschdenken? Oder eben doch Abbild der Realität? Einspruch! Ein verklemmter Auftritt besagt ja noch nichts über das, was hinter verschlossener Schlafzimmertür wirklich abgeht. Stille Wasser sind bekanntlich tief – und der offen zur Schau getragene Zwang zum Spass in anderen Kulturen kann durchaus auch Leistungsdruck erzeugen, der hemmend wirkt. Unsere Fassade der Verklemmtheit, unser verschämtes, korrektes, zögerliches trockenes Getue stachelt die Lust am Übertritt mehr an als ein allzeit obsessiv lustbereites erotisches Selbstverständnis. Denn: Wächst nicht die Lust am Rebellieren, an der Auflehnung, am sexuellen Exzess an den inneren und äusseren Widerständen?

Sind wir Schweizer deshalb insgeheim lustvoller, weil wir unter stärkeren lustfeindlichen inneren Zwängen leben? Weil wir es nicht so lustig haben dürfen, wollen wir umso mehr, wenn wir unbeaufsichtigt können? Sexualität nicht nur als Trieb, sondern als Kompensation für Frust?

Wir glauben: Der Imperativ «Geniesse!» als spätkapitalistische, den Konsum ankurbelnde Devise hat auch in unserer gehemmten Schweizer Lust-Kultur Einzug gehalten. Inoffiziell. Weil wir aber über weite Strecken die Sau nicht rauslassen dürfen, betreten wir emotional gern verbotenes Terrain. Wenn im Bett dann die Sache abgeht, haben wir es lustig, nur hängen wir es nicht an die medial grosse Glocke.

Da kommt uns diese Umfrage gerade recht. So sachlich aufbereitet dürfen wir es den anderen dann doch mal ein bisschen zeigen.

Hier ist es, das Schweizer Rezept zur geheimen Lust: Wir müssen nicht immer, wir dürfen nur bedingt. Aber wenn, dann richtig. Und ganz diskret, versteht sich.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»