Der Testosteronbunker von Usedom

Die Journalistin und Schriftstellerin Silvia Tschui erhielt Zutritt zu Deutschlands renommiertestem Boxstall. Entstanden ist dabei das flirrende literarische Kurzportrait einer abgeschotteten Männergesellschaft. Und die ist so angenehm nicht.

Der Testosteronbunker von Usedom
Silvia Tschui, photographiert von Simone Pengel.

Einer von den beiden sieht aus wie ein zu gross geratenes Kleinkind. Speckschicht über den Muskeln, von der Hüfte, die über der kurzen Kunststoffhose quillt, bis hoch zu den breiten Schultern, sogar die Arme wirken teigig. Blass der nackte Oberkörper, auf dem Kopf flaumig blond ist er, die Augen hellblau, das Gesicht rosig, der Mund von einem Gebissschutz entstellt. Er haut dem anderen ins Gesicht, einmal, zweimal, blutet aus der Nase, der andere, der Kleinere. Und kriegt gleich nochmal eins gebacken. Das Auge blau. «Aua!» «Autsch!» «Au!» Der Magen flau, bis der Sitznachbar sagt: «Jetzt halt endlich die Fresse, Mädel, warum sitzt du überhaupt im Publikum?»

Vier Wochen früher, die Trainingsräumlichkeiten des Boxstalls Sauerland befinden sich im Olympiapark Berlin. Der 30er-Jahre-Bau ist von innen mit aufgemalten männlichen Körpern in überdehnten Sportlerposen verschönert. Über den Fresken stehen Sätze. Vernachlässigbar, die Kunst sagt sowieso dasselbe wie die Architektur, nämlich: Diese Grösse! Die Klarheit der Linien! Kühn das! Mutig das! Beeindruckend das! Dieser Aufwand! Diese Planung! Und man selber ganz klein! Und ganz unbedeutend! Ja, so eine Aufgabe, die schafft nur ein Kollektiv! Unter einem! Mit einer Vision! Da muss sich der Kleine unterordnen, für das Grosse! Quälen gar! Für das Gemeinwohl! Die grosse Idee!

Deshalb: Blick abgewandt, zum Sportmoderator mit Boxstall-PR-Mandat eingestiegen, Mercedes S-Klasse. Abgefahren, zur Ostsee. Los, Trainingslager, eine Boxerreportage soll es werden. Draussen schleicht graue Landschaft vorbei, drinnen stolpern grauenhafte Sätze übereinander, die Sitzheizung heizt. «Und dann stand ich da mit dem Uwe Seeler, was kennst du nicht, das ist: Die Fussballlegende. Meine Freundin, nee, Ex, haha, ja die ist jetzt wohl am Packen und Heulen, armet Ding, einklich bin ick jan kreativer Kopf, hab n Buch geschrieben. Na, die war halt 20 Jahre jünger, blond, geilet Jerät. Aber immer nur ficken wird ooch langweilich. Über Bernd Stange, du kennst Bernd Stange nicht? Das ist: Die Trainerlegende! Was, Fussball natürlich, Osten! Ex-DDR! Legende! Wenn man sone gute Partie ist wie ich, muss man dauernd die Weiber loswerden, das nervt. Ick sage dir: arbeite du mal beim ZDF, was Rezeption, wen interessieren schon Buchbesprechungen, da bleibt kein Höschen trocken! Gestern auf ZDF-Reportage, Länderspiel, da hat der Uwe Seeler mir den Arm um die Schulter gelegt und gesacht: Ne Biographie natürlich! ‹Trainer zwischen den Welten› heisst das, geiler Titel, ne? So 6 Monate, die war gleich bei mir eingezogen, die Tante, hat wohl gleich dit fette Jeld gewittert, Pelze und Schmuck und so, vergisset. Der Uli hat gesagt, was, welcher Uli, na Wegner, den lernste gleich kennen, das ist: Die Boxtrainerlegende!»

Spricht der Sportmoderator mit Boxstall-PR-Mandat. Seine Nasenflügel sind rot geädert, im Profil betrachtet. Muss ja bloss von vorne gut aussehen, der Mann, im ZDF. Tut er dann auch bestimmt, das Bild endet ja jeweils auf Brusthöhe. Angenehme Stimme, sonor, eine richtige Fernsehstimme, man wünscht sich, sie unter die Verständnisgrenze leiser stellen zu können, dann wär das prima Sofa-Wolldecken-vor-dem-Fernseher-Einschlaf-Lulle. Stattdessen: Sitzheizung runterstellen. Das Fenster einen Spalt öffnen. Kalte Luft riechen, die riecht endlich nach der See, nach Weite, Sturm. Tut grade not, trotz leichter Fischnote.

Und dann so was! Dem Wagen entflohen, neben dem Sporthotel über die Düne gehastet. Für einen schnellen Blick auf einen weiten Horizont. So vor dem Boxertreffen. Und dann liegt da diese Plörre, diese dreckige, diese Suppe, welche die Bezeichnung «See» nicht verdient, diese träge Masse, dieser Waschlappen, «Flapp». Dann zieht sich die Brühe zurück, zur Erholung wohl. Manchmal: «Flupp». Ein Pier steht am Strand, «Seebrücke» heisst das im Osten, die vor dem Hotel heisst Zinnowitz. Ein schlechter. Die Tauchgondel am Ende, retrofuturistisch, fährt einen für sieben Euro viereinhalb Meter in die Tiefe, um «Die Geheimnisse der Usedomer Küste zu erleben». Die Geheimnisse der Usedomer Küste sind trübe. Im Hotel riecht es nach altem Urin, der Putz bröckelt. «Geil, richtig Osten», sagt die Sportjournaille. «Pass uff, hier kriegste für 2 Euro noch so’n Schnitzel.» Dies also ist die Insel Usedom, reimt mit Karzinom, auch Sodom oder Kondom, doch davon später.

