Der Städtestaat

Die Zukunft gehört nicht China, Indien oder Brasilien, sondern der Stadt. Sagt der umtriebige Politikberater Parag Khanna. Er sieht die Schweiz als Staat der Städte. Und schlägt ihr eine Partnerschaft mit Singapur vor.

Herr Khanna, seit einigen Jahren macht in der Schweiz die Idee des Stadtstaats die Runde. Was halten Sie davon?

Da sind Sie in der Schweiz nicht die einzigen. Ich habe jüngst in London eine Debatte moderiert, in der sich britische Entscheidungsträger, Journalisten und Parlamentarier amused darüber stritten, ob London nach Vorbild neuzeitlicher Stadtstaaten wie Venedig, Florenz oder der Hansestädte positioniert werden kann. Es gab Leute an diesem Dinner, die offen forderten, London vom Rest des Landes zu entkoppeln. Nun, ich bin ein offenkundiger Befürworter der Idee, dass das Modell der Stadtstaaten auf die Weltbühne zurückkehren sollte. Diese Phantasie ist toll, die Diskussion ebenfalls, aber die Crux ist natürlich die praktische Umsetzung. Die Idee, dass London sich des Rests des Landes entledigen solle, ist albern. London ist Teil einer grösseren Einheit, von der es auch profitiert – genauso wie umgekehrt. Dasselbe gilt für Zürich oder Genf.

Absolut einverstanden, aber was taugt die Idee, sich die gesamte Schweiz als Stadtstaat vorzustellen?

Ein Stadtstaat ist weitgehend ein geplantes Gebilde, die Schweiz ein über Jahrhunderte gewachsenes. Das Konzept lässt sich also nicht eins zu eins auf die Confoederatio Helvetica übertragen. Ich würde darum für die Schweiz nicht von einem Stadtstaat sprechen, sondern eher von einer Ansammlung von «City Hubs», einer Verknotung von Orten mit verschiedenen Funktio­nen. Das wäre kein City State, sondern eher ein «Cities State», ein «Städtestaat» oder ein «städtischer Staat»…

Ein «Cities State»?

Das ist erst mal nur ein Begriff. Vielleicht dient er ja als Inspiration für die Schweizer Brandmaster in Zürich und Bern, die hier noch sehr zögerlich agieren – schweizerisch zurückhaltend eben! Es geht darum, die kollektive Stärke von Schweizer «Hubs» hervorzuheben. Die Schweiz bietet alles auf kleinstem Raum. Gstaad und St. Moritz sind Orte, wo man im Sommer und Winter eine gute Zeit haben kann, Zürich ist ein internationales Finanzzentrum, Basel Sitz der chemischen Industrie, Genf ein Zen­trum der Finanzen und Diplomatie. Jeder Ort hat seine Stärke, die er zum Ganzen beitragen kann. Die Attraktivität eines solchen «Cities State» für moderne Kosmopoliten ist schier grenzenlos.

Sie kennen vor allem das mondäne Genf, das dynamische Zürich und das aufgetakelte Davos während des WEF. Was aber wäre Ihr Bild, wenn Sie einen Grossteil Ihrer Zeit in der Agglo-Schweiz verbringen müssten?

Ich kann mir nicht vorstellen, meine Hauptbasis in einer anderen Stadt als London, New York oder Singapur zu haben. Menschen gravitieren nach Kriterien der Arbeits- und Zeitmobilität dorthin, wo sie ihrer Arbeit am besten nachgehen können. Deswegen ist die Qualität der Infrastruktur so wichtig: sie ermöglicht, das Landleben mit modernen Karrieremöglichkeiten zu verbinden. Und die Schweiz ist hier ja weltweit top! Die Schönheit der Schweiz besteht mitunter darin, dass man in Zürich leben und innerhalb einer halben Stunde an einem ruhigen Ort am See sein kann oder in Genf leben und innerhalb einer Stunde in Chamonix sein kann. Man hat die Wahl, innerhalb eines Tages die intensiven Aspekte des Stadt- und auch des Landlebens erfahren zu können.

Wenn man mit dem Flugzeug in Zürich ankommt, wird man in einem futuristischen Untergrund-Glaszug mit Kuhglocken und Alpgesängen empfangen. Ist das nicht vielmehr ein Zeichen dafür, dass wir mit einem Widerspruch von Tradition und Moderne ringen?

Kühe, Käse, Schokolade, Skifahren und Bankgeheimnis. Alles schön und gut. Aber der Widerspruch zwischen Urbanität und Ländlichem ist konstruiert: Boris Johnson, der Bürgermeister Londons, pflegt mit Erfolg das Bild des Dorfes innerhalb der Stadt. Als Bewohner Londons weiss ich, was er meint: London ist eine Ansammlung von Dörfern. Eine grosse Stadt, die sich anfühlt wie ein Dorf. Wenn ich meine Tochter zur Schule bringe, sehe ich vom Schulplatz aus Schafe und Hühner. Und ich lebe mitten im Zentrum. Das ist eine schöne Sache – besonders in einer Zeit, in der viele Leute das Gefühl haben, Verstädterung und Anonymität könnten entwurzelnd wirken.

Gut ausgebildete Arbeitskräfte aus Wirtschaft und Wissenschaft sind heute hier, morgen dort. Welche Chancen hat die Schweiz, sich als Hub zu positionieren, in dem sich globale Talente langfristig niederlassen?

