Der vermessene Mensch

Mit der Digitalisierung überlassen Bürger ihre Daten übergeordneten Organisationen. Das wirft Fragen auf, denen wir uns stellen müssen.

Der vermessene Mensch
Konrad Hummler, photographiert von Suzanne Schwiertz.
Die moderne Informationstechnologie verändert unsere ökonomische Wirklichkeit fundamental. Sie hat die traditionell hohen Kosten und Hürden zur Datenhandhabung abgeschafft. Der Mensch wird heute fast kostenfrei und grenzenlos vermessen. Das schafft potenziell enorme Effizienzgewinne – vom persönlichen Bewegungsverhalten über medizinische Betreuung und urbanen Verkehr bis zum Städtebau kann alles optimiert werden. Doch der Fortschritt hat seinen Preis: mit der Dauervermessung überlassen Bürger Daten zu ihrem gesamten Verhalten übergeordneten Organisationen. Das macht die Digitalisierung zu einer Frage der Macht.
Es beginnt dort, wo Informationen entstehen, das heisst, wo ein Wissenszustand in einen neuen gewandelt wird. Zum Beispiel, wenn wir uns durch eine Personenschleuse eines Flughafens begeben. Name, Bild, gegebenenfalls unser Nacktscan, die Daten unseres Mobiltelefons samt allen Kontakten und Nachrichten, die Inhalte unseres Laptops, der Füllstand der Zahnpastatube, die Marke des Deodorants – alles kann erfasst werden. Wenn wir eine E-Mail schreiben, können Stichwörter, aber auch ganze Inhalte erfasst werden. Wenn wir uns in den Social Media bewegen, dann ist bald einmal ein Teil unserer Persönlichkeit erfasst und damit sichtbar. Mit dem illegalen Zugriff via Daten-CDs oder, nunmehr vertraglich und gesetzlich geregelt, via den automatischen Informationsaustausch über Bankkonten geschieht Ähnliches mit dem finanziellen Profil unserer Persönlichkeit. Alle unsere physischen oder auch virtuellen Tätigkeiten hinterlassen erfassbare Spuren quasi zum Nulltarif. Spuren, Spürchen, Mini- und Mikrospürchen, einzeln zuallermeist völlig irrelevant.

Es bleibt aber nicht dabei. Nebst dieser Datenerfassung zum Quasi-Nulltarif gibt es neu die sozusagen grenzenlose Verarbeitung zu ebenfalls enorm tiefen Kosten. Wer auch immer auf welchen Wegen auch immer zu welchen Daten auch immer gelangt ist, kann damit anstellen, was immer er will. Er kann die Daten aggregieren, segmentieren und personifizierte Profile herstellen. Man nenne zum Beispiel in einigen E-Mails mehrere Male die Stichwörter «Ferien», «Sandstrand» und «Palmen», und siehe da, bald einmal mehren sich die Werbebanner für Destinationen wie Mauritius, Malediven und Miami. Ob das, aus übergeordneter Sicht, gut oder schlecht ist, sei vorderhand einmal dahingestellt. Ich will lediglich festhalten: das und sehr viel mehr ist möglich und findet statt. Ob wir eine Suchmaschine, einen E-Mail-Anbieter oder eine Onlinezeitung benutzen, laufend werden die von uns generierten Daten erfasst und verarbeitet und für jegliche Zwecke «veredelt».

Aber auch dabei bleibt es nicht. Vielmehr ist auch die Speicherung solchermassen erfasster und verarbeiteter Information zu ebenfalls tiefsten Kosten möglich. Moderne Speichermedien, ob physisch zu Hause zur Datensicherung beim eigenen PC oder virtuell in der «Cloud», der nirgends zu ortenden Gigabyte-Wolke, können ganze Bibliotheken problemlos wegstecken und wieder hervorzaubern. Die Programme zum Wiederauffinden von Information werden immer raffinierter und komfortabler. Mittlerweile hat man es mit regelrechten Zeitmaschinen zu tun, die in der Lage sind, den Datenstand zu jedem Zeitpunkt in der Vergangenheit wieder vollumfänglich darzustellen. Die moderne Informationstechnologie hat mit anderen Worten nach den Hindernissen von Distanz oder Datenmenge viele Hürden der zeitlichen Dimension auch noch beseitigt. Es geht grundsätzlich nichts mehr vergessen, alles kann laufend wiederhergestellt werden. Das Gedächtnis ist, auf individueller wie auf kollektiver Ebene, unendlich geworden.

