Der unbestechliche Beobachter

1997 ging ich für zwei Jahre in die Côte d’Ivoire. Ein Freund empfahl mir V.S. Naipauls «Die Krokodile von Yamoussoukro » aus dem Reportagenband «Dunkle Gegenden». Nach der Lektüre war ich empört. Auf rund hundert Seiten beschrieb der Autor das Land. Akkurat, wie ich zugeben musste, mit vielen langen Gesprächen, die er mit Einheimischen geführt […]

1997 ging ich für zwei Jahre in die Côte d’Ivoire. Ein Freund empfahl mir V.S. Naipauls «Die Krokodile von Yamoussoukro » aus dem Reportagenband «Dunkle Gegenden». Nach der Lektüre war ich empört. Auf rund hundert Seiten beschrieb der Autor das Land. Akkurat, wie ich zugeben musste, mit vielen langen Gesprächen, die er mit Einheimischen geführt hatte. Die Ivorer schienen in einem Paralleluniversum zu leben, das nichts mit der modernen Realität zu tun hatte. Dieses unsichtbare Andere – in dem Hexerei, Magie, Geister und Ahnen eine wichtige Rolle spielten – war für die Leute die «eigentliche» Welt, die äusserlich sichtbare Alltagswirklichkeit hingegen bloss eine vorübergehende Fata Morgana. Diese Beobachtung fand ich durchaus treffend – was mich provozierte, war das, was sich nicht im Text fand. All die üblichen Erklärungen für die afrikanische Misere – Sklaverei, (Neo-)Kolonialismus, Terms of Trade, Kulturimperialismus – fehlten. Provozierend war die Nacktheit der Beschreibungen, besonders ein Text über Mobutu und den «Nihilismus Afrikas» – diesen Ausdruck empfand ich als Gipfel des Zynismus.

Zum Ende meines Aufenthalts – durchgerüttelt von sehr realen Erfahrungen, die einige Scheuklappen von mir abfallen liessen – las ich Naipauls Texte erneut. Ich war beeindruckt und zugleich beschämt über mich selbst. Rückblickend wurde mir klar, wie ideologisch ich gewesen war, wie sehr mir meine vorgefassten Meinungen den einfachen Blick auf die Realität verstellt hatten. Und heute, angesichts des niederträchtigen Laurent Gbagbo, seiner Entourage und des Trümmerfelds, in das er die einst blühende Côte d’Ivoire verwandelt hat, welch anderes Wort soll man benutzen, wenn nicht «Nihilismus»?

Daran muss ich denken, wenn ich Naipauls neuestes Buch «Afrikanisches Maskenspiel» und die gehässigen Reaktionen darauf lese. Bestsellerautor Robert Harris bezeichnet es als «überheblich, kolonialistisch, toxisch». Viele der empörten Kritiker haben kaum je einen Fuss nach Afrika gesetzt, wissen jedoch genau, was «adäquat» ist und was nicht. Einige behaupten, Naipaul sei alt und verbittert geworden. Unsinn. Genau wie in den Achtzigern nach Côte d’Ivoire reist er heute nach Gabun, Ghana, Uganda oder Südafrika und schaut sich – trotz seiner 78 Jahre – mit unvoreingenommenem und oft erstauntem Kinderblick an, was er vorfindet. Man hat sich auch darüber mokiert, dass der zum «Sir» geschlagene Nobelpreisträger in seinem neuen Buch oft in den gehobenen Kreisen Afrikas verkehrt, bei Professoren, Politikern, Botschaftern. Es sind genau dieselben Nörgler, die sonst gerne monieren, Afrika bestehe nicht nur aus Armut und Aberglaube, um postwendend auf die neue, kultivierte Mittelschicht zu verweisen. Dabei ist es hochinteressant, Naipaul im Gespräch mit Winnie Mandela oder mit Jerry Rawlings, dem Expräsidenten Ghanas, zu beobachten.

Man hat Naipaul auch vorgeworfen, er sei – in seinem Aufklärungsfuror – eurozentrisch. Das ist lächerlich: Naipaul empört sich schlicht über Dummheit und Unterdrückung, insbesondere, wenn sie zusammen auftreten. Dabei benutzt er den Zeigefinger nicht zur moralischen Mahnung, sondern um auf einfache Tatsachen hinzuweisen, sei das in der Karibik, in Indien, in Afrika oder in islamischen Ländern. In Lagos fällt ihm auf, dass die Leute den Abfall in die Abwasserkanäle schmeissen und sie so verstopfen. Leute wie Harris finden Naipauls Schmutzempfindlichkeit etepetete. Aber ekelt es Nigerianer etwa nicht, während der Regenzeit knöcheltief durch Scheisse waten zu müssen? Naipaul vertritt die Werte einer liberalen, offenen Gesellschaft. Diese Perspektive eurozentrisch oder gar rassistisch zu nennen, zeugt von einer gewissen – Eurozentrik.

Heute ist es Mode, auf die glitzernden Hochhäuser in Mumbai, Djakarta oder Johannesburg zu zeigen, als ob damit alles Darunterliegend-Beunruhigende verschwunden wäre. Gut möglich, dass sich der alte Naipaul langfristig als zeitgemässer erweist als all die oberflächlich globalisierten Pseudomodernen, die ihn heute für seinen unorthodoxen Blick kritisieren.

V.S. Naipaul: Afrikanisches Maskenspiel. Einblicke in die Religionen Afrikas. Frankfurt a.M.: S.Fischer, 2011.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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