Talente sind sehr mobil. Aber die Schweiz gehört zu jenen Orten, die Menschen langfristig anziehen: ideologisch wegen der Neutralität, diplomatisch wegen den Vereinten Nationen, finanziell wegen den Bankenzentren in Zürich und Genf, geographisch wegen der Lage im Zentrum Westeuropas. Ebenso wie Singapur ist die Schweiz zu einem Ort geworden, wo Expats hingehen und sich dann längerfristig niederlassen. Letztlich hängt auch viel von der Ausgestaltung der Aufenthaltsrichtlinien ab. Es ist ja derzeit ausserordentlich schwierig, Schweizer Bürger zu werden – leichter ist es, wenn man eine Aufenthaltsbewilligung B oder C hat. Wenn die Schweizer Wirtschaft Bedarf hätte – und sie scheint zurzeit keinen Bedarf zu haben –, könnten diese strengen Bedingungen gelockert werden. Wenn man wollte – ich bin nicht sicher, ob man das will –, könnte so auch erwirkt werden, dass mehr Asiaten die Schweiz als Hub für ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten nutzen. Man sieht zum Beispiel, wie chinesische Unternehmen grossflächig Niederlassungen in Frankfurt, Paris oder London aufbauen.

Sie haben die Prognose gewagt, dass das 21. Jahrhundert nicht durch China, Indien, Brasilien oder die USA dominiert werde, sondern durch Städte. Wie kommen Sie zu dieser kühnen Voraussage?

Die entscheidende Erkenntnis ist, dass es keine hegemoniale unipolare Welt mit China, den USA, Brasilien oder Indien an der Spitze geben wird. Und es wird auch kein Konzert der Mächte mehr geben. Es wird sich vielmehr ein fragmentiertes System entwickeln – wie im Mittelalter, als die Städte dominierten…

Bei allem Respekt: ins Mittelalter will doch niemand mehr zurück.

Völlig richtig. Ich ziehe aber meine Inspiration aus Netzwerk-Prototypen wie der Hanse. Denn aus mittelalterlichen Städteallianzen kann viel gelernt werden! Damals wie heute sind es jene Staaten, die agil und netzwerkbasiert auf neue Technologien und Handelsmöglichkeiten reagieren, die am meisten profitieren. Wenn wir über den Aufstieg neuer Staaten reden, vergessen wir, dass sich der Aufstieg dieser Staaten aus der ökonomischen Aktivität ihrer grossen Städte ableitet. Darum geht es: wo findet die lokale Selektivität statt? In der Stadt. Und was ist die Triebkraft des Wachstums und der Innovation? Es ist das Netzwerk der Städte.

Gibt es einen grundsätzlichen Konflikt zwischen Chinas «Big is powerful» und der Schweizer Vorstellung von «Small is beautiful»?

Ich schrieb mein erstes Buch «The Second World» über Imperien: «Big is back». Aber es gibt eigentlich keinen Widerspruch zwischen klein und gross. An einigen Orten funktioniert das Kleine, an anderen das Grosse. In Asien gibt es mit Indien und China zwei der demographisch grössten Länder. Aber es gibt dort auch einen kleinen und sehr erfolgreichen Staat: Singapur. Die unterschiedlichen Modelle koexistieren in der gleichen Weltregion. Ich weiss also nicht, warum es da eine Spannung geben soll. Wenn überhaupt, soll sich die Schweiz als kleiner Ort positionieren, der in Sachen Arbeitsmobilität, ökologischer Nachhaltigkeit, Fiskalpolitik und in anderen Bereichen grosse Lektionen für grössere Staaten bereithält.

Zum Beispiel die Schuldenbremse, die heute durch ganz Europa galoppiert. Diese wurde zuerst in Schweizer Kantonen erdacht, dann auf nationaler Ebene eingeführt und danach via Deutschland exportiert.

Exakt. Theoretisch sollte die Schönheit Europas darin bestehen, dass die Diversität und die vielen Machtzentren zu einem grenzüberschreitenden Lerneffekt führen. Dazu gab es auch Ansätze: in Westeuropa wurde diskutiert, was man von Skandinavien und den baltischen Staaten lernen könne…

…dann kam die Finanzkrise und hat die Dinge durcheinandergewirbelt…

…richtig. Was unter anderem auch den Druck auf den Schweizer Finanzplatz erhöht hat. In der Schweiz wirkt der Begriff Allianz wegen der Tradition der Neutralität vielleicht befremdend, aber sie kann und sollte strategische Partnerschaften eingehen, die sich von opportunistischen Bedürfnissen in einzelnen Sachfragen ableiten. Viele Leute reden davon, wie sich das Geschäft der Privatbanken geographisch diversifiziert. Und die Schweiz kann davon profitieren – und beispielsweise eine direkte Partnerschaft mit Singapur eingehen. Es gibt genug Vermögen in Europa, es gibt genug Vermögen in Asien. Und statt sich in Konkurrenzkämpfen zu verlieren, könnte es zu einer Priorität der Schweiz werden, den Fluss des Vermögens zwischen Europa und Asien zu erleichtern. Schweizer Luxusgüterhersteller fokussieren bereits stark auf den Aufstieg Asiens. Die westliche Welt bewegt sich in Richtung einer Phase von Selbstreferenz und Protektionismus. Die Schweiz braucht nicht zu warten, bis es ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien geben wird, sondern kann solche Bemühungen unabhängig von der EU vorantreiben.

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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