Der Stoff, aus dem die Bestseller sind

Hernán Rivera Letelier: Die Filmerzählerin. Berlin: Insel, 2011.

Wie gerne wäre man dabei! Wie betörend wäre es, die Zeitmaschine auf den Beginn der sechziger Jahre einzustellen und in die namenlose Salpetersiedlung in der nordchilenischen Atacama-Wüste zu reisen! Denn dort lockt grosses Theater: Ein zehnjähriges Mädchen erzählt vor einem kleinen Publikum Filme nach und spielt (mit Hilfe einer ganzen Kiste voller Requisiten) die Stars von Charlie Chaplin über Marilyn Monroe bis zu Charlton Heston an die Wand ihrer ärmlichen Wellblechhütte. Der Grund dafür ist freilich trostlos: Einem aufgrund eines Unfalls gelähmten und von seiner Frau verlassenen Minenarbeiter fehlt das Geld, mit seinen fünf Kindern das örtliche Kino zu besuchen. Es reicht jeweils nur zu einer einzigen Eintrittskarte. Und so wird Maria Margarita, die einzige Tochter, dazu auserkoren, dem Vater und den älteren Brüdern jeden Film frisch ab Leinwand vorzuführen. Die «Filmerzählerin» macht ihre Sache so gut, dass sie bald vor zahlendem Publikum auftritt. Manche Bewohner der Siedlung ziehen die Nacherzählung dem Original sogar vor, einige bestellen sich die junge Virtuosin, die bald Visitenkarten druckt und sich «Hada Delcine» (die Fee aus dem Kino) nennt, für Privatvorführungen zu sich nach Hause.

Der sechzigjährige chilenische Autor Hernán Rivera Letelier ist in der Atacama-Wüste aufgewachsen und hat dreissig Jahre lang selber in den Salpeterminen gearbeitet. Seit seiner Jugend schrieb er Gedichte und Erzählungen, doch veröffentlichen konnte er erst spät. 1994 gelang ihm der Durchbruch mit dem Roman «La reina Isabel cantabarancheras» (deutsch: «Lobgesang auf eine Hure»), der mit einem chilenischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. «Die Filmerzählerin» belegte in Chile Platz 1 der Bestsellerliste und soll demnächst vom brasilianischen Regisseur Walter Salles («The Motorcycle Diaries – Die Reise des jungen Che») verfilmt werden.

Dabei möchte man doch gerne zunächst in aller Ruhe dem bestechenden Experiment folgen, den Film ins geschriebene Wort zu verwandeln. Der Spieleinsatz des Buches ist gleichsam die Umkehrung der Literaturverfilmung: die «Verbuchung» von Filmen. Zu gern liesse man sich von der Filmerzählerin (und ihrem gefeierten Erfinder) Klassiker wie «Ben Hur» oder hierzulande weniger bekannte mexikanische Produktionen des mittleren 20. Jahrhunderts wie «Guitarras de medianoche» mit Lola Beltrán schildern, um die eigene Phantasie zu beflügeln. Das wäre schöner als Kino.

Doch daraus wird nichts. Zwar werden der «O-beinige Gang» von John Wayne, die «unglaublichen Grimassen» von Jerry Lewis und der «Augenaufschlag» von Marilyn Monroe erwähnt, aber das ist sogar für Kinomuffel kalter Kaffee. Über die göttlichen Details der siebten Kunst – Dialoge, Licht, Kameraführung, Landschaften, Verfolgungsjagden, Gegenschnitte… – erfahren wir nichts. Das Buch erzählt um die Filme herum.

Der Roman hat zudem ein Perspektivenproblem. Dass die Filmerzählerin selber von ihren Auftritten schwärmen muss, wirkt unweigerlich ungelenk. Eine Figur aus dem Kreis der begeisterten Zuschauer – vielleicht ein Nachbarsjunge, der sich in die Künstlerin verliebte – könnte das Grandiose der Auftritte wohl glaubwürdiger schildern als die Filmfee selber. Und doch ist «Die Filmerzählerin» ein Publikumserfolg und eine ideale Vorlage für einen populären Film, denn Rivera Letelier kennt mindestens drei mächtige Ingredienzien des Bestsellers. Nicht dass diese Elemente das gute Geschäft garantieren würden, aber sie bahnen ihm den Weg.

Wellenreiten: man übernehme ein Motiv, das bereits gestochen hat. In «Balzac und die kleine chinesische Schneiderin» von Dai Sijie werden zwei chinesische Gymnasiasten zu Beginn der siebziger Jahre im Zuge der Kulturrevolution zu Zwangsarbeit auf dem Land verdonnert. Nur weil sie begnadete Filmerzähler sind, erobern sie sich ein Stückchen Freiheit: Sie werden vom Ortsvorsteher in ein Kino in der nächsten Stadt geschickt, damit sie den dort gezeigten Film dem ganzen Dorf erzählen.

