…des Leben-und-Sterben-Lassens

Wir gefallen uns in unverbindlicher Toleranz für eigenwillige Lebensentwürfe. Wer andere nicht schädigt oder stört, kann tun und lassen, was er bzw. sie will. Was aber, wenn man/frau gar nicht mehr will? Lassen wir ebenso frei sterben wie leben? Der Rückzug auf die ureigenen Bedürfnisse, bis hin zur freien Entscheidung, in welcher Verfassung und wie […]

Wir gefallen uns in unverbindlicher Toleranz für eigenwillige Lebensentwürfe. Wer andere nicht schädigt oder stört, kann tun und lassen, was er bzw. sie will. Was aber, wenn man/frau gar nicht mehr will? Lassen wir ebenso frei sterben wie leben?

Der Rückzug auf die ureigenen Bedürfnisse, bis hin zur freien Entscheidung, in welcher Verfassung und wie lange man leben möchte, wird auch in der Schweiz immer mehr in Frage gestellt. Zwar sorgen liberale Gesetze und eine vernünftige Rechtsprechung noch dafür, dass die ultimative persönliche Entscheidung geschützt ist. Doch dominiert in der veröffentlichten Meinung bereits eine fehlende Reife in der Auseinandersetzung mit dem Thema. Statt Reflexion und Respekt: Hektik. Und hinter Sorgenfalten: versteckte Bevormundungsgelüste.

Der Entscheid zur Selbsttötung hat stets komplexe Hintergründe. Er kann nicht immer auf das Resultat einer akuten oder chronischen depressiven Urteilsunfähigkeit reduziert werden. Jacques Lacan betrachtete den Suizid als den radikalsten menschlichen Akt schlechthin. Wir verkennen nicht: Im Anschluss an einen Suizid vermischt sich die Ratlosigkeit der engen Angehörigen und Freunde mit simplifizierenden Erklärungsversuchen von Aussenstehenden. Das ist Abwehr der unvermeidlichen und oft unbewussten Schuldgefühle, in Absicht und Wirkung respektlos, besonders gegenüber dem Suizidanten. Schnell wird eine Diagnose gestellt oder ein Sündenbock gesucht. Uns stört, wenn persönliche Entscheidungen zur Pauschalkritik an der bösen Leistungsgesellschaft missbraucht werden. Statt einer gründlichen und würdigen Auseinandersetzung den Boden zu bereiten, wird medial meist bloss Aufregung erzeugt. Die wichtigen Fragen, die nicht leicht und schnell zu beantworten sind, kommen zu kurz: Warum will sich ein Mensch selber töten? Warum ist das ein Tabu? Wie können wir dieses Tabu lockern und damit eine Atmosphäre schaffen, in der Betroffene leichter über ihre Not sprechen können?

Eine offene Haltung und grundsätzliche Bejahung des Suizidrechts führt zu radikaleren Fragen über das gute Leben. Gut leben lassen und frei sterben dürfen, beides gehört zu den Grundpostulaten einer humanen und reifen Gesellschaft.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»