Ein Mosaik, das uns abbildet

Irgendwo im Netz, mit unbekannten Zugriffsmöglichkeiten berechtigter und weniger bis gar nicht berechtigter Instanzen, liegt eine Vielzahl mehr oder weniger vollständiger Mosaiken. Diese Mosaiken bilden uns ab, beschreiben uns, liefern Anhaltspunkte über unser Verhalten, über unsere mutmassliche Denkweise und über unsere Präferenzen. Im Gegensatz zu den echten Mosaiken, wie man sie von Ravenna oder von der Hagia Sophia her kennt, sind es aber nicht leblose Standbilder, sondern Filme, dynamische Entwicklungsromane. Zugeordnet sind die Mosaiken entweder der Internetprotokolladresse unserer elektronischen Geräte oder aber dank Kreditkartenzahlungen und elektronischem Banking, in vielen Fällen dank Fotos und ab Mobiltelefonen kopierten Kontakten durchaus auch unserem persönlichen Namen und unserer Wohnadresse. Die Mosaiken haben nicht nur eine dritte, zeitliche Dimension, sondern bilden zusätzlich gleich auch noch unser Beziehungsnetz ab. Sie lassen sich zu übergeordneten Grossmosaiken, zu Beziehungsclustern sozusagen, verknüpfen. Die heutigen Rechner haben ohne weiteres die Kapazität, daraus extrem realitätsnahe Modelle für kleinere oder grössere Teile der Gesellschaft herzustellen.

Wirklich säkulare Potenz erlangt die moderne Informationstechnologie indessen erst durch die algorithmische Rekombination der enorm problemlosen, kostengünstigen Erfassung, der ebenso billigen Verarbeitung und der Wiederherstellungsmöglichkeiten sozusagen zum Nulltarif. Das ist «Big Data». Die Konsequenzen dieser Revolution im Bereich der Informationstechnologie auf Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur sind enorm. Es wäre aber allzu einseitig und auch etwas trivial, lediglich die bedrohliche Seite («Big Brother», «Orwell 1984», «Brave New World») zu nennen. Jeder technische Fortschritt ist Janus-köpfig.

Es ist viel die Rede davon, dass wir in der schönen neuen Welt der modernen IT-Applikationen alles Mögliche und Unmögliche «gratis und franko» erhalten. Die neuste Fluglinien-App, die Wetter-App, die ganze Geographie der Welt auf Karte und Satellitenbild, verschiedenste Messenger-Services, das neuste Betriebssystem von Apple und so weiter und so fort. Autos können bei gleichbleibenden Preisen immer mehr, ebenso die Maschinen und Anlagen der Industrie oder die Softwarepakete im Dienstleistungssektor. Von Milton Friedman jedoch haben wir gelernt: «There is no such thing as a free lunch.»

Welchen Wert haben meine Daten?

Es ist meines Erachtens klar, wo der Preis für so viel elektronisch erzeugtes Wohlbefinden liegt: in der Überlassung privater Daten an eine übergeordnete Organisation, die solche Daten sammelt. Gewiss, man kann diese Überlassung zu vermeiden versuchen. Allerdings kommt man nicht sehr weit, wenn man die sehr zahlreichen und sehr klein gedruckten Nutzungsbestimmungen von Softwarepaketen nicht akzeptieren will. Man kann selbstverständlich durch vorsichtiges Agieren auch einen Teil des Datenverkehrs abschneiden. Nur: ohne beispielsweise die Ortungsdienste eines Smartphones aufgeschaltet zu haben, verzichtet man just auf einen wesentlichen Teil des gewährten Wohlbefindens. Also macht man wohl oder übel mit, im Wissen darum, mit privaten Bewegungsdaten und sehr viel anderem Teil der Datenbewirtschaftung geworden zu sein.