Noch interessanter ist ein Zusammenhang, der von Rivera Letelier selber angesprochen wird: von den Nazis deportierte Juden hätten den besten Erzähler durch einen Schlitz in der Zugwand schauen und die vorbeiziehende Landschaft schildern lassen. Der Plot der «Filmerzählerin» erinnert in der Tat auch etwas an Jurek Beckers Klassiker «Jakob der Lügner». Doch dass der Ghetto-Insasse Jakob sich ein Radiogerät erdichtet, dessen imaginäre Meldungen über das Vorrücken der russischen Armee den Leidensgenossen Hoffnung spenden, eröffnet bei Becker das weite Feld der Fragen nach der moralischen Zulässigkeit des Lügens und dem Verhältnis zwischen Fiktion und Realität. Damit verglichen bleibt «Die Filmerzählerin» ein pittoresker Einfall.

Zwischen Trauma und Traum: Maria Margaritas Lebenslos könnte kaum elender sein. Die Mutter (als Variététänzerin das grosse Vorbild) durchgebrannt, der Vater verkrüppelt. Auch ihr Talent bringt ihr kein Glück: der vielgehasste Geldverleiher der Siedlung bestellt das Mädchen zu einer Western-Nacherzählung in sein Haus und missbraucht es. Als die ersten Fernsehgeräte in der Siedlung eintreffen, verblasst der Zauber des Kinos und damit auch des Filmerzählens. Vater und Brüder werden im Schnellverfahren von Schicksalsschlägen ereilt wie in einem Roman von John Irving (wenn auch weniger amüsant). Die Salpeterminen werden geschlossen. Die Protagonistin bleibt als schemenhaftes Relikt in der verlassenen Geisterstadt zurück.

Doch das Trauma hebt sich tröstlich im Traum auf. Die Funktion der Kunst (des Films, der Filmerzählung, der
Literatur) ist es, die bittere Wirklichkeit süss und heiter zu machen. Shakespeares «Stoff, aus dem die Träume sind» wird einigermassen simpel in eine Gleichung zwischen menschlichem Dasein und Kino umgemünzt: «Wir sind der Stoff, aus dem die Filme sind.»

Magischer Minimalismus: die lateinamerikanische Literatur ist berühmt für den «magischen Realismus» – etwa in den Werken des Guatemalteken Miguel Ángel Asturias, des Kubaners Alejo Carpentier oder des Kolumbianers Gabriel García Márquez. Hernán Rivera Letelier praktiziert eher einen magischen Minimalismus. Die Kapitel sind karg wie das Gras der Pampa, die einzelnen Sätze wie in Stein gemeisselt. Schwere Schicksale, lange Leidensgeschichten werden auf ein paar Zeilen zusammengefasst, Figuren mit ein paar Strichen festgelegt – wie die Wüste eigentlich aussieht, klingt und riecht, welche Kleinigkeiten das tägliche Überleben in ihr erschweren, spielt in diesem Text keine Rolle. Ebenso wenig werden politische oder wirtschaftliche Hintergründe des Lebens der Salpeterschürfer angesprochen.

Auch heute haben ausnahmsweise noch opulente Schreiber Erfolg, die in Einzelheiten und auf Nebenpfaden schwelgen und ihre Geschichten und Episoden irrgärtnerisch ineinander verschachteln – etwa Rivera Leteliers Landsmann Roberto Bolaño. Von Rivera Letelier selbst gibt es mitteilungsfreudigere, verspieltere Texte, etwa den Roman «El Fantasista» über die Bedeutung des Fussballs in den nordchilenischen Salpetersiedlungen. Es entspricht aber dem Geist unserer auf Abstracts versessenen Zeit, dass auch die Literatur abmagert. Das vielbeschäftigte Publikum schätzt die Reduktion auf das Wesentliche. Als schön gilt das Lapidare, Stilisierte. Die überzeugende deutsche Übersetzung von Svenja Becker erfasst diesen Zug des Romans sehr genau und sucht gar noch konsequenter nach schlanken Formulierungen, um der Figur der Filmerzählerin jene freche Frische zu verleihen, die ihr zukommt. Damit klopft sie dem Original den stilistischen Wüstenstaub ab, dennoch wirkt der Text nach schwungvollem Beginn je länger, desto mehr wie ein blosses Exposé.

«Die Filmerzählerin» hätte ein Buch über das Geheimnis der Kunst und die Verwandlungen von Wort und Bild werden können. In der bekömmlichen Reduktion auf die Skizze eines menschenfeindlichen Himmelsstrichs und den Grundriss zahlreicher Schicksalsschläge bleibt es bittersüsses Kunsthandwerk.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»