Der Wutbürger

Ein neuer Bürger ist geboren. Er weiss nicht, was er will. Aber er weiss, was er nicht will. Er stellt die selbsternannten Eliten in Frage. Und er begehrt auf. Wem gehört die Zukunft: dem Wutbürger oder der Wut auf ihn?

Dirk Kurbjuweit publizierte im Oktober 2010 im «Spiegel» einen Essay mit dem Titel «Wutbürger» und prägte damit einen neuen Modebegriff. Ein wenig wütend schien der Journalist selbst zu sein über das ungebührliche Betragen jener, die er «Bürgerliche» nannte. Diese konserva­tiven, wohlhabenden, vorwiegend älteren Herrschaften hatten sich unartige Buhrufe gegen Soziologen erlaubt, die bei einer Münchner Veranstaltung den Stab über dem Sozialdemokraten Thilo Sarrazin, ­Autor von «Deutschland schafft sich ab», gebrochen hatten. Das sei wohl derselbe Menschenschlag, schimpfte Kurbjuweit, der ganz allgemein gegen alles Neue und Fremde auftrete. Das saturierte Bürgertum sei fortschrittsmüde geworden und wolle in seinen Villen schlicht Ruhe haben: Die Wutbürger haben der Politik die Gefolgschaft aufgekündigt und weigern sich in renitenter Weise, die «Demokratie» weiterhin mitzutragen.

Der Spott über den Bürger ist so alt wie das Bürgertum. Seit seinen Anfängen trieft er vor aristokratischem Hochmut, der sich über die Emporkömmlinge lustig macht. Seit der «dritte Stand» jedoch begann, sich gesellschaftlich durchzusetzen, wird der «Bürger» wie der «Spiesser» oder «Bünzli» zum Kampfbegriff, mit dessen Hilfe sich die einen über die anderen stellen. So gibt es hinfort gute und schlechte Bürger: der engagierte, staatstragende Citoyen und der saturierte, eigennützige Bourgeois. Kurbjuweit spielt auf derselben, uralten Klaviatur, fügt ihr jedoch ein neues Stück hinzu: Da engagiert sich nun der Bourgeois endlich, und auch das wird ihm noch zum Vorwurf gemacht. Wir lernen also, dass es eben auch genehmes und weniger genehmes ­Engagement gibt.

Was als Charakterstudie der «Bürgerlichen» daherkommt, entlarvt sich als ideologische Abrechnung. Der Wutbürgerbegriff ist nichts anderes als eine Retourkutsche für Sarrazin, der es schaffte, mit einem Bestseller die Massen anzusprechen und zu mobilisieren. Das Volk ist Kurbjuweit, der sich selbst zu einer publizistischen Elite zählt, durchwegs suspekt. Und das ist der interessante Punkt. Begriff und Phänomen des Wutbürgers sind symptomatisch für die zunehmenden Konflikte entlang der Bruchlinie zwischen selbsternannter Elite und Volk.

Der Neobünzli

Den Wutbürgern wird im begriffsbildenden Artikel Kurbjuweits weniger eine konkrete inhaltliche Position als vielmehr ihr unartiges Betragen vorgeworfen. Der Journalist gibt Betragensnoten und folgt auch sonst dem Duktus eines Erziehungsberechtigten. Diese Pose entspringt einem sozialen Milieu, das sich interessanterweise durch eine neue Spiessigkeit auszeichnet: wohlhabende Städter, die Alternativsein als Lebensstil kultivieren. Die Publizisten sind die Oberlehrer der Gesellschaft, die auf die Einhaltung der gerade herrschenden moralischen Standards ­achten. Es sind, helvetisch gesprochen, die Neobünzli, die sich selbst überwiegend ­politisch links verorten, obwohl sie vor ­allem apolitisch sind. Die neue antibourgeoise Bourgeoisie lebt in Berlin etwa in Lofts am Prenzlauer Berg, in Wien in Altbau­wohnungen im Bezirk Neubau, in Zürich zunehmend in Aussersihl.

Die Klassenteilung zwischen selbst­er­nannter Elite und Volk mag etwas platt erscheinen. Doch es handelt sich um eine brauchbare Vereinfachung, um eine offensichtliche Entwicklung auszudrücken: die zunehmende Kluft zwischen den Lebensrealitäten und Weltbildern der Entscheidungsträger in Politik, Medien, Kultur auf der einen Seite und den Politik-, Medien- und Kulturkonsumenten auf der anderen Seite.

Die Elite rümpft die Nase über die ideologischen und politischen Unkorrektheiten der Masse, missversteht aber deren Bedeutung. Primär wird die Kluft durch den zen­tralistischen Umverteilungsapparat geschaffen, als der heute der Staat dargestellt wird. In praktisch allen «Demokratien» westlichen Zuschnitts profitieren mittlerweile mehr als die Hälfte der Bevölkerung in existen­tiell relevantem Masse von staatlichen Transferleistungen. Die Ausbeutung der produktiven Minderheit fällt nur deshalb noch nicht in aller Härte auf, weil die Vermehrung der Geldmenge, insbesondere durch Kredite, einen Scheinwohlstand geschaffen hat, der zugleich Blase und Puffer ist.

Die durch Transfers und Kreditvermehrung bedingten Umverteilungsprozesse haben es Schichten der Bevölkerung erlaubt, sich von der Realität abzukoppeln. Jene, die besonders nahe am Transfer- und Kreditvermehrungsapparat stehen, lullen sich in Illusionen von Überfluss, Kontrolle und Macht ein. Neben Politikern, Angestellten der…

Der Bürger – ein Ideal von gestern für die Gesellschaft von morgen

Gibt es ihn noch, den Bürger? Dass es ihn in grosser Zahl gegeben hat, davon erzählen ältere Gebäude in jeder Schweizer Stadt. Über einen Bürgersteig ist jeder von uns schon einmal gelaufen, die Bürgerwehr kennen wir aus amerikanischen Filmen, und seine Bürgerrechte will auch niemand missen. Aber denken wir den «Bürger» dabei auch tatsächlich mit? […]

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»