5 Boxer schreiten aus der Sauna, in Bademänteln durch die Lobby, alle heissen sie «Junge», bis auf Arthur Abraham, der hat es sich verdient, mit Namen angesprochen zu werden. Ist schliesslich Weltmeister und seit seinem Sieg trotz gebrochenen Kiefers darf er: Die Boxtrainerlegende Uli Wegner statt «Herrn Wegner» «Uli», «Freund» gar, nennen. Erklärt der Weltmeister mit Namen, Arthur Abraham, kriegt umflorte Augen beim Seitenblick zum Herrn Wegner.

Setzen sich breitbeinig aufs Lobbysofa, die Jungs und der Weltmeister, zu nah, weisse Bademäntel öffnen sich zu weit, Muskeln mit blauen Flecken werden sichtbar, die Trainerlegende scheucht mit einer Hand: «Weg! Lasst des Mädsche in Ruh! Halbe Stunde Ruhe, halbe Stunde joggen am Strand, Interview morgen früh. Zack!» Ja, Herr Wegner. Setzen ihre braunen, muskelbepackten Glieder in Bewegung, die Jungs, hinterlassen zähtriefende Blicke, streifen absichtlich fremde Gliedmassen. «Pass uff, Mädsche. Haben alle trainiert, seit Wochen, und keine Frau gesehen. Da rappelt des Testosteron.» Ja, Herr Wegner. Einer sass abseits. Ein übergrosser, blasser, etwas dicklicher.

«Was, hier ist zu! Hier isst Uli Wegner zu Abend! Hier ist nicht zu!» Die Trainerlegende haut auf den Tresen, ein blondes Ding hängt in den Schultern. «Ruf den Chef an, Mädsche! Den Koch auch, Mädsche, der kommt mir wieder her!» Kuscht, das Mädsche, huscht, deckt einen Tisch, wir bestellen Fisch, trotz profanen Reims. Später Bier, Wodka, noch einen! Hand auf dem Schenkel von links weggeschlagen. Von rechts: «Da hätt sich Sauerland aber auch ein Hotelzimmer sparen können. Haha.» Bier, Wodka, noch einen! Hand auf Schenkel wegschlagen von links, von rechts: «Da hätt sich Sauerland aber ein Hotelzimmer sparen können.» Wodka. Noch einen! Hand, Schenkel, wegschlagen. «Hotelzimmer?» «Nee danke, geht.» Wodka! «Hotelzimmer?» «Nee echt, auch nicht nur kuscheln.» Wodka! Hand. Schenkel. Weg, bloss weg, Hotelzimmer. Endlich. Hotelzimmer. Tür auf. Die Sportjournaille trägt bloss Suspensorium. «Raus!» «Tschuldigung.» Tür zu.

Quintessenz eines Weltmeisters: «Bumsen macht die Beine schlapp.» «Haha.» «Mein Rammler heisst Mike Tyson.» «Ist Hase.» «Geh ich mit spazieren.» «Magst du Sex?»

Dann der Blasse. Der lächelt nicht anzüglich. Der schaut einen zu lange an, hellblau der Kinderblick, blassrosa die Haut und sagt: «Du hattest’s doch auch scheisse. Richtig scheisse. Du hast doch auch gekämpft. Um dich geschlagen. Wahllos, egal, wen es trifft, als wärst du unter Wasser. Bloss nicht mit Fäusten. Ich erkenn das in den Leuten, ich seh das denen auf den ersten Blick an. Und du hast es geschafft. Bist oben geblieben und hättest genauso gut untergehen können. Hätt gar nicht viel gebraucht, hat nicht viel gefehlt. Und es hat so viel Kraft gekostet. Es kostet immer zu viel Kraft. Du bist erschöpft. Ich auch. Ich hab aber nur die Fäuste. Und eine Scheisswut. Die muss doch irgendwohin. Diese Scheisswut. Sonst hab ich doch nichts. Wo soll das denn sonst alles hin. Dass mir mal wer zusieht. Dass ein Publikum mir zusieht. Und denkt: Der kann was. Der ist einer. Dass wer Respekt hat. Dass mir jemand applaudiert. Mir! Dass mir jemand zujubelt!» «Das reicht, Junge, halbe Stunde joggen am Strand, halbe Stunde Sparring.» Ja, Herr Wegner. Dreht sich um, schaut einen zu lange an: «Der Kampf, mein erster Profikampf, ist meine Chance. Verliere ich, bin ich meinen Vertrag los. Dann bin ich wieder Hilfsarbeiter. Kommst du zusehen? Jeder, der kommt, hilft.»

Der Kleinere blutet aus der Nase, hat ein blaues Auge und wehrt sich nun, schlägt dem Grossen, Blassen auf die Braue, die Braue platzt, der Grosse schwankt. «Mach den platt! Mach den fertig, polier dem die Fresse, mach den hin, nochmal! Drauf, jetzt! Steh nicht so rum, schlag den zu Brei», schreit der Sitznachbar. Und ich sage «Aua!», «Autsch!» und «Au!» und zum brüllenden Sitznachbarn: «Weil ich es versprochen habe.»

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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