Des anderen Nachbar

60 Menschen, 80 Kühe, ein paar Pferde und 4 Hunde. Das ist das Bündner Bergdorf Lü. Während die Europäische Union an einem neuen Superstaat bastelt, zeigen die Bürger von Lü mitten in Europa, wie eine Zivilgesellschaft funktioniert. Der Weg zu Lü ist der Weg ins Jahr 2023.

Des anderen Nachbar
Werner Kieser, photographiert von Michael Wiederstein.
Ich habe mich darauf eingelassen, über die Zukunft der Zivilgesellschaft zu schreiben. Das Thema ist reizvoll, aber auch schwierig. «Zivilgesellschaft» ist zu einem Modewort geworden. Wenn die Bürgerlichen von «Zivilgesellschaft» reden, unterstellen ihnen die Sozialdemokraten, implizit Staatsabbau zu betreiben. Verwenden es die Linken, folgt postwendend der Vorwurf der Rechten, sie würden Gesellschaftspolitik mit Moralin aufladen.

Diesen Text schrieb ich in meinem Ferienhaus in der Berggemeinde Lü. Das war hilfreich. Statt gelehrte Abhandlungen zu studieren, hielt ich mich an den Alltag der Menschen hier in den Bergen. Zivil ist jene Gesellschaft, in der jeder des anderen Nachbar ist. In der jeder für sich sorgt, weil er niemandem zur Last fallen will – und zugleich stets bereit ist, einzuspringen und den anderen zu helfen. Denn er weiss, dass es das nächste Mal ihn treffen könnte.

Probleme, die das ganze Dorf betreffen, werden gemeinsam gelöst. Man kennt sich. Man achtet sich. Und man fühlt sich nicht berechtigt, den anderen für eigene Versäumnisse bezahlen zu lassen. Hier ist der Staat nicht «jene grosse Fiktion, nach der sich jedermann bemüht, auf Kosten jedermanns zu leben» (Frédéric Bastiat). Und genau deshalb ist die Solidarität weit verbreitet. Lü ist der Beweis dafür: Eigenverantwortung und freiwillige Solidarität sind Zwillinge.

Wo stehen wir heute in Europa? Mittendrin – halb Zivilgesellschaft, halb etatistische Gesellschaft. Der Staat gilt als moralische Instanz, die Menschen haben Rechte und Ansprüche gegenüber ihm. Die Etatisten sollten Lü besuchen.

Wo wollen wir in zehn Jahren sein? Das weiss ich nicht. Ich weiss nur, wohin ich will: Die Schweiz hat aufgrund ihrer Kleinräumigkeit das Potential, eine echte Zivilgesellschaft zu werden.

Lü-Labor

Zurück zu Lü. Die Geschichte begann so: Meine Frau und ich suchten vor ein paar Jahren nach einem Zweitwohnsitz in den Bergen. Aufgrund eines Inserates der Bündner Kantonalbank wurden wir fündig: «Bauland auf der Sonnenterrasse Lü» lautete die Botschaft. «Lü»? Nie gehört. Hört sich ja eher chinesisch an. Wir gingen hin und waren begeistert. Auf fast 2000 Metern über Meer ist die Luft dünn, aber die Sicht klar – wie auch der Verstand der Menschen, die hier wohnen. Letzteres wurde mir allerdings erst später bewusst. Wir kauften ein Stück Land und planten mit der Architektin unser Haus.

In Lü leben etwa 60 Menschen, um die 80 Kühe, ein paar Pferde und 4 Hunde. Lü tauchte 1993 kurz in den Medien auf: Es war die einzige Gemeinde, die zu 100 Prozent einen Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ablehnte. Bis 2008 war Lü eine selbständige Gemeinde. Danach wurde sie mit den übrigen Gemeinden des Münstertals zu einer Grossgemeinde «fusioniert».

Wir sind vor wenigen Wochen in unser neues Haus eingezogen. Severin Luzzi, der ehemalige Gemeindepräsident von Lü, kommt mit seiner Frau auf Besuch. Einfach so, ohne umständliche Voranmeldung. Man hat Zeit. Severin war 26 Jahre lang Gemeindepräsident. Er weiss, was sich seit der Fusion verändert hat: «Früher besprachen wir an der Gemeindeversammlung, was ansteht, und stimmten ab. Wir kannten alle einander. Wurde einer durch ein Projekt benachteiligt, gab man ihm anderswo einen Vorteil. War einer nicht dabei, konnte er sich am anderen Tag im Schaukasten für Gemeindemitteilungen im Dorf informieren. Kurz, man kam zurecht miteinander. Zum Beispiel die Bau­zonenplanung. Sie wurde von Gemeindemitgliedern erarbeitet, an der Gemeindeversammlung vorgeschlagen, diskutiert und schliesslich gutgeheissen oder abgelehnt. Wer nicht dabei war, konnte die Beschlüsse im Schaukasten im Dorf nachlesen. Jeder im Dorf hatte nebenamtlich eine oder mehrere Aufgaben für die Kommune.»

So lief das in Lü über Jahrzehnte und wohl auch über Jahrhunderte. Und so hätte es auch weiter funktioniert. Man brauchte niemanden von ausserhalb, der einem sagt, was zu tun sei. Jeder war als Individuum für das…

2023 – vier praktikable Lösungen für die Probleme von morgen
Fotolia
2023 – vier praktikable Lösungen für die Probleme von morgen

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Werner Kieser, photographiert von Michael Wiederstein.
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350 000 fremde Asse
Gunnar Heinsohn, photographiert von Philipp Baer.
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Nationen, die an ihre Zukunft glauben, kämpfen weltweit um die besten Köpfe. Die Schweiz mischt wacker mit. Sie ist gut aufgestellt – trotz Schrumpfvergreisung. Was braucht es, damit die Alpenrepublik auch im Jahr 2023 noch die Arbeitsasse anzieht?

«MONAT für MONAT
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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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