Der Westen regiert nicht mehr lange

Ein Sprint durch 150 000 Jahre Menschheitsgeschichte – und ein Ausblick auf die nächsten 100 Jahre

Der Westen regiert nicht mehr lange

Um es gleich vorwegzunehmen: der Westen regiert die Welt. Und richtig: China hat die zweitgrösste und Japan die drittgrösste Wirtschaft dieser Welt. Aber Europa und Nordamerika generieren zusammen immer noch zwei Drittel des globalen Wohlstandes, besitzen immer noch zwei Drittel der modernen Waffen und verantworten immer noch zwei Drittel der weltweit ausgegebenen Gelder für Forschung und Entwicklung – und das, obwohl sie weniger als ein Siebtel der Weltbevölkerung stellen.

Aber die Gewichte verlagern sich. Die reiche Welt hat 2008 einen finanziellen Kollaps erlebt und leidet unter einer Schuldenkrise. Schon zuvor haben Experten vorausgesagt, dass Chinas Bruttosozialprodukt und Rüstungsausgaben in den 2020er Jahren jene der USA überholen würden. Künftig werden Chinas wirtschaftliche Vorstellungen im Westpazifik und zwischen Indischem Ozean und Afrika mehr Geltung haben als jene der USA.

Gewiss, irgendwann wird auch Chinas wirtschaftliches Wachstum abflachen. Zur Mitte dieses Jahrhunderts könnten jedoch andere aufwachende Riesen – Indien, Brasilien, Indonesien – bereit sein, dann wiederum Chinas Platz an der Spitze einzunehmen. Wenn diese Prognosen, gestützt auf die Fakten der jüngsten Entwicklungen, zutreffen, werden die USA im Jahr 2050 weniger und Europa viel weniger Einfluss auf das Weltgeschehen ausüben.

Aber werden die jüngsten Entwicklungen anhalten? Das ist die Kernfrage. Um sie zu beantworten, müssen wir wissen, wo diese Entwicklungen ihren Ursprung haben, und um diese Frage zu klären, müssen wir uns eines Blickes in die Geschichte bedienen.

 

Vor 150 000 Jahren

Einige Historiker denken, dass der Westen in den letzten paar hundert Jahren die Dominanz übernommen habe, weil Euro-päer eine überlegene Kultur, bessere Institutionen oder grössere Leader gehabt hätten als andere Regionen der Welt. Und sie glauben, dass der Westen nun seine Dominanz verliere, weil seine Kultur, seine Institutionen und/oder Leader diesem Anspruch nicht mehr gerecht würden. Diese Argumentation verkennt, was tatsächlich vor sich geht. Die Entwicklung der Geschichte der Menschheit wird nur klar, wenn wir uns von ihren Details lösen und bis zu ihrem Ursprung von vor geschätzten 150 000 Jahren zurückblicken. Dann erst stechen einige einfache, aber wesentliche Punkte ins Auge.

Erstens: während der gesamten Geschichte war es die Geographie, die die Entwicklung angetrieben hat. Der moderne Mensch ist vor schätzungsweise 150 000 Jahren in Afrika erstmals in Erscheinung getreten, weil Afrika der einzige Ort auf dem Planeten war, an dem eine spezifische Geographie die Evolution von Affen erlaubte, aus denen wir uns zu Menschen entwickeln konnten. Menschen begannen vor schätzungsweise 10 000 Jahren mit dem Betreiben von Landwirtschaft in Eurasien, in den geographischen Breiten zwischen etwa 20 und 35 Grad Nord, weil es die dortige Geographie zuliess, wilde Pflanzen und Tiere hervorzubringen, die von uns domestiziert werden konnten.

Das sind naheliegende Beispiele für die Kraft von Geographie. Aber um zu verstehen, wie die Geographie zu westlicher Dominanz führte (und was mit der westlichen Dominanz im 21. Jahrhundert geschehen wird), müssen wir eine zweite Lehre aus der Geschichte ziehen: während Geographie Entwicklung antreibt, bestimmt die Entwicklung, was Geographie überhaupt bedeutet. Kurz: Geschichte besteht aus einer komplizierten, chaotischen gegenseitigen Rückkoppelung zwischen Geographie und Evolution.

Um diese Rückkoppelung erklären zu können, müssen wir sehr weit zurückgreifen: vor etwa 100 000 Jahren hatte Afrika die höchstentwickelten Gesellschaften dieser Erde, weil Afrika der einzige Ort auf Erden war, wo moderne Menschen existierten. Zum Ende der letzten Eiszeit, vor etwa 15 000 Jahren, gingen die Menschen in die Gebiete zwischen Mittelmeer und China, die wildes Getreide (vor allem Gerste, Weizen und Reis), wilde Schafe, Ziegen, Schweine und Rinder hervorbrachten. Die Menschen domestizierten Fauna und Flora Schritt für Schritt und konnten dadurch erstmals Nahrungsvorräte erwirtschaften, die die Möglichkeiten des subsaharischen Afrikas bei weitem überstiegen und grössere, dichtere Bevölkerungen versorgten.

Die ersten Bauern entwickelten komplexere Organisationen, um diese grösseren Gruppen…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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