Der Weg in die Tugend

Dem Staat wird gerne eine zentrale Rolle bei der Förderung staatsbürgerlicher Tugenden zugewiesen. Dabei birgt ein zu grosser staatlicher Einfluss für den Zusammenhalt zahlreiche Gefahren.

Wie gross ist die Rolle, die der Staat bei der Förderung der Tugenden seiner Bürger übernehmen soll? Die Frage ist nicht neu. Im Gegenteil: sie wird von politischen Philosophen seit Jahrhunderten diskutiert. So bezeichnete bereits Aristoteles in seiner «Politik» das politische Engagement als Grundvoraussetzung für das gute Leben. Denn ein Staatsbürger, der am politischen Prozess teilnimmt, übt sich gemäss seiner Überzeugung gemeinsam mit seinen Mitbürgern im tugendhaften Handeln und kann dadurch am eigenen Charakter arbeiten.1

In dasselbe Horn bläst der amerikanische Philosoph Michael Sandel. Wirtschaftliche Freiheit allein würde nicht ausreichen, um eine gerechte Gesellschaft zu schaffen, der Staat müsse vielmehr die Menschen aktiv dabei unterstützen, zu besseren Bürgern zu werden.2 Eine Maximierung des Nutzens oder der Wahlfreiheit allein, so Sandel, bringe keine gerechte Gesellschaft hervor. Denn in einer solchen wird eben nicht nur gerecht verteilt. Eine gerechte Gesellschaft entwickelt auch die richtigen Werte. Für Sandel besteht der Königsweg zu einer solchen Gesellschaft in der Stärkung öffentlicher Institutionen und der Förderung einer Politik des moralischen Engagements. – Was ist davon zu halten?

Natürlich kann der Staat bei der Tugendförderung eine Rolle spielen, sei es durch äussere Anreize oder durch Aktivierung der inneren Motivation. Bei der Frage, in welchem Ausmass wir uns in diesem Bereich auf den Staat verlassen sollen, gilt es allerdings zwei Punkte zu beachten:

  1. Der Staat ist beileibe nicht die einzige Organisation, die das tugendhafte Handeln fördern kann bzw. soll. Familien, Kirchen, Zünfte, Unternehmen, NGOs und andere freiwillige Zusammenschlüsse verfügen traditionellerweise über enormen Einfluss.
  2. Wir dürfen die Lehren der Geschichte nicht ignorieren. Die im 19. Jahrhundert beliebte «Great Man Theory», laut der die Geschichte durch Einzelpersonen geprägt wird, liegt zwar nicht vollkommen daneben. Staatsoberhäupter können die soziale Kohäsion und die Tugenden ihrer Bürger verbessern. Doch das 20. Jahrhundert hat die finstere Kehrseite dieser Idee offenbart, man denke nur an die brutalen Diktaturen Hitlers, Mussolinis, Tojos, Stalins und Maos. Wie schon Friedrich Hölderlin in «Hyperion» beobachtete: «Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.»3 Gibt man einem bösartigen Leviathan zu viel Macht, entsteht dadurch genau der lupus, vor dem uns der Staat laut Thomas Hobbes beschützen sollte.

 

Tugend kommt von Tun

Für Aristoteles kommt Tugend von Tun. Das macht es für ihn so wichtig, in einer Polis zu leben. Der politische Prozess der Polis ermöglicht es ihm zufolge den Bürgern, moralische Prinzipien zu üben. Dadurch würden sie sich das tugendhafte Handeln von alleine angewöhnen.

In einer kleinen Athener Demokratie mag diese staatliche Tugendförderung auch tatsächlich funktioniert haben. In modernen Demokratien, in denen die Polis um einiges grösser ist, lässt sie sich allerdings weniger gut rechtfertigen – das Schweizer System einmal ausgenommen. Kommt hinzu: je grösser die Rolle ist, die der Staat in diesem Bereich spielt, zum Beispiel durch die Finanzierung der sozialen Sicherheit, desto weniger Raum bleibt den Bürgern, sich selbst zu engagieren; mit der Folge, dass ihre «moralischen Muskeln» verkümmern können.

Aristoteles und Sandel versäumen es gleichermassen, den nichtstaatlichen Institutionen den gebührenden Wert beizumessen. Dabei bieten Familien, Zünfte und Kirchen ihren Mitgliedern viel öfter Gelegenheiten als die moderne Polis, tugendreich zu handeln und einen guten Charakter zu entwickeln.

Nichtstaatliche Institutionen erreichen ihre Ziele, ohne auf Zwang zurückgreifen zu müssen. Auf einer Reise durch das Amerika des frühen 19. Jahrhunderts entdeckte Alexis De Tocqueville das Erfolgsrezept des Landes: Die Bürger engagierten sich sowohl in lokalen Freiwilligenorganisationen wie auch in politischen Gruppierungen. Tocqueville stellte fest: «In den demokratischen Ländern ist die Lehre von den Vereinigungen die Grundwissenschaft; von deren Fortschritten hängt der Fortschritt aller anderen ab.»4 Dafür spricht sich auch die Ökonomin und SM-Autorin Deirdre McCloskey aus.5