Der Spekulant

Eine Volksinitiative will verbieten, dass Spekulanten mit Essen spielen können. Warum sind Termingeschäfte mit Agrarrohstoffen verpönt und die Spekulation von Versicherungen nicht? Eine historische Spurensuche nach den sozialen Konstruktionen von Risiko und angeblichen spekulierenden Bösewichten.

Der Spekulant
Heinz Zimmermann, photographiert von Daniel Boschung / Universität Basel.

Er ist der Bösewicht der Marktwirtschaft schlechthin.1 Während der englische speculator schon fast als Berufsbezeichnung gelten kann und der französische spéculateur zumindest salonfähig ist, tut der Spekulant im deutschen Sprachraum gut daran, sich nicht als solcher zu bezeichnen. Dies zeigt sich in der gegenwärtigen Diskussion über eine Initiative, die Nahrungsmittelspekulation auf den Finanzmärkten verbieten will. Neu ist das Bild des Bösewichts nicht. Die Kritik hat eine lange, ja jahrhundertelange Tradition. Sie erklärt sich zum Teil dadurch, dass sich die deutschsprachige Nationalökonomie mit den Kategorien der Ungewissheit, des Risikos oder des Zufalls alleweil schwer getan hat.2 Daran hat selbst die in den fünfziger Jahren entstandene und durch verschiedene Nobelpreise gekrönte Unsicherheits- und Informationsökonomik wenig geändert, ganz zu schweigen von der Finanzökonomie: Zwar dürfte den mit dem klassischen Fächerkanon ausgebildeten Ökonomen das Wesen der Spekulation hinsichtlich des Transfers von Risiken oder die Erzeugung informationseffizienter Märkte geläufig sein. Ein breiteres gesellschaftliches Verständnis für die Spekulation und die Spekulanten hat der wissenschaftliche Diskurs aber kaum ausgelöst, ja die Finanzkrise dürfte die verbreitete Skepsis oder Ablehnung noch verstärkt haben.

Dies muss erstaunen und ist schwer zu erklären: Die traditionellen Vorbehalte gegenüber dem «Ungewissen» jedenfalls reichen dazu nicht aus, denn das Versicherungsgeschäft fusst auf demselben «unsicheren» Fundament, kennt aber keine vergleichbare Ablehnung. Liegt die unterschiedliche Wahrnehmung an der unterschiedlichen Natur der Risiken, am Geschäftsmodell der Versicherung, an den historischen Wurzeln oder der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Assekuranz? Zweifellos, mit der aufkommenden analytischen Beschäftigung mit dem Zufall, einerseits der Wahrscheinlichkeitstheorie und anderseits den Instrumenten der Statistik, haben die modernen Versicherungen im 18. Jahrhundert die Chance gepackt, ein neues Geschäftsmodell mit dem Risiko zu entwickeln. Damit haben sie sich vom Image von Spiel und Wette abzugrenzen vermocht.
Der Berufsstand der Aktuare wurde begründet und bürgt bis heute für Seriosität und Professionalität im Umgang mit Risiken. Anders der Spekulant, dem hartnäckig der Ruch des Unsauberen anhaftet.

 

Der spekulierende Mob

Augenfällig ist, dass sich zumindest ein Teil der Kritik gegen den kleinen, sogenannt unprofessionellen Börsenspekulanten richtet. Formuliert hat diese Kritik etwa der Soziologe Max Weber, der in seinen Börsenschriften sowie als Mitglied der 1892 eingesetzten Börsenenquetekommission im Zuge der Vorbereitung des ersten deutschen Börsengesetzes einen hohen Sachverstand in Börsenangelegenheiten manifestiert. Weber, der einen äusserst moderaten Kurs vertreten hat, stösst sich am spekulierenden Mob:3

Die grosse Schar der kleinen, fast nur mit einer guten Lunge, Notizbuch und Bleistift ausgerüsteten Spekulanten aber und ebenso das urteilslose Publikum haben im allgemeinen gar keine andere Wahl, als einer «von oben» … ausgegebenen Parole zu folgen… (S. 645)

Dem Trend hinterherzulaufen ist aber das Gegenteil dessen, was man vom ökonomischen Standpunkt her unter – zumindest erfolgversprechender – Spekulation versteht: nämlich die Inkaufnahme von Risiken durch Wetten gegen den Markttrend. Aus dieser Perspektive erweitert der kleine Spekulant den Markt und trägt zu dessen Dynamik bei. Diese Rolle wird von Weber durchaus anerkannt, jedoch nicht ohne negative Bewertung:

Er (der Markt, Anm. des Autors) ist aber erweitert … nicht nur nach der Richtung, dass minderbemittelte, sondern dass minder sachverständige Personen daran teilnehmen können. Der Spekulant, der heute in Weizen «fixt» und im nächsten Monat zum Hafer übergeht, braucht zu beidem sonst nicht die geringste berufliche Beziehung zu haben. Er hat sie auch oft genug nicht, sondern spielt eben ziemlich ins Blinde, einem dunklen Gefühl folgend, dessen innere Gründe zu durchschauen und abzuwägen ihm jede Bildung fehlt. (S. 645–646)

 

Gesellschaftlich akzeptierte Spekulation von Versicherungen

Es gibt natürlich auch das Bild des Kleinspekulanten, der aus reiner Freude, Nervenkitzel oder Unterhaltung unter Inkaufnahme ständiger Verluste spekuliert – in der Fachsprache noise trader genannt – und den professionellen Spekulanten überhaupt erst die Gewinne ermöglicht. Vom ökonomischen Standpunkt…