Der Todeskampf von Chimerika

China produziert und spart. Amerika konsumiert und macht Schulden. Dieses Modell neigt sich dem Ende zu. Die Zukunft birgt Konfliktpotential. Es stellt sich die Frage nach einer neuen Weltwährungsordnung.

Wir haben vor einigen Jahren den Begriff «Chimerika» geprägt, um zu beschreiben, wie das Zusammenwirken der amerikanischen und der chinesischen Volkswirtschaft die Weltwirtschaft beherrscht. Im letzten Jahrzehnt machte Chimerika 13 Prozent der Landfläche der Erde und rund einen Viertel ihrer Bevölkerung aus, erzeugte aber einen Drittel ihrer Wirtschaftsleistung und knapp zwei Fünftel des weltweiten Wachstums zwischen 1998 und 2007. Den Namen «Chimerika» wählten wir mit Bedacht: wir hielten dieses Gebilde für eine Schimäre, eine monströse Kreuzung wie das Fabelwesen, das sich aus einem Löwen, einer Ziege und einer Schlange zusammensetzt. Mit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise erleben wir jetzt den Todeskampf dieses ökonomischen Monsters.

Zu seinen besten Zeiten kombinierte Chimerika die exportgetriebene Entwicklung Chinas mit amerikanischem Überkonsum. China produzierte und sparte; Amerika konsumierte und verschuldete sich. Dank dieser Symbiose konnte China zwischen 2000 und 2008 sein Bruttoinlandprodukt fast vervierfachen, seine Exporte verfünffachen, westliche Technologie einführen und Dutzende von Millionen Industriejobs für die arme Landbevölkerung schaffen. Für die USA bedeutete Chimerika, dass die Amerikaner mehr konsumieren und weniger sparen konnten, aber trotzdem tiefe Zinsen und stabile Investitionsraten beibehielten. Überkonsum bedeutete, dass Amerika zwischen 2000 und 2008 kontinuierlich mehr ausgab, als es einnahm. Importe aus China machten rund einen Drittel dieses Überkonsums aus.

Für ein paar Jahre erschien Chimerika denn auch nicht als Monster, sondern als eine ökonomische Ehe, im Himmel geschlossen. Der globale Handel boomte, und die Preise nahezu aller Vermögenswerte schossen in ungeahnte Höhen. Aber wie bei so vielen Ehen zwischen einer Person, die das Geld erarbeitet, und einer, die es ausgibt, konnte diese Beziehung nicht ewig halten. Seit 2007 hat die Finanzkrise sie zerrüttet. Es ist jetzt unumgänglich, das ökonomische Ungleichgewicht zwischen den USA und China zu korrigieren und Chimerika aufzulösen, um die Weltwirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas folgte einer Strategie exportgetriebenen Wachstums, das unter anderem dem Beispiel Westdeutschlands und Japans nach dem Zweiten Weltkrieg folgte. Allerdings gab es dabei einen entscheidenden Unterschied. China hat den Wert seiner Währung, des Renminbi, eng kontrolliert und gewaltige Dollarreserven angehäuft. Als sich die chinesischen Exporte im letzten Jahrzehnt rasant entwickelten, kaufte die Regierung in Peking ständig Dollars, um eine Aufwertung ihrer Währung zu verhindern. So hielt sie die Marke von rund 8,28 Renminbi pro Dollar seit den 1990er Jahren stabil. In den drei Jahren nach dem Juli 2005 liess sie zwar eine leichte Aufwertung um 17 Prozent zu. Dieser Aufwertungsprozess wurde aber rasch beendet, als sich 2008 die Finanzkrise verschärfte, und eine neue Marke wurde bei 6,83 gesetzt.

Mit den Eingriffen ins Währungssystem verfolgte China zwei Ziele. Einerseits bewahrte es die Wettbewerbsfähigkeit seiner Exportwirtschaft, indem es die Aufwertung des Renminbi gegenüber dem Dollar verhinderte; anderseits bildete es Währungsreserven, vorwiegend in Dollar, um sich gegen die mit der zunehmenden finanziellen Integration zusammenhängenden Risiken zu schützen, die andere Länder während der Asien-krise der späten 1990er Jahre schmerzlich zu spüren bekamen. Im Jahr 2000 betrugen Chinas Währungsreserven gerade 165 Milliarden Dollar. Bis 2009 blähten sie sich auf das Vierzehn-fache – 2,3 Billionen Dollar oder gut 50 Prozent des chinesischen Bruttoinlandproduktes – auf.

Schätzungen zufolge hält China rund 70 Prozent seiner Reserven in Dollar. Die chinesischen Interventionen führten zu immer grösseren Verzerrungen der globalen Kapitalkosten. Sie waren ein massgeblicher Faktor für den Rückgang der langfristigen Zinsen in den USA und halfen dadurch, die Immobilienblase aufzublähen – mit den bekannten desaströsen Folgen. Chimerika war in diesem Sinne eine gigantische Kreditlinie von China in die USA, die es den Amerikanern erlaubte, nichts zu sparen und dabei immer grössere Wetten auf den Wert ihrer Häuser abzuschliessen.

Die Finanzkrise der letzten beiden Jahre hat daher auch neue Fragen hinsichtlich der internationalen Währungsordnung aufgeworfen.…

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»