Der Unfassbare

Jonathan Littell: Bericht über nichts. Berlin: Matthes & Seitz, 2011.

Kaum ein Werk hat in den letzten Jahren so polarisiert wie Jonathan Littells «Die Wohlgesinnten», der Bericht eines fiktiven SS-Offiziers über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Der Schriftsteller Jorge Semprun konstatierte bereits im Erscheinungsjahr 2006, es sei das Ereignis unserer Jahrhunderthälfte; andere fanden es per se amoralisch, der Sicht eines Nazis 1380 Seiten zu widmen. Aber die Polarisierung ging kaum je durch ein und denselben Leser. Ich hingegen war polarisiert. Ich las mal fasziniert, mal abgestossen, mal gelangweilt einige hundert Seiten, dann legte ich das Buch weg. Aber es beschäftigte mich! «Dieser Nazi hätte auch ich sein können», dachte ich. Und ist es nicht grossartig, wenn ein Buch verstört, das heisst, wenn man es nicht einordnen kann, wenn es unsere Kategorien übersteigt und damit in Frage stellt und verändert? Ist die Frage, ob ein Buch «gut» sei, überhaupt so wichtig, so interessant?

Littells neues Werk «Bericht über nichts» mit seinen gerade einmal 50 Seiten unterscheidet sich radikal von seinem Mammutwerk: Der Weltkrieg ist fern. Ein Ich-Erzähler berichtet von einer Party, einem Besuch im Freibad, einem Pornostreifen, einem Stierkampf. Wie in einem Traum oder einem David-Lynch-Film gleitet er von einer Szene zur andern; kaum etwas scheint ihn zu berühren, alles wirkt durchsichtig, wie Hologramme, nahe bei nichts.

Diese Losgelöstheit des Protagonisten erinnert beunruhigend an Maximilian Aue, den Plato lesenden Edelfaschisten aus «Die Wohlgesinnten». Er könnte ein Wiedergänger des Offiziers sein, im 21. Jahrhundert. Grosse Literatur hat aber doch mit echten Problemen und Konflikten zu tun, jemand, der lediglich durch die Welt schwebt, erzählt kaum mitreissende Geschichten. Aber gerade in seiner «Coolness» und Umrisslosigkeit ist Littells Protagonist auch sehr aktuell. Schon lange nicht mehr hatte ich bei einer Lektüre so sehr den Eindruck: Das ist heute.

«So war ich eben», heisst es einmal, als der Erzähler gerade seinen eigenen Geburtstag verpasst hat, «weder traurig noch fröhlich, weder aufgeschlossen noch verschlossen, neugierig auf alles, aber an nichts interessiert». Ist das vielleicht der Prototyp Mensch unserer Zeit, anpassungsfähig, mobil, überall einsetzbar, da eigentlich zutiefst gleichgültig – «Der flexible Mensch», wie ihn der Soziologe Richard Sennett skizziert hat? Ein Typ, der en passant mal kurz durch Zahlenjonglage eine Bank ruiniert?

Beim Besuch eines Stierkampfs fasziniert den Erzähler bloss die Verachtung des Matadors, sowohl seiner eigenen Verletzung wie auch dem Tod des Stiers gegenüber: «Es war eine Frage der Etikette, die in dieser Angelegenheit alles ist; Verletzungen oder der Tod spielen keine Rolle.» Ansonsten: Egomanie. Nichts wird so intensiv beobachtet wie das eigene Gesicht, der eigene Körper. Zu diesem Narzissmus passt das Kokain, das an einer Party ausgiebig konsumiert wird – auf einem Spiegel. Dieser ist das Leitmotiv im «Bericht über nichts». Das Buch ist voller Spiegelungen, Wiederholungen, Variationen und erinnert dabei an Bataille, Blanchot, Robbe-Grillet. Manchmal gibt es jedoch erstaunliche Ausrutscher. Angesichts eines Pornofilms heisst es: «Hingerissen, wie von der Süsse einer überreifen Birne, hatte ich das Gefühl abzuheben.» Das klingt wie Ernst Jünger im Ausverkauf.

Aber, wie gesagt, es geht nicht so sehr darum, ob der «Bericht» gut ist. Es heisst, Littell hätte «Die Wohlgesinnten» in drei Monaten geschrieben. Dann hätte er, umgerechnet, für «Bericht über nichts» höchstens drei Tage gebraucht. Und das ist durchaus möglich. Hinter der Nonchalance spürt man einen seltsamen Druck, eine Art objektloses Begehren. Der Erzähler selbst schreibt, der Bericht entgleite ihm, er wisse nicht, woher er komme, was er bedeute, für wen er bestimmt sein könnte.

Littells neues Werk kann, ähnlich wie sein Vorgänger, als Spiegel dienen. So frage ich mich, ob ich in meiner Unentschiedenheit, in meiner Unlust zur klaren Kritik, nicht auch ein solches Schwebeteilchen bin, wie Littell es beschreibt.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»