…des Erbens

Thomas Piketty, Wirtschaftswissenschafter, lässt aufhorchen. Mit seinen Untersuchungen der zunehmenden Ungleichheit der Vermögen in vielen Ländern untermauert er seine These, die Leistungsmoral und das Funktionieren der Wirtschaft seien gefährdet. Als Gegenmittel fordert er signifikant höhere Steuern auf Vermögen und Erbschaften. Das ist zu kurz gedacht. Definitiv. Kritiker des Kapitalismus fragen schon immer: Warum lassen es […]

Thomas Piketty, Wirtschaftswissenschafter, lässt aufhorchen. Mit seinen Untersuchungen der zunehmenden Ungleichheit der Vermögen in vielen Ländern untermauert er seine These, die Leistungsmoral und das Funktionieren der Wirtschaft seien gefährdet.

Als Gegenmittel fordert er signifikant höhere Steuern auf Vermögen und Erbschaften. Das ist zu kurz gedacht. Definitiv. Kritiker des Kapitalismus fragen schon immer: Warum lassen es Demokratien zu, dass Vermögen im mehrstelligen Millionen-, ja Milliardenbereich ohne wesentliche Abstriche an die nächste Generation weitergereicht werden? Warum werden Vermögen und ihre Erträge nicht stärker besteuert, Einkommen aus Arbeit dafür weniger stark?

Klar – weil das Ersparte schon mal versteuert wurde. Doch treffen die Kritiker einen wunden Punkt: Die Konzentration des überwiegenden Teils des Vermögens in den Händen weniger führt zu Neid und Missgunst, so unberechtigt dies auch sein mag. Was selbst ein gutsituierter Durchschnittsbürger im Leben durch eigene Kraft erarbeiten kann, verblasst angesichts dessen, was andere oftmals bloss durch die Gnade der Geburt haben oder sind.

Die psychologisch sinnvolle Idee des Erbes wird so in Frage gestellt – eine nicht nur für mittelständische Unternehmer besorgniserregende Entwicklung.

Was wir erben von den Vorfahren, verpflichtet uns – zu verantwortungsvollem Umgang, zu Investitionen in Gutes und Produktives. Genau darin besteht der Sinn von Besitz: im experimentellen Investieren, nicht im Konsumieren. Damit diese Funktion von einer Genera­tion zur nächsten lohnend bleibt, braucht es die richtigen Anreize zum Sparen – und nicht neue Steuern. Ein wachsender Anteil der Bevölkerung soll die Chance und auch Lust haben, erben und weitervererben zu können.

Gleichzeitig darf Vater Staat die ihm anvertrauten Mittel nicht für Leerlauf und nach dem Giesskannenprinzip verschwenden. Nur das spornt an, es im eigenen Leben zu etwas bringen zu wollen. Dann lohnt es sich, ein Erbe weiterzugeben, innerhalb der Familie und zu einem Teil an die Allgemeinheit. Wir wollen weder eine erstarrte Gesellschaft von wenigen herrschenden und reichen Clans noch eine Masse von unmotivierten Almosenempfängern. Beide Entwicklungen ersticken jegliche kreative politische und wirtschaftliche Dynamik.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»