Der Teufel steckt in der Anwendung
Myriam Dunn Cavelty, zvg.

Der Teufel steckt in der Anwendung

Ist Verschlüsselung ein Menschenrecht oder eine Waffe von Kriminellen? Technische Lösungen sind ambivalent und können guten wie auch schlechten Zwecken dienen. Deshalb ist ihre Regulierung hochpolitisch – und für alle relevant.

 

Bei der Konzipierung des Internets als Kommunikationsmittel in den späten 1960er-Jahren stand die Funktionalität im Zentrum. Die Sicherheit spielte hingegen kaum eine Rolle – der Kreis der Nutzer war klein, man kannte und vertraute sich. Niemand konnte sich vorstellen, dass dieselbe Netzwerktechnologie später einmal Milliarden von teilweise hoch sicherheitsrelevanten Geräten verbinden und Zettabytes von Daten generieren würde. Damals, vor rund 50 Jahren, wurde die Grundlage für ein ausfallsicheres Netzwerk geschaffen, in welchem Informationen jedoch standardmässig unverschlüsselt ausgetauscht werden.

Illustration von Stephan Schmitz.

Eines haben die Entwickler des Internets nicht berücksichtigt: Unverschlüsselte Daten sind leider unsichere Daten. Kryptografie ist als einer der wichtigsten Bausteine der IT-Sicherheit zu verstehen: Verschlüsselung ist zwingend nötig, um die Vertraulichkeit, Integrität und Authentizität von Daten sicherzustellen – und zwar bei deren Speicherung, Übertragung und Verarbeitung. Aus technischer Sicht gilt: Ohne Kryptografie kann es keine Cybersicherheit geben.

Unvorhergesehene Gefahren

Nur: Die technische Sicht reicht meistens nicht aus, um die Auswirkungen komplexer Interaktionen zwischen Technik, Gesellschaft und Politik zu verstehen. Im Gegenteil: Der teilweise missionarische Glaube an technische Lösungen, die alle gegenwärtigen Probleme der Menschheit zu lösen vermögen, führt bei technischen Experten und Entscheidungsträgern regelmässig zu Erstaunen oder gar Frust – die Technologien erzielen nicht immer die intendierten, «guten» Effekte, sondern können in unvorher­gesehener Weise zu gesellschaftlichen Unsicherheiten beitragen. Um nachzuvollziehen, warum scheinbar «gute» Technologien negative oder zumindest sehr ambivalente Wirkungen entfalten, müssen wir Technologie im Sinne von Wissenschafts- und Technikforschung (auf Englisch: Science Technology Studies, STS) als ein soziales Kon­­strukt verstehen. Technologien sind nicht bloss starre Objekte, die Einfluss auf die soziale Welt ausüben, ohne auch durch sie geformt zu werden.

Bereits in ihrer Entstehungsphase werden Techno­logien unterschiedlich interpretiert und erhalten ihre Form und ihre Bedeutung erst in einem kontroversen Zusammenspiel relevanter sozialer Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen Wertvorstellungen. Diese interpretative Flexibilität und Nutzung führen zu technologischer Ambivalenz, also einem unweiger­lichen Widerspruch der Möglichkeiten, die Technologien uns bieten: Allesamt können sie die Menschheit voranbringen, genauso gut aber auch von ihr missbraucht werden. Bei der Verschlüsselungstechnologie zeigt sich diese Ambivalenz sehr anschaulich: Journalisten und Aktivisten in autoritären Systemen sind auf verschlüsselte Kommu­nikation angewiesen, um sicher zu kommunizieren – die organisierte Kriminalität benutzt jedoch die gleiche Technologie, um Drogen, Waffen und andere illegale Güter anzubieten und zu verkaufen. Die Wirtschaft schützt ihre Daten mittels Kryptografie vor den Ausspähungen durch Konkurrenten – Kriminelle verwenden Verschlüsselung bei Ransomware-Attacken, um befallene Firmen zu erpressen. Der weltweite Schaden dieser Art von Cyberattacken wird auf rund 20 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 geschätzt – Tendenz steigend.

Kryptografie ist eine Grundvoraussetzung für sichere digitale Kommunikation – und wird gleichzeitig für schädliche Dinge verwendet. Diese Ambivalenz von Kryptografie ist ein seit Jahrzehnten diskutiertes, ungelöstes, sogar unlösbares Problem: Die «negative» Nutzung lässt sich nicht unterbinden, ohne dass die «positive» ebenfalls darunter leidet. Das lässt sich exemplarisch an den über die Jahre regelmässig wiederkehrenden «Crypto Wars» aufzeigen: Darunter versteht man Bestrebungen von Sicherheits­behörden in demokratischen Ländern, die private Verschlüsselung von Daten einzuschränken oder den Export von starken Verschlüsselungstechnologien zu unterbinden. Diese Bestrebungen werden wiederum durch Bürgerbewegungen, Fachexperten und Unternehmen bekämpft. Die unterschiedlichen Interpretationen der gleichen Technologie kommen durch die Priorisierung von unterschiedlichen Interessen und Werten zustande, die auch andersgeartete Gefahrenperzeptionen und Lösungsansätze abbilden.

Bei der Debatte um Kryptografie stehen auf der einen Seite die Nachrichtendienste mit ihrem «Going Dark»-­Argument: Sie glauben, dass durch den grossflächigen Einsatz von verschlüsselter Kommunikation das…

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Ilma Rakusa, Übesetzerin und Literatin,
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