Der Wahrheit ins Auge blicken

Das Nein zur Vorsorgereform zeigt: die Schweiz leidet an Reformmüdigkeit – und die Bürger werden mehr Eigenverantwortung übernehmen müssen.

Es ist Zeit, dass wir uns als Bürgerinnen und Bürger nicht mehr in Wunschvorstellungen sonnen und uns stattdessen der bitteren Realität stellen: in diesem Land fehlt heute der Mut für weitsichtige Reformen. Ganz sicher fehlt es auch an der Bereitschaft zum Kompromiss. Das Land ist zunehmend tiefer gespalten – und ein Nein zu einem parlamentarischen Kompromiss lässt sich mit einer emotionalen Kampagne leichter erzeugen als ein Ja. Die Schweiz hat in der jüngeren Zeit keine Reformschritte mehr beschliessen können, weder kleine noch grosse.

Diese Reformmüdigkeit geht als Botschaft in alle Welt. Weder zur Unternehmenssteuerreform noch zur Rentenreform «Altersvorsorge 2020» konnte eine Volksmehrheit gebildet werden. In beiden Kernthemen einer modernen Gesellschaft drohen jahrelange Blockaden und gleichzeitig eine schleichende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit.

Es ist eine selbstgefällige Eigenart, das Bestehende verklärt zu betrachten und das Neue abzulehnen. Kurzfristig freuen sich die jeweiligen Sieger. Doch langfristig werden sie durch ihr Blockade-Nein allmählich zu Verlierern, denn der Stillstand wirkt sich längerfristig verheerend aus. Wer nach dem 24. September 2017 davon träumt, in der komplizierten Vorsorgethematik ein mehrheitsfähiges, weisses Kaninchen aus dem Hut zaubern zu können, wird irgendwann desillusioniert aufwachen. Gewiss gab es genügend Argumente für eine Ablehnung der Altersvorsorge 2020, aber unter dem Strich resultiert der Status quo – und der vermag definitiv nicht zu befriedigen. Weder die AHV noch die berufliche Vorsorge stehen jetzt auf sicheren Füssen.

Renten werden schrumpfen

Was uns ohnehin droht, ist ein Abbau von Rentenleistungen in der beruflichen Vorsorge – auch hier tun wir gut daran, uns keinen Illusionen hinzugeben. Daran ist nicht primär die abgelehnte Altersreform schuld, sondern die mässigen Anlagerenditen vieler Pensionskassen. Trotz hervorragenden Jahren auf den Kapitalmärkten liegt der durchschnittliche Deckungsgrad einer Schweizer Pensionskasse nur wenig über 100 Prozent.

Was dabei mit Blick auf die Zukunft besonders zu denken gibt, ist die hohe Allokation in Anleihen. Auf rund 35 Prozent der Pensionskassenanlagen drohen bei steigenden Zinsen erhebliche Verluste. Parallel dazu nimmt auch der Barwert der Mieteinnahmen ab, das heisst, dass (Wohn-)Renditeliegenschaften an Marktwert verlieren. Die machen weitere knapp 20 Prozent des Vorsorgekapitals aus. Ab einem bestimmten Umfang von erhöhten Zinsen geht es auch mit den Aktien abwärts, weil die Erträge und Dividenden der Zukunft mit einem höheren Diskontsatz auf die Gegenwart heruntergerechnet werden. In einem Krisenfall wie 2001/02 oder 2008/09 droht erst recht eine systemische Unterdeckung.

Und was bedeutet das für die Vorsorge der einzelnen Versicherten? Sie ist weit entfernt von einem komfortablen Kissen. Im Jahr 2014 lag die jährliche durchschnittliche Verzinsung des Alterskapitals noch bei 2,34%, im Jahr 2015 fiel dieser Wert auf 1,19%. Dabei muss man sich nicht mehr mit den Zahlen hinter dem Komma beschäftigen. Es ist traurig genug, was vor dem Komma steht: Auch in naher Zukunft werden die Vorsorgegelder bei einer typischen Schweizer Pensionskasse eine bescheidene Rendite erzielen.

Auch hinsichtlich weiterer Eckpfeiler der Wirtschafts- und Finanzpolitik stimmt mich das wenig optimistisch. Unter dem Strich resultiert eine Schweiz, die mehr Eigenverantwortung erfordert. Wer heute im Erwerbsleben steht, tut gut daran, sich ernsthafter als bislang mit seiner Vorsorge zu befassen.  Wer sich allzu lange darum foutiert, sieht sich in einer näheren Analyse im Alter zwischen 50 und 55 Jahren wohl damit konfrontiert, dass die Mittel für ein geruhsames Altern geringer sind als erwartet. Dass in den letzten Jahren der Erwerbsarbeit die Deckungslücke noch geschlossen werden kann, bleibt zu hoffen. Gelingen dürfte dies nicht allzu vielen.


Maurice Pedergnana
ist Chefökonom der Zugerberg Finanz AG und Professor für Ökonomie an der Hochschule Luzern. Er war in jungen Jahren Co-Autor von «Wege zu einer sozialen Schweiz».