Der Weg ist offen

Universitäten können heute unternehmerisch agieren und aktiv Fundraising betreiben.
Noch herrscht allerdings allgemeine Zurückhaltung. Mitunter, weil sich Alexander von Humboldt vor 200 Jahren nicht durchsetzen konnte. Das dürfte sich ändern.

Die Universitäten haben in den letzten Jahrzehnten bedeutend mehr Autonomie und damit Spielraum für unternehmerisches Handeln erhalten. Dies führte in tiefgreifenden Reformprozessen zu einem neuen Verständnis universitärer Unabhängigkeit. Weg von der Freiheit des Elfenbeinturms, hin zur Möglichkeit, sich mit selbstgewählten Strategien den Entwicklungen der Wissenschaft und den daraus entstehenden Bedürfnissen anzupassen. Dies gilt nicht zuletzt auch für die Finanzierung, die sich privaten Quellen öffnen kann: der Weg zur Drittmittelakquisition ist einladend weit offen.

Dass der Weg genutzt wird, zeigt das Beispiel der Universität Basel, an der ich arbeite. Sie verfügt über eine ganze Reihe von gestifteten Professuren – beispielsweise für Toxikologie, für Immunologie, für Finanzmanagement oder zeitgenössische Kunst. Förder- und Firmenstiftungen engagieren sich in Nachwuchsförderprogrammen und das Institut für Jüdische Studien ist vollständig aus einer privaten Stiftung finanziert. Erfolgsmeldungen kommen auch von anderswo, wobei die Spende von 100 Millio-nen Franken an die Universität Freiburg zum Aufbau eines Instituts für Nanomaterialien die wohl spektakulärste war.

Die ausgeweitete Autonomie der Universität erleichtert darüber hinaus die Verwertung des industriellen und wirtschaftlichen Potentials universitärer Forschung im Rahmen von Patenten, Lizenzvergaben und Firmengründungen – sogenannten «Spin-offs». Gerade der Wissens- und Technologietransfer zwischen Hochschulen und Wirtschaft hat in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten einen eindrücklichen Aufschwung erlebt. Mit Techno- und Science Parks, Inkubatoren oder mit der Ansiedlung von Industrie direkt auf dem Campus wird die Innovation gefördert, die einen wesentlichen Motor für wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand darstellt. Laut dem «European Innovation Scoreboard» von 2010 ist die Schweiz diesbezüglich Spitzenreiterin in Europa.

Die periodisch erscheinenden Meldungen über Drittmittelerfolge von Schweizer Hochschulen dürfen allerdings nicht dar-über hinwegtäuschen, dass bei der Einwerbung von privaten Drittmitteln die Möglichkeiten noch längst nicht in dem Masse ausgeschöpft werden wie beim Wissens- und Technologietransfer. Universitäten wagen sich, von einigen Ausnahmen wie etwa den Technischen Hochschulen oder der Universität St. Gallen abgesehen, nur zögerlich an das professionelle Fundraising. Und dies nicht nur in der Schweiz. In einer kürzlich erschienenen Studie der Europäischen Kommission war mit Hinweis auf eine europaweite Umfrage der lapidare Satz zu lesen: «We find that philanthropic fundraising is not, on the whole, taken seriously in European universities.»

Drittmittelerfolge sind in vielen Fällen eher der Initiative von Stiftenden zu verdanken, die von sich aus mit Projektvorhaben an die Universitäten herantreten, als dem aktiven Fundraising. Die Gründe für die Zurückhaltung sind unterschiedlich. Private Fördermittel werden oft noch qualitativ tiefer eingestuft als öffentliche, da sie nicht dieselbe Budgetsicherheit versprechen wie die in Leistungsverträgen vereinbarten Subventionen staatlicher Träger. Zudem wird immer wieder die Angst laut, dass Erfolg im Fundraising zur Kürzung der öffentlichen Unterstützung und damit zu vermehrter Unsicherheit führen könnte. Und nicht zuletzt sehen sich die Universitäten regelmässig mit der Frage nach der Unabhängigkeit von privat finanzierter Forschung und Lehre konfrontiert.

Die Zurückhaltung gegenüber dem Fundraising hat zweifellos auch eine historische Dimension. Diese ist im Erbe des humboldtschen Universitätsmodells zu suchen, das die europäische Universität zumal im deutschsprachigen Raum seit dem 19. Jahrhundert prägte. Alexander von Humboldt sah das Ziel des Universitätsstudiums nicht in der Aneignung von unmittelbar anwendbaren Kenntnissen, sondern im disziplinären Erlernen wissenschaftlicher Erkenntnissuche. Unabdingbare Voraussetzung für das Erreichen dieses Ideals war eine Universität, die sich völlig frei von jeglichen Einflüssen, insbesondere auch von staatlichen oder kirchlichen Hochschulträgern, der Wissenschaft widmen konnte. Der Einfluss des Staates wurde in diesem Konzept auf eine doppelte Aufgabe beschränkt: er hatte für die «Exzellenz» der durch ihn zu wählenden Professoren und vor allem für deren wissenschaftliche Freiheit zu sorgen. Ironischerweise gehörte es nicht – wie heute oft fälschlicherweise angenommen – zu Humboldts Überzeugung, dass die Unabhängigkeit der Universität eine staatliche Finanzierung voraussetze. Im Gegenteil: Humboldt sah vor, die Gründung der Berliner Universität im…

Ausprobieren und lernen

Die Drittmittelakquisition stellt die Schweizer Universitäten vor neue praktische Herausforderungen. Und bietet grosse Chancen: Staat, private Stiftungen und Wirtschaft können von einem finanziellen Zusammenspannen in der Hochschulfinanzierung profitieren. Diese Erkenntnis setzt sich jedoch nicht überall gleich durch.

Der Weg ist offen

Universitäten können heute unternehmerisch agieren und aktiv Fundraising betreiben.
Noch herrscht allerdings allgemeine Zurückhaltung. Mitunter, weil sich Alexander von Humboldt vor 200 Jahren nicht durchsetzen konnte. Das dürfte sich ändern.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»