Daten sind zur Tauschware geworden. Sehr viele Transaktionen, wo Leistung normalerweise in Geldwerten entschädigt würde, erfolgen im Barter-Verfahren «Ware gegen (künftige) Daten». In gewisser Hinsicht ersetzen also Daten das Geld, und das in immer umfangreicherem Stil beziehungsweise in einem Masse, das längst volkswirtschaftliche Relevanz erlangt hat. Wir fragen uns in diesem Zusammenhang, wie Notenbanken – an sich auch der gesamte Bereich der Geschäftsbanken – über diesen Teil der Wirtschaft nachdenken, der sich jenseits der Geldwirtschaft ihrem Zugriff entzieht. Wie beziffern sie deren Wert? Und wie spiegelt er sich in den traditionellen Berechnungen von Bruttoinlandsprodukt und Wachstum? Kurz: welchen Wert haben unsere Daten eigentlich? Ein Umrechnungskurs für die Barter-«Währung» künftiger Daten existiert nicht. Wenn wir an die letzten Firmentransaktionen, etwa zwischen WhatsApp und Facebook oder LinkedIn und Microsoft, denken, dann handelt es sich, in aggregiertem Zustand allerdings, um Milliardenwerte. Unser privates Datenhäuflein wäre dann ein Teil dieses Milliardenwerts.

Immerhin. Nun ja, anderseits hat man ja doch seine Zweifel, wofür das alles gut sein soll, wenn auf riesigen Datenfriedhöfen beispielsweise festgehalten wird, zu welchem Zeitpunkt man vorletzte Woche den Zürcher Bahnhofplatz überquerte und wann man zum letzten Mal ein Bildlein seiner Enkel mit «so herzig» kommentierte. Was soll denn eigentlich all der Quatsch? Weshalb gibt es jemanden, der mir für solche Belanglosigkeiten eine für mich wertvolle Software überlassen will? Der mitlauschende Geheimdienst entschädigt den Datenaggregator ja mutmasslich nicht – oder wenigstens nicht adäquat. Wohl lässt sich mittels Big-Data-Methoden viel Aggregiert-Relevantes und in zunehmendem Masse auch viel Individuell-Relevantes, zum Beispiel allfällige Bombenbaupläne oder meine Präferenzen für Markenjeans, aus dem Datenberg herausfiltern. Dennoch graut es einen vor der immer rasanter wachsenden globalen Müllhalde von individuellen Belanglosigkeiten. Die damit generierten Werbeeinnahmen rechtfertigen die Kosten für die Datensummierungswut jedenfalls noch nicht. Handelt es sich bei der Abgeltung realen Mehrwerts durch die Überlassung von Daten nur um ein vorübergehendes Phänomen, das später wieder einmal durch geldwerte Leistungen ersetzt wird? Oder wird die Barter-Währung Daten fortan Teil unserer wirtschaftlichen Existenz bilden?

Viele dieser Fragen lassen sich noch nicht beantworten. Sie sind aber relevant, denn schliesslich geht es um Macht. Macht nämlich, dank höchstem granularem Verständnis für die Abläufe in Wirtschaft und Gesellschaft die nächsten Perioden vorauszusehen und deshalb immer zur richtigen Zeit mit der richtigen Menge zum richtigen Preis zur richtigen Stelle zu sein: idealtypische Diskrimination auf der Zeitachse der Zukunft. Dann wäre quasi marktwirtschaftlich erreicht, woran die Tausenden und Abertausenden von Beamten im Ostblock immer arbeiteten und was sie nie erreichten: eine Art Planwirtschaft. Das Uber-Fahrzeug, zu Stosszeiten und bei Regen deutlich teurer als sonst, aber stets innert Sekunden zur Stelle, gibt uns einen Vorgeschmack auf eine Welt, in der sich dank zu vernachlässigender Informations- und Transaktionskosten alles immer zur richtigen Zeit in der richtigen Menge einstellt.

 

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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