Der Westen im Osten

Eine exotische Schönheit blickt den Leser vom Cover des neuen Buchs von Jürg Amann an: «Pekinger Passion». China ist indessen in dieser «Kriminalnovelle» nur Kulisse. Es sind kaum getarnte Westler, die hier handeln. Ob es im Peking um 1990 einen Untersuchungsrichter gab, der die Pubertät eines Zwanzigjährigen als verspätet ansah, oder eine zudem als prüde bezeichnete Mutter, die ebendiesen Sohn in besagtem Alter tadelte, weil er die sexuellen Avancen einer Mitschülerin zurückwies und brav für die Universitätsaufnahmeprüfung zu lernen?

Das Land ist Staffage, die Passion angesichts einer doch kontrafaktisch als recht liberal gezeichneten Umwelt fraglich – aber eine Novelle liegt vor, jedenfalls ein ausserordentliches Ereignis. Zwanzig Jahre nach ihrem Verschwinden, achtzehn Jahre nach der Hinrichtung ihres mutmasslichen Mörders Teng, kehrt Shi Xiaorong zurück. Ist – anders als in Akira Kurosawas Film «Rashomon», mit dem die Novelle bereits verglichen wurde – das Ereignis selbst unstrittig, so ist es doch aus fünffacher Perspektive geschildert. Dafür galt es, fünf Sprachen zu finden und dabei das Ungefähre des Man-Weiss-Nicht wie auch eine allzu einfache Lösung zu vermeiden.

Das gelingt Amann in unterschiedlichem Masse. Inkonsequent ist der erste Teil, aus der Sicht des scheinbaren Täters: Von ihm gibt es, als das Opfer wiederauftaucht, nur noch das Geständnisprotokoll. Aber die Sprache, die Amann dem Zwanzigjährigen gibt, ist dann doch die eines Verliebten, die er braucht, um die «Passion» auch nur einigermassen glaubwürdig zu machen. Nicht immer überzeugt die Metaphorik in diesem Abschnitt. Die Mutter Shi Xiaorongs, die lange Jahre ihre Tochter für tot halten musste, stattet Amann hingegen mit einer Neigung zu Wortspielen aus, die auf eine lebensnotwendige Verhärtung hinweisen: «Ich war Klägerin, ich beklagte meine Tochter.» Manchmal zielt das aufs Paradox. Stück für Stück glaubt sie, Leichenteile ihrer Tochter identifizieren zu können: «Je mehr von ihr wieder da war, um so mehr war sie endgültig weg.»

Peinlich ist die Lage von Polizist und Staatsanwalt, deren Ermittlung und Prozess zu einem falschen Geständnis und einem Todesurteil geführt haben. Beide rechtfertigen sich, detailfreudig-sachlich der erste, mit deutlicherem Gestus der Verteidigung der zweite. Immerhin, darauf können sie verweisen, gab es ja eine Leiche und einen Geständigen, und vielleicht hat Teng ja tatsächlich geglaubt, Shi ermordet zu haben, nur eben in der Dunkelheit die falsche Frau erwischt.

Was aber hat das Opfer zu sagen, das immerhin eine Hinrichtung zu verantworten hat? Der Bericht Shis führt in die Geschichte ihrer Herkunft zurück, trägt den ausgenüchterten Gestus der Mutter fort und bietet die überraschende Lösung an, die sie dann doch wieder als Gerücht dementiert. Sie bleibt überlegen, weil sie allein die Wahrheit über die Vergangenheit weiss.

Das ist der Schluss der Novelle, und muss ihr Schluss sein, damit nicht die Berechtigung der Grundanlage wegfällt. Er ist knapp gefasst; Knappheit ist überhaupt ein Vorzug dieses Buchs. Seine Stärke liegt in der Schilderung, wie man damit umgeht, wenn eine vorgeblich Tote plötzlich wieder da ist und wegen ihres vermuteten Todes Schlimmes passiert ist. Die vier Versuche, angesichts von Schuld und Ratlosigkeit Fassung zu gewinnen, überzeugen auch in ihrer sprachlichen Differenziertheit. Doch bleibt, trotz Tengs Opfergang, die Passion dem Buch aufgesetzt und spielen China oder Peking keinerlei spezifische Rolle. Mag der Exotismus den Verkauf befördern, das Buch beschädigt er.

vorgestellt von Kai Köhler, Berlin

Jürg Amann: «Pekinger Passion. Kriminalnovelle». Zürich/Hamburg:

Arche, 2008.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»