Der Zeitturm

Die Zeiger sind abgebrochen, die Hälfte des Zifferblatts ist verschwunden. Bruchsteine ragen hervor, die nur mehr notdürftig von Mörtelresten gehalten werden. Es ist, als habe ein riesiges Beil den Uhrenturm der Länge nach entzweigehauen. Der Kreis der Zeit ist zerspalten. Die eine Hälfte ist unsichtbar, der Blick geht hinaus in einen milchig verhangenen Himmel, der […]

Die Zeiger sind abgebrochen, die Hälfte des Zifferblatts ist verschwunden. Bruchsteine ragen hervor, die nur mehr notdürftig von Mörtelresten gehalten werden. Es ist, als habe ein riesiges Beil den Uhrenturm der Länge nach entzweigehauen. Der Kreis der Zeit ist zerspalten. Die eine Hälfte ist unsichtbar, der Blick geht hinaus in einen milchig verhangenen Himmel, der dem Auge keinerlei Anhaltspunkte bietet. Die linke Seite ragt noch auf, ein bizarrer Überrest, eine Ruine für ein paar Stunden. Unterhalb des Zifferblatts klafft ein tiefer Spalt. Am Sockel türmen sich die Trümmer auf. Zwei Autos sind unter dem Bauschutt begraben.

Eine ganze Kulturlandschaft wurde von dem Erdbeben in Norditalien heimgesucht. Bis nach Turin, Trient und Venedig waren die Erschütterungen zu spüren. Von manchen Kirchen standen nur noch die Grundmauern. Zinnen alter Kastelle brachen ab, tiefe Risse durchzogen Fresken und Marmorfassaden von Residenzen und Stadtpalästen. Jugendstilvillen und Bauernhäuser wurden so beschädigt, dass eine Restaurierung zweifelhaft ist.

Das Wahrzeichen der Katastrophe indes ist der Uhrturm von Finale Emilia, ein Bauwerk aus der Renaissance, auf dem weithin sichtbar der Stand der Zeit abzulesen war. Ein Augenblick genügte, um das Gebäude zu zertrümmern. Mit einem Schlag ruinierte das Beben die Fundamente der menschlichen Lebenswelt: die Stetigkeit der Zeit, das Vertrauen in die Tradition, die Wiederkehr des Gewohnten. Der Moment der Zerstörung, von dem das Sinnbild berichtet, ist keinesfalls mit dem banalen Jetzt zu verwechseln, jenem Grenzpunkt zwischen Vorher und Nachher, in dem sich Zukunft und Geschichte vereinen und dessen Fortschreiten die Kontinuität der Zeit sichert. Im Jetzt der Gegenwart endet das, was war, und es beginnt, was kommen wird. Der Augenblick hingegen, dieser Zeitmodus des Erhabenen, des Heiligen und des Entsetzens, fügt sich dem Gang der Geschichte nicht ein. Die Gegenwart ist in der Zeit, der Augenblick jenseits der Zeit. Im Plötzlichen blitzt etwas auf, was nicht der Menschenwelt zuzugehören scheint. Auf einmal wird die Kehrseite sichtbar. Der Blick ins Leere, zu dem das Photo den Betrachter verurteilt, zielt in den Abgrund, wo nichts ist und nichts sein wird. Wo soeben etwas war, da ist plötzlich nichts. Wo aber nichts ist, da ist zuletzt auch nichts zu beschreiben. Dies erinnert an den ersten Zustand, als nichts da war, weder das Wort noch die Zeit, die sonst alles unter sich zu begraben pflegt.

Der erste Erdstoss liess eine Ruine zurück, ein Monument, in dem die Zeit zugleich festgestellt und ihr Fortschritt dokumentiert ist. Zwischen Verfall und Vollendung, zwischen Sein und Nichts fixiert die Ruine einen Zeitpunkt, in welchem der Verlauf der Geschichte aufgehoben scheint. Ein zeitloses Zeichen der Vergänglichkeit ist sie, ein Objekt zwischen Trümmerhaufen und Menschenwerk. Darin gleicht sie dem Zifferblatt, diesem Ursymbol aller Zeitlichkeit. Die Zeit läuft im Kreis – für alle Zeit. Das Zifferblatt tröstet über die Unendlichkeit des Vergehens hinweg, denn der Zeiger passiert stets dieselben Marken. Zwischen dem Kreislauf des Immergleichen und dem linearen, endlosen Pfeil der Zeit vermittelt die Uhr. Unerbittlich rückt der Zeiger voran, doch kehrt er stets zurück an seinen Durchgangspunkt. Das Diktat des Vergehens ist gemildert, die Ruhe der Wiederholung gesichert.

Nur auf Bildnissen ist die Zeit endgültig gebannt. Das Photo zeigt den Überrest und die Leere, das Verbliebene und das Nichts zugleich. Es ist weit mehr als ein zeithistorisches Dokument. Das Bild birgt einen ontologischen Sinn. Es berichtet von dem, was in der Welt ist und was nicht mehr da ist. Es erzählt eine Geschichte der Zeit und der Vorstellungen, die Menschen sich von ihr machen. Und zuletzt hält es selbst einen vergänglichen Zustand fest. Stunden nachdem der Photograph den Auslöser gedrückt hatte, stürzte bei einem heftigen Nachbeben auch die halbierte Turmruine in sich zusammen. Ein Feuerwehrmann wurde dabei schwer verletzt.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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