Der Skeptiker

Er hat Friedrich August von Hayek und Isaiah Berlin persönlich gekannt und geschätzt. Heute zählt John Gray selbst zu den einflussreichen Intellektuellen Grossbritanniens. Und zieht die Ökonomen Marx und Keynes dem «Utopisten» Hayek vor. Ein Streitgespräch.

Der Skeptiker
John Gray, photographiert von Thomas Burla.

Herr Gray, Sie sind eine jener philosophischen Stimmen, die in Grossbritannien wirklich gehört werden. Sie selbst hatten einst Friedrich August von Hayek für seine luziden Analysen der Marktwirtschaft gelobt. Heute rühmen Sie Karl Marx für dessen Kritik des ökonomischen Systems. Warum der Gesinnungswandel?

Das Ziel intellektueller Reisen ist jeweils unbekannt. Urteile sind stets revidierbar. Ich würde sagen: wir beginnen mit Hayek.

Schiessen Sie los.

Hayek ist für mich bis heute der beste Kritiker aller Formen zen­traler Wirtschaftsplanung. Es ist sein Verdienst, wissenschaftlich klar gezeigt zu haben: Zentrale Planung kann für eine Volkswirtschaft nicht funktionieren, weil das gesamte Wissen niemals zentral vorhanden ist. So schön es wäre, es gibt kein Superhirn, das alles weiss und steuern kann, und es wird auch nie eins geben. Das war Hayeks wissenschaftliches Argument für die Überlegenheit der Marktwirtschaft. Ein taugliches Mittel ist Planwirtschaft nur da, wo es ein klares übergeordnetes Ziel gibt – im Krieg. Kriegswirtschaft ist immer Planwirtschaft. Anhängern zentralwirtschaftlicher Träume sei darum ein für alle Mal gesagt: Zen­trale Wirtschaftsplanung taugt nicht für Friedenszeiten.

Marktwirtschaft versus Planwirtschaft: Sie fahren grosses Geschütz auf. Was hat uns Hayek heute zu sagen?

Die Zentralisten weilen nach wie vor unter uns und haben Hayek nie gelesen. Das sollten sie aber tun. Da wir in der Wissensgesellschaft leben, ist dieser Teil von Hayek aktueller denn je. Je wissensbasierter die Gesellschaft, desto wichtiger ist die dezentrale Organisation! Aber ebenso viel Kopfzerbrechen wie die unverbesserlichen Zentralisten bereiten mir die dogmatischen Hayekianer.

Klären Sie mich auf.

Wer konstatiert, dass Märkte nicht versagen können, dass Marktversagen stets das Resultat von Staatsinterventionen darstellt, ist ein Dogmatiker. Woher zum Teufel will er das wissen? Hayek war insgesamt kein Dogmatiker, auch wenn sich in seinen Schriften Spuren eines solchen liberalen Utopismus finden. Da gilt das Motto: Was nicht sein soll, darf nicht sein! Und was nicht sein darf, ist nicht! Mir sind ohnehin alle Ismen suspekt. Der Skeptiker in mir fragt: Warum sollten Märkte vernünftiger sein als andere menschliche Institutionen? Und wir können jeden Tag beobachten: Märkte sind ebenso unvollkommen, fehleranfällig und reparaturbedürftig wie alles andere, was der Mensch geschaffen hat.

Ich habe Hayek nie so gelesen, als würde er den Markt für unfehlbar erklären. Auch hat er die naiven Gleichgewichtsmodelle seiner Ökonomenkollegen wuchtig verworfen. Sein Punkt scheint mir ein anderer zu sein: Der Markt ist alles andere als perfekt, nur haben wir bisher keinen besseren Mechanismus gefunden, um die Bedürfnisse und Präferenzen der Menschen aufeinander abzustimmen. Wir müssen mit einem ständigen Auf und Ab leben.

Hayek dachte: Wenn der Staat nicht eingreift in den Markt, dann gibt es eine Tendenz zu perfekter Koordination.

Eben: eine Tendenz!

Aber nicht mal das stimmt.

Woraus die Anhänger von Keynes folgern: Ergo braucht es ständig staatliche Eingriffe in den Markt…

…das habe ich nicht gesagt. Je nach Situation – das ist der springende Punkt. Skeptiker wie ich betrachten stets die konkrete Situation, prüfen, denken nach – und entscheiden dann. Staatliche Massnahmen, die die Nachfrage stützen, sind nicht per se des Teufels. Insofern lag John Maynard Keynes damals richtig und hatte sich im wissenschaftlichen Disput gegen Hayek auch durchgesetzt. Ich habe es persönlich miterlebt – Hayek hatte diese Niederlage nie verwunden und schrieb sie mehr dem allgemeinen Zeitgeist als wissenschaftlicher Erkenntnis zu. Nach dem Krieg wandelte er sich vom strikten Ökonomen zum Sozialphilosophen. Er entwickelte eine Theorie der kulturellen Evolution von Gesellschaft, die sehr deterministisch ist und seinen früheren wissenschaftlichen Überzeugungen widersprach…

…kurz, Sie ziehen den Interventionisten Keynes dem Marktwirtschafter Hayek vor?

In meinen Augen sind beide Verfechter der Marktwirtschaft, nur mit anderer Gewichtung. Keynes war ein wirklich skeptischer Geist, darum fühle ich mich ihm eher verwandt.

Keynes erinnert…

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»