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Der Skateboarder als rollende Freiheitsstatue
Bild: Alex Haulman (CC BY-SA 4.0).

Der Skateboarder als rollende Freiheitsstatue

Viele Liberale stecken im Gefängnis ihrer eigenen Selbstverzwergung fest. Sie sollten sich das Freiheitsgefühl der Skater zum Vorbild nehmen.

Die Idee des Skateboardens ist es, Hindernisse als Chancen zum Abheben zu nutzen, um Freiheit maximal zu erleben. Die Geschichte des Sports beginnt mit dem harmlosen Surfen auf Gehwegen, und Skateboarden wird erst in dem Moment zu einem epochalen Ereignis der Jugendkultur, als ein paar kalifornische Jugendliche das Skateboard für sich entdecken.

Die Jungs haben ihr bisheriges Leben am Rand des amerikanischen Traums verbracht, am Ende der Route 66, vor einem Surfladen im heruntergekommenen Teil Santa Monicas. Mitte der Siebzigerjahre übertragen sie die Eleganz und den Wagemut des Surfens auf das Skateboarden. Sie nennen sich Z­Boys und skaten los, um die gebaute urbane Realität der Stadt gegen die Gebrauchsanweisung der Architekten und Städteplaner zu benutzen.

Aus der Tristesse von Bausünden, leeren Swimmingpools und verlassenen Gebäuden im Schmuddelvorort von L.A., Dogtown, werden Orte maximaler Akrobatik und Poesie. Anders als die Flucht in Drogen ist dieser Eskapismus eine Flucht in die Realität. Die Skateboarder ringen der Wirklichkeit neue Möglichkeiten ab. Ihre Wahrnehmung der Umgebung ist zu Präzision verpflichtet und nutzt den Abgleich mit der Wirklichkeit zu kreativen Übersprunghandlungen.

Die Realität als Startrampe

Der Skateboarder als Libertär lebt sein Freiheitsbedürfnis rücksichtslos aus – rücksichtslos gegen sich. Nicht aber gegen andere. Er hat bei aller Selbstversunkenheit ein soziales Gewissen und vermeidet die Gefährdung von Aussenstehenden. Der Blick des Skateboarders auf den öffentlichen Raum beseelt die banale Realität mit seinen Nutzungsfantasien, die allesamt erfahren werden sollen. Für den Skater wie für den Liberalen gilt das Realitätsprinzip. Die Gegebenheiten, nicht die Ideale, sind die Startrampe der eigenen Weltanschauung.

Die Annahme dessen, was ist, wird umso gewinnbringender, je exakter sie ausfällt. Als die Z­Boys 1975 in Dogtown gerade erst richtig loslegen, bezeichnet der Ausnahme­-Feingeist und zeitweilige FDP­-Politiker Ralf Dahrendorf einen neuen Liberalismus als die einzige erkennbare Hoffnung, «die Realität nach dem Potenzial zu schneidern und nicht umgekehrt das Potenzial nach der Realität zu beschneiden».

Skateboarder schneidern die Wirklichkeit nach dem Potenzial denkbar individuell. Skateboarden ist das Gegenteil eines Mannschaftssports. Skateboarden ist eine Meditation der Selbstbeherrschung und in ganz nachvollziehbarem Sinne eine Meditation der Freiheitsbeherrschung. Dazu gehört schon das Grundprinzip der Unverbundenheit zwischen dem Skater und seinem Gefährt. Hebt der Skater ab, fliegt das Board neben ihm: Sie sind in der Flugbahn durch maximale Freiheit verbunden.

Damit stellt der Skateboarder nicht nur die eigenen Fähigkeiten auf ständig neue, gewagtere Proben, sondern eben auch am Ende die Gesetze der Physik. Ähnlich wie der Rennfahrer, aber mit weniger Lebensgefahr, kleinere Verletzungen dagegen sind häufiger. Der humanistische Kern dieser wie vieler anderer Sportarten ist die Erforschung dessen, wozu ein Mensch in der Lage ist.

Und während der Skateboarder seine Befähigung zur physischen Weltbeherrschung optimiert, reizt er den Sprung ins Ungewisse aus. Ihm fehlen – wie dem Liberalen – die verzagenden Ängste vor dem Restrisiko. Er fürchtet auch nicht die Zerstörung der Konvention, wie der öffentliche Raum zu nutzen sei. Gefragt nach der Essenz des Lebens, antwortet der Profiskater Neil Blender: «It’s all a trial.» Es ist alles ein Versuch. Dazu gehören auch Härte, Disziplin und Schmerzunempfindlichkeit.

Unternehmer als Avantgarde mündigen Verhaltens

«Youth against Establishment» lautet ein Slogan, der nicht nur das Selbstverständnis der Skatekultur artikuliert, sondern auch zum Motto einer bekannten Skate-Mode­-Firma wurde. Diese kommerzielle Nutzung der eigenen Ethik der Unangepasstheit kann auch programmatisch verstanden werden.

Die Skater haben in der Regel kein Problem damit, gesponsert und vermarktet zu werden, wenn es der eigenen Unabhängigkeit keinen Abbruch tut. Viele Skater sind erfolgreiche Unternehmer geworden, auch aus der Ursprungscrew der Z­Boys. Das ist kein Zufall. Der liberale Ökonom Joseph Schumpeter singt Anfang des 20. Jahrhunderts in der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung das hohe Lied auf die Kraft der «schöpferischen Zerstörung» und identifiziert den Unternehmer als jemanden, der die Wirklichkeit anders wahrnimmt als seine Mitwelt. Der Unternehmer ist der Wahrnehmungsmündige.

Der Unternehmer erkennt in Mängeln Chancen und Marktlücken. Er interpretiert die Wirklichkeit für sich neu und schafft so Innovation, die für unternehmerischen Erfolg und Wachstum unerlässlich ist. Die Unternehmer, die Schumpeter im Blick hat, sind Pioniere. Sie sind Avantgarde mündigen wirtschaftlichen Verhaltens. Sie kapern den Teil des Marktes, den sie bisher lieb- und ideenlos dahindümpeln sahen. Sie surfen und erobern bisher unbekannte Ecken des Marktes.

Sie tun dies besonders gern gegen Widerstände. Schumpeter verbindet einen liberalen Individualismus mit einer ökonomischen Theorie, die ganz Kind ihrer Zeit ist. Nur das Neue ist relevant – das ist der Geist der Avantgarden. Arnold Schönberg hatte Ähnliches erklärt: Kunst heisst neue Kