Der talentierte Herr Somary

Die Schweiz nannte vor 100 Jahren mal einen grossen Futurologen ihr Eigen: einen universell gebildeten, österreichischen Bankier.
Eine Erinnerung.

 

Der Graf Schwerin von Krosigk (Finanzminister in Deutschland von 1932–1945) beschreibt in seinem Buch «Es geschah in Deutschland» eine Begegnung mit Felix Somary Anfang der 1930er Jahre. Auf die Frage, wann denn die Krise überwunden sei, soll Somary geantwortet haben: «Drei Dinge müssen geschehen: Erst müssen die deutschen und österreichischen Banken umstrukturiert werden; dann muss sich das britische Pfund vom Goldstandard lösen; schliesslich muss das Zündholzmonopol von Kreuger untergehen.»

Im Sommer 1931 crashten die deutschen und österreichischen Banken. Kurze Zeit später löste sich England vom Goldstandard. Graf Schwerin von Krosigk fragte bei Somary nach, ob es wirklich auch noch auf das dritte Ereignis ankomme. Somary nahm nichts zurück und beharrte darauf, dass der Kreugerkonzern untergehen werde. Vier Wochen später erschoss sich Kreuger in Paris.

Es waren Vorhersagen von gespenstischer Präzision wie diese, die Felix Somary den Spitznamen «Der Rabe von Zürich» eingetragen haben. Er sagte selbst von sich, er wisse nicht, warum, aber er spüre die Zukunft ein stückweit «in den Knochen». Heute würden wohl viele in ihm einen der vielen Crashpropheten sehen und auch einen Pessimisten – wobei Somary keinesfalls nur Katastrophen vorhersah. Woher aber nahm Somary sein Wissen und sein Gespür?

Es waren wohl vor allem vier Dinge: breite Bildung, Sinn für historische Zusammenhänge, beste Kenntnis der Ökonomie und der Finanzwelt sowie der stete Kontakt mit Menschen, die selbst historische Figuren waren und die Zeitläufte mit in der Hand hielten.

Geschichte ist eine gute Lehrmeisterin, denn sie vermittelt Kenntnis von Mustern, die sich womöglich wiederholen können. Mit dem Wissen aus Ökonomie und Bankenwesen hatte er, wie ein Arzt, Einblick in die Eingeweide der Gesellschaft. Wer schuldete wem wie viel und wer vertraute wem oder auch nicht? Er las aus Geldflüssen, Zinsfüssen und Verschuldungsquoten schon vorab heraus, was später in der Zeitung stand, nachdem es sich ereignet hatte. Und sicher war auch der Kontakt zu führenden Köpfen (er kannte u.a. Max Weber und Joseph Schumpeter) und Entscheidungsträgern (er traf u.a. auf den österreichischen Staatspräsidenten Karl Renner, den Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht, General Ludendorff oder John Maynard Keynes) einer gewissen Weitsicht nicht abträglich.

Somary wuchs in Wien auf, in einem liberal-bürgerlichen Elternhaus. Sein Vater war Rechtsanwalt, am Tisch wurde schon mal über römische Geschichte oder griechische Philosophie diskutiert. Seine Mutter fiel mit ihrem Klavierspiel dem Pianisten Arthur Rubinstein auf. Gehobenes Wiener Bürgertum also, breite Allgemeinbildung war geschätzt. Doch wie gut Somary war, merkte er erst, als er als Erstsemestler im Büro des damals bedeutendsten österreichischen Ökonomen Carl Menger stand (u.a. Lehrer von Ludwig von Mises), der dem siebzehnjährigen Wirtschaftsstudenten prompt einen Job anbot. Er hatte ein Pamphlet Somarys in die Hände bekommen, in welchem dieser als Gymnasiast kenntnisreich über die Unternehmenslandschaft Österreichs berichtete (das Buch hatte zuvor der Ökonom Luigi Einaudi gelobt, der später Präsident Italiens werden sollte). Man merkt schon an dieser Episode: Die Wege für Somary waren kurz, er war eingebunden in eine Art unsichtbares Kollegium kluger und gebildeter Menschen, und das sollte auch später in seinem Leben nicht anders sein.

«Mit dem Wissen aus Ökonomie und Bankenwesen hatte er,

wie ein Arzt, Einblick in die Eingeweide der Gesellschaft.»

Zwischenstation Zürich, Paradeplatz

1919 kam Somary, der inzwischen Banker geworden war und auch ein Buch über Bankenpolitik geschrieben hatte, unter abenteuerlichen Umständen – Deutschland war mitten im Revolutionsgewirr – nach Zürich. Er deponierte seine Habe erst einmal «im bescheidenen Stauraum» der Schweizerischen Nationalbank an der Bahnhofstrasse – und atmete tief durch. Bis 1926 leitete er die kleine Privatbank Blankart & Cie. am Paradeplatz. Mit dem Umzug in die Schweiz folgte er seinem eigenen Rat, denn er sah die Schweiz als einziges Land der Welt an, wo Vermögen noch vor Wertverlust geschützt war. Dies erreichte er auch für die Kunden, die auf ihn hören wollten.

Auch hier lag er richtig. Schon bald grassierte die Inflation in Deutschland und Österreich. Somary scheute sich im Vorfeld nicht, die Alarmglocke zu läuten – auch auf das Risiko hin, verlacht zu werden. Er sah in Österreich einen Staatsbankrott nahen, der nur entweder durch einen Schuldenschnitt oder durch eine massive Abwertung der Währung ausgeglichen werden würde.

Der Ökonom Joseph Schumpeter selbst wollte ihm nicht glauben – und sah sich erst dann eines Besseren belehrt, als er seinen Posten im Finanzministerium aufgab und zu einer Bank wechselte – die alsbald kollabierte. Somary half hier wieder der Blick in die Geschichte. Jedes staatliche Geld ist irgendwann untergegangen. Während Rom noch 400 Jahre gebraucht hatte, um die eigene Währung zu ruinieren, genügten Deutschland und Österreich dafür neun Jahre, Russland schaffte es sogar in fünf. Doch Somary blickte schon weiter. Wer, wenn nicht autoritäre Kräfte, sollte nach der Inflation an die Macht kommen? Sowohl die Bolschewiken in Russland als auch Hitler bestätigten ihn letztlich in seiner Befürchtung, dass Inflation der ideale Nährboden für Gewalt- und Willkürherrschaft war.

Heute und hinterher ist man dementsprechend schlauer, doch eine weitere Episode zeigt, wie isoliert Somary damals bisweilen war: 1924 traf er auf John Maynard Keynes, der in Berlin in seiner Rede «Das Ende des Laisser-faire» gegen freie Märkte argumentierte und dafür viel Beifall erhielt. In einer privaten Unterredung fragte Keynes, was Somary denn seinen Kunden gerade rate. Dieser erwiderte: «Sich gegen die nahende Krise wappnen und von den Märkten fernhalten.» Keynes antwortete, er sehe zu Lebzeiten keine Crashs mehr nahen, zudem seien die Preise an den Börsen gerade günstig. Keine fünf Jahre später kam – nach einer zwischenzeitlichen Erholung – der grosse Crash von 1929. Der einsame Rufer in der Wüste hatte wieder einmal recht behalten.

Felix Somary ist eine Ausnahmeerscheinung gewesen, wie man sie sich heute in stürmischen welt- und finanzpolitischen Grosswetterlagen nur wünschen könnte. Er war Historiker, Philosoph, Soziologe, Privatbankier, Futurologe – wer ist das alles heute noch? Sicher war er auch ein Kind seiner Zeit, aufgewachsen in einer Epoche, die Stefan Zweig mal als «die Welt von gestern» beschrieben hat. Doch er wäre auch heute noch ein wertvoller Begleiter durch unbekanntes Terrain. Auch wenn er als Vertreter der «österreichischen Schule der Nationalökonomie» von den «Wirtschaftsweisen» und Hofökonomen vermutlich nur als origineller, aber nicht ernstzunehmender Vogel aus Zürich belächelt werden würde.

Ein Universalgelehrter der «Welt von gestern»

Der Historiker und Diplomat Carl J. Burckhardt meinte einmal in der NZZ über das Buch Somarys «Krise und Zukunft der Demokratie», dass Somary irgendwann genauso hochgeschätzt werden würde wie Alexis de Tocqueville. Otto von Habsburg sah in ihm einen Universalgelehrten unserer Zeit, der mit seinem Wissen zudem keine Publicity suchte, sondern sich bescheiden im Hintergrund hielt. Somary hätte heute sicher kein LinkedIn-Profil mit der Beschreibung «Futurist, Berater, Coach, Speaker», wie man das heute so häufig liest.

Aus heutiger Sicht war Burckhardt wohl zu optimistisch: Felix Somary scheint fast nur Experten ein Begriff zu sein. Dabei gehört er zu den Autoren, die auch heute wieder dringend gelesen werden sollten, denn auch schreiben konnte er, wie seine glänzend geschriebenen Memoiren «Erinnerungen aus meinem Leben» und das Buch «Krise und Zukunft der Demokratie» zeigen. In letzterem stellt er zwanzig «Sozialgesetze» auf, die sich auch heute noch zu lesen lohnen.

Das erste «Gesetz» lautet zum Beispiel: «Je stärker Gewalt zentriert wird, desto geringer ist die Verantwortung.» Und er erlaubt sich den Zusatz: «Je höher der Platz auf der hierarchischen Stufenleiter, desto unzulänglicher wird er ausgefüllt» – ein wohl eherner Grundsatz jeder Organisationsform, der später als sogenanntes «Peter-Prinzip» bekannt wurde. Hellsichtig auch für unsere Zeit ist das Gesetz Nr. 13: «Ein Tyrann erregt Widerstand, mehrere erregen Nachahmung.» Hoffen wir, dass Somary nicht immer recht behält.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»