Der tote und der lebendige Fussball

Was braucht es, um eine erfolgreiche WM zu spielen? Eine klare Idee, Schnelligkeit, Spielintelligenz und reibungslose Kommunikation in der Umsetzung, meint Urs Siegenthaler. Der Basler ist als Chefscout des deutschen Bundestrainers unterwegs in den Stadien der Welt. Für schlechten Fussball hat er keine Zeit.

Der tote und der lebendige Fussball
Urs Siegenthaler, photographiert von Philipp Baer.

Herr Siegenthaler, Sie sind ständig in der Welt unterwegs, von Stadion zu Stadion, und schauen sich Fussballspiele an. An was denken Sie während den Partien?

Wenn ich mich im Stadion hinsetze und mir zum Beispiel ein Spiel des FC Barcelona anschaue, denke ich als erstes: Was wird als nächstes kommen? Welche Antworten wird die Konkurrenz auf diese dynamische Art des Fussballs finden? In der Privatwirtschaft stellen sich ja dieselben Fragen. Grosse, auf ihren Gebieten dominierende Unternehmen verlieren irgendwann ihre Vormachtstellung, wenn sie sich nicht permanent weiterentwickeln. Nehmen Sie das Beispiel Kodak. Wo steht dieser Riese der 1970er Jahre heute? Nehmen Sie Nokia, Chevrolet und viele andere. Sie haben alle bessere Zeiten gesehen.

Wo liegt das Geheimnis der Geheimnisse: sich erfolgreich halten zu können?

Das ist die Frage. Alle haben Analysten, alle haben Forschungsabteilungen. Die entscheidende Frage in der Entwicklung ist nicht, ob man es macht, sondern ob man es richtig macht.

Wie macht man es richtig?

Man muss die Fortschritte der anderen in den Augen behalten. Man muss wissen, in welche Richtung die Branche sich bewegt. Das klingt einfach, ist aber enorm schwierig, denn alle Lehrsätze und Formeln beziehen sich auf Erkenntnisse aus der Vergangenheit. Hier steckt die grosse Gefahr: Wer nur Regeln aus der Vergangenheit herbeizieht, um die eigene Entwicklung zu bestimmen, verschliesst sich allem, was kommen könnte. Man denkt retrospektiv, meint aber, es sei prospektiv. Auf den Fussball übertragen: Wer denkt, das 4-4-2-Spielsystem sei die Mutter aller Systeme, der klebt an einem Grundsatz, der vielleicht sogar stimmt, den man aber schnell verlassen sollte. Ansonsten öffnet man sich gedanklich nicht nach vorne Richtung Zukunft.

Ist das Ihre Rolle: nach vorne schauen und die Formeln zerstören?

Den Blick nach vorn zu richten, gehört zu meinen Aufgaben. Leiten lasse ich mich hierbei einzig und allein von der Frage, was Erfolg verspricht.

Ist das Fussballumfeld rückwärtsgewandt und sicherheitsliebend?

Das will ich so generell nicht sagen, aber wir müssen immer offen sein. Ein Beispiel: Wenn ich Chile und dessen Interpretation, Fussball zu spielen, beobachten und für den Bundestrainer beschreiben soll, dann muss ich auch mal zehn Tage in Chile selber verbringen. Im Fussball ist das eher ungewöhnlich. Ein, zwei Spiele beobachten, drei Tage Aufwand, dann hat es sich. Ich habe da einen anderen Ansatz.

Was machen Sie während zehn Tagen in Chile?

Wenn ich über Chile und das Spiel etwas Fundamentales berichten soll, dann muss ich zuerst das Nationalmuseum gesehen haben. Ich muss mit einem Chilenen reisen, ich will alles über Religion, das gesellschaftliche Leben, Arbeitszeiten wissen. Erst danach beginne ich die Sorgen der Chilenen zu verstehen, und es erschliessen sich mir die Wege und Strategien, wie dieses Land seinen Sorgen begegnet und wie es kommuniziert.

Das alles hat Einfluss auf Ihre Analyse des Fussballspiels von Chile, einem möglichen Gegner Deutschlands an der Weltmeisterschaft?

Fussball ist auch Kommunikation. Ich gehe unter anderem ins Nationalmuseum, weil ich erfahren möchte, wie das Chile von heute entstanden ist, wie die Chilenen zu dem wurden, was sie heute sind, wie ihr Selbstverständnis ist. Ich möchte mehr wissen über die ehemalige Diktatur. Ich mache mir, bevor ich nach Chile reise, schon Gedanken und habe eigene Vorstellungen, die es dann abzuarbeiten gilt.

Warum ist – um bei diesem Beispiel zu bleiben – das Thema Diktatur heute noch wichtig?

In einer Diktatur ist der Umgang unter den Menschen anders als in einer offenen Gesellschaft. Ich frage mich: Ist Misstrauen vorhanden? Sind die Menschen verschlossener? Denken sie hierarchisch? Wirkt sich das auch auf den Führungsstil chilenischer Trainer aus?

Was für Erkenntnisse ziehen Sie daraus für den Fussball?

Wenn Sie Trainings autoritärer Fussballlehrer beobachten, dann fragen Sie sich, warum…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»