Des Schweizer Autors Schweiz

Hermann Burger hat während fast zwei Jahrzehnten regel-mässig Texte für die «Schweizer Monatshefte» verfasst. Die ersten Gedichte in den 1960er Jahren schrieb er als Student und angehender Schriftsteller; es folgten in den 1970er und 1980er Jahren Erzählungen und Rezensionen des bereits etablierten Autors und ETH-Privatdozenten. Wir drucken, nach der Erzählung «Die Ameisen» (SMH-Ausgabe 967), diesmal den ersten Teil eines Essays wieder ab, in dem er über Max Frischs Kritik an der Schweiz schreibt. Burger, der sich sonst kaum politisch exponierte, begegnet dem Schriftsteller-Übervater darin mit erstaunlich viel Wohlwollen.

«Ich liebe die Schweiz so, wie sie ist; aber weil sie so ist, wie sie ist, und weil ich sie liebe, geht es nicht ohne Kritik, ohne Selbstkritik.» Dieser Satz stammt aus der Festrede, die Max Frisch am 1. August 1957 in einem Schulhof des Zürcher Industriequartiers vor rund 300 Leuten gehalten hat. Er spricht, unter anderem, von der Meinungsfreiheit. Als positives Beispiel führt er an, dass ihm das Vereinskartell «Industriequartier» nicht vorgeschrieben habe, was er unter dem Schweizerkreuz sagen dürfe und was nicht. «Ich weiss, dass ich wegen dem, was ich Ihnen sagte, auf keinen Fall nach Sibirien komme und auch nicht nach Dachau.» Das ist für Frisch im Vergleich zu anderen Ländern immerhin einer der «Unterschiede in der Unfreiheit, die ins Gewicht fallen, die wir, bei aller Kritik an der Schweiz, nicht vergessen dürfen.» Mit diesem Bekenntnis ist der differenzierte Standpunkt angedeutet, den Max Frisch – ausgenommen in ein paar Fussnoten seiner jüngsten Publikation Wilhelm Tell für die Schule – immer angestrebt hat, auch in den schärfsten Polemiken, wenn er mit den Fäusten gegen die Gefängnistür seines Kleinstaates trommelte. Die Kritik an der Schweiz in den Blättern aus dem Brotsack, im Stiller, in den Aufsätzen Überfremdung 1 und Überfremdung 2, wogegen auch immer sie sich richtet, ist in dem Sinne aufbauende Kritik, als Max Frischs Überzeugung durchschimmert, unser Staat sei es wert, dass man gewisse Fragen an ihn richte. Wer glaubt, diese Art von Engagement mit dem Hinweis auf die Eitelkeit abtun zu dürfen, verkennt die Tatsache, dass ein erfolgreicher Schriftsteller seine Eitelkeit in der Königsloge des Kulturpalastes leichter befriedigen könnte als auf dem Holzboden der Kritik, der den Holzboden für die schönen Künste, was die ungehobelten Bretter und die rostigen Nägel betrifft, geradezu als glattes Parkett erscheinen lässt. Max Frisch ist selbstkritisch genug, um sich auch über die Eitelkeit Rechenschaft abzulegen. In der Rede Der Autor und das Theater stellt er die ketzerische Frage, ob das Engagement in die Kunst gekommen sei, weil es dem Schriftsteller um die Welt gehe, oder umgekehrt: «Zwar lieben wir Schriftsteller es zuweilen, vom Schreibtisch aufzuspringen und sozusagen im Stehen ein aktuelles Manifest zu unterzeichnen, unbekümmert um Opportunität und auf diese Unbekümmertheit stolz, sozusagen draufgängerisch, als wöge das persönliche Rühmlein, das da ein jeder unterschriftlich verpfändet, die Mühseligkeit politischer Tätigkeit auf, die wir dann, ein jeder an seine Schreibmaschine zurückgekehrt, andern Zeitgenossen überlassen.» Mir ist kaum aus einer Rede eines Politikers eine solche Bereitschaft bekannt, sich selber, sein eigenes Tun zu durchschauen. Und genau davon hängt letztlich die Glaubwürdigkeit des Engagements ab: vom Ausmass der freiwilligen Selbstkritik. Zu dieser Kontrolle gehört, zum Beispiel, das Wissen darum, dass es sehr leicht ist, in einer Kolumne mit glanzvollen Formulierungen ein Problem auf einen Nenner zu bringen, an dessen Lösung die Bemühungen der Politiker seit Jahren scheitern.

Trotz der selbstkritischen Zurückhaltung, um die Max Frisch sich im Fall Schweiz bemüht, hört man immer wieder die Aufforderung, hinter der sich ein Pauschalurteil übelster Sorte verbirgt: Er kann ja gehen, wenn es ihm hier nicht passt! Wohin? Natürlich in den Ostblock. Max Frisch ist, zum Glück für die Schweiz, gegangen und ist, zum Glück für die Schweiz, stets zurückgekehrt. Er bereiste Nachkriegsdeutschland, Polen, Amerika, Russland, um nur ein paar Länder zu nennen. Ich betrachte es als Glücksfall für ein Land, einen Schriftsteller zu haben, der sich ein Urteil über andere politische Systeme und Lebensgewohnheiten an Ort und Stelle zu bilden versucht, statt sie aus der Tagespresse zu übernehmen. Was wir Jüngeren von Max Frisch lernen sollten, ist diese Weltoffenheit, die einem gestattet, die Schweiz von aussen zu betrachten, damit der Sinn dafür geschärft wird, dass unsere…

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Rolf Dobelli, Bestseller-Autor und Unternehmer,
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