Der unzeitgemässe Zeitgemässe

Bei Hugo Loetscher haben sich die von der Kritik oft bemängelten Defizite seiner Bücher als Qualität erwiesen. Der Autor, der letztes Jahr seinen 75. Geburtstag feierte, hat ein literarisches Werk geschaffen, das nie modisch, doch immer modern war und das dadurch eine die Jahrzehnte überdauernde Aktualität behalten hat.

«Anders als manche andere hatten diese Bücher, als wären sie erstklassige Weine, mit jedem der Jahre, über die ich sie in meiner Bibliothek gelagert hatte, an Reichtum gewonnen», so Andreas Isenschmid über das literarische Werk Loetschers in seiner Rede zum fünfundsechzigsten Geburtstag des Autors. Ähnliches stellt Jürg Altweg fest: «Der ‹Immune› gehört zu den wichtigsten Büchern des Nachkriegs in der Schweiz und ist im Erfahrungsschatz des Lesers noch immer sehr viel stärker präsent als die meisten Romane, die man in den gleichen Jahren gelesen haben mag.» Dass ein Werk nach Jahrzehnten, wenn seine aktuellen Bezüge in den Hintergrund getreten sind, noch zu interessieren vermag, ist ein Zeichen seiner Qualität, da ist Isenschmid zuzustimmen. Ein Blick auf die Rezeption von Loetschers Werk zeigt, dass die Rezensenten beim Erscheinen der Romane jeweils keineswegs überzeugt waren, dass sie die Zeit überdauern würden, und sie waren oft auch nicht überzeugt, dass Loetscher in seinem Stil weiterschreiben könne. Aber Loetschers Phantasie übertrifft jene der Literaturkritiker offensichtlich bei weitem; er hat seine Themen und die dargestellte Welt immer weiter ausgedehnt und doch seinen unverkennbaren Stil beibehalten.

Auch wenn die Kritiken nicht immer ins Schwarze treffen, so kommt ihnen doch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für das zu, was man das literarische Bewusstsein einer Gesellschaft nennen kann. Die Literaturkritik ist es, die einen öffentlichen Diskurs über Werke und Autoren etabliert, die gewisse Autoren ins öffentliche Bewusstsein hebt, sie damit einer breiteren Leserschicht zugänglich macht und die auch die Wahrnehmung der Werke steuert. Ein Blick auf die Rezeption der Romane Loetschers ist daher zugleich auch ein Blick auf die Art, wie sein Werk im Kontext der Literatur seiner Zeit gesehen wurde. Es soll aber auch der Frage nachgegangen werden, warum Loetschers literarische Techniken, seine Art Geschichten zu erzählen, sein Blick auf die Welt zunächst ein Befremden bei der Literaturkritik auslösten, im Laufe der Zeit aber auf immer mehr Verständnis stiessen, so dass seine Erzähl- und Darstellungsweise zunehmend zeitgemäss geworden ist und als Ausdruck der modernen Welt gesehen wird.

Die Literaturkritik – besonders jene der siebziger und achtziger Jahre – diskutierte immer wieder, ob Hugo Loetscher als Schweizer Schriftsteller gelten könne. Bei den ersten Büchern stellte sich die Frage kaum; sie spielen in der Schweiz oder scheinen auf die Schweiz zu zielen. Heute würde es der Literaturkritik kaum mehr einfallen, die Frage zu stellen, welche Position zur Schweiz ein in der Schweiz lebender Autor einnehme, welche Rolle die Schweiz in seinem Werk spiele. Dass diese Frage in den siebziger Jahren von der Kritik in bezug auf Loetschers Werk überhaupt debattiert wurde, weist darauf hin, dass darin eine nicht zeitgemässe Position vertreten wurde, dass man sich sozusagen vergewissern musste, ob einer, der seinen «Immunen» in der Welt herumreisen lässt, auch wirklich ein Schweizer Autor sei. Es war die Zeit, als die Autoren sich mit der Schweiz und ihren gesellschaftlichen Verhältnissen auseinanderzusetzen begannen, als Paul Nizon mit der Vorstellung des Leidens an der Enge der Schweiz Erfolg hatte und ein Literaturwissenschafter wie Karl Schmid glaubte, Schweizer Literatur mit dem Leiden am Kleinstaat erklären zu können. Jedenfalls passten Loetschers «Immuner» und erst recht «Wunderwelt» nicht recht ins Bild dessen, was man von Schweizer Literatur erwartete: eine kritische Darstellung der Schweiz, das Leiden an der Schweiz und allenfalls die Flucht aus der Enge, aber nicht die Relativierung der Schweiz zu einem Staat unter anderen, wo es nicht schlimmer und nicht besser ist als anderswo, sondern allenfalls anders.

Der Stil: zu gewandt, zu journalistisch

Als unschweizerisch wiederum kommt den Rezensenten Loetschers sprachliche Gewandtheit, seine Jonglieren mit den Gattungen und Textsorten vor, seine Weigerung, Literarisches und Journalistisches…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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