Der Wille ist es!

Nationalstaaten haben eine einzige nationale Sprache. Die Schweiz hat deren vier. Ist sie deswegen kein eigentlicher Nationalstaat? Und wenn nicht – was ist sie dann?

Sie besitzt keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Religion, überhaupt kein gemeinsames Substrat. Die Schweiz besitzt nichts ausser einem gemeinsamen Willen.

Doch was bedeutet das, ein gemeinsamer Wille? Was macht eine Willensnation eigentlich aus? So leicht lässt sich dies nicht sagen. Es ist nicht wie mit dem Wohlfahrtsstaat, für den ein Kriterium, eine Frage im Vordergrund steht – wieviel gibt der Staat für die Wohlfahrt seiner Bürger aus? Bei der Willensnation stellt sich die Frage anders. Sie lautet nicht: Was will der Staat für seine Bürger?, sondern: Was wollen die Bürger für ihren Staat? Eine Willensnation besteht nicht aus dem Willen der Regierung, sondern aus jenem der Bürger. Nur sie bringen die Vitalität der Nation zum Ausdruck.

Der französische Religionswissenschafter Ernest Renan hat diesen Sachverhalt in seiner 1882 an der Sorbonne gehaltenen Rede «Was ist eine Nation?» als erster auf den Begriff gebracht. Am Beispiel der Schweiz veranschaulichte er, was eine Willensnation ist: etwas Dynamisches, «un plébiscite de tous les jours»; denn sie verfügt über kein statisches Fundament wie eine Sprachnation. Eine Willensnation, die ihren Willen nicht immer wieder bekräftigt, erlahmt, stirbt ab.

Natürlich braucht eine Willensnation einen Zweck. Es genügt nicht, bloss zu wollen, man muss auch wissen, was man will. Der Wille muss auf etwas gerichtet sein. Und was ist das in der Schweiz? Ganz schlicht die Freiheit. Die Deutschschweizer und die Welschen, die Tessiner und die Rätoromanen, sie alle bilden eine Nation, um ein Maximum an politischer Freiheit, ein Maximum an Freiraum und Mitbestimmung zu geniessen.

Mit ihren ausgeprägten politischen Rechten kommen die Schweizer dieser Zielsetzung ziemlich nahe. Sollte die Freiheit in der Schweiz nicht mehr höher gewichtet werden als in den Ländern ringsum, wäre die Willensnation zutiefst gefährdet. Sie hätte kaum noch eine Existenzberechtigung. Die zentrifugalen Kräfte würden dann überhandnehmen.

Eine Willensnation zu bilden, ist schwierig. Mindestens zwei Bedingungen müssen erfüllt sein. Die erste betrifft die Staatsform. Ohne den Föderalismus gäbe es keine mehrsprachige Schweiz. Wo vier Sprachen und Kulturen zusammenleben, muss die Hauptstadt mit ihren Direktiven vorsichtig umgehen. Die Schweiz ist nicht ein dezentralisiertes, sie ist ein nicht-zentralisiertes Land, keine top down-, sondern eine bottom up-Demokratie. Die alte Gemeindeautonomie wirkt noch mächtig nach. Niemand führt in Genf oder Bellinzona gern Entscheide aus, die in Bern gefällt werden. Deshalb müssen alle Entscheide so bürgernah sein wie möglich. Nur was die Gemeinden und Kantone nicht selbst erledigen können, darf der Bund an sich ziehen. Jegliche Zentralisierung ist begründungspflichtig.

Heute wird der Föderalismus von vielen gerne belächelt. Er hat zweifellos viele Nachteile. Aber darob sollte man seine Vorteile nicht vergessen – von diesen werden die Nachteile mehr als aufgewogen. Der pflegliche Umgang der verschiedensprachigen Schweizer miteinander gilt überall als bemerkenswert. Sind die Schweizer folglich toleranter als andere Völker? Kaum. Fremde Sitten und Kulturen empfangen wir selten mit offenen Herzen. Wir sind nicht besser als die andern. Aber was wir den anderen voraushaben, ist Respekt vor der Gemeindeautonomie und der kantonalen Hoheit.

Das ist das Geheimrezept, das den Zusammenhalt über die Sprachgrenzen hinweg ermöglicht. Die Schwyzer und die Zürcher mochten keine besonderen Sympathien für die Waadtländer und die Tessiner hegen, als diese als selbständige Kantone zur Eidgenossenschaft stiessen. Aber sie verstanden, dass die Neulinge in ihren Kantonen allein zum Rechten schauen wollten – genauso wie sie selbst es auch taten. Dem ausgeprägten Willen, alles im kleinen Rahmen zu entscheiden, entsprach bei uns schon immer die Abneigung gegen den Zentralismus. Darin war man sich einig. Und so blieb es bis heute. Der antizentralistische Affekt kittet die Nation zusammen.

Gewiss, kein föderalistischer Staat kommt ohne einen zentralstaatlichen Rahmen aus. Etwas Allgemeinverbindliches braucht es, sonst zerfällt ein Gemeinwesen. Doch darum braucht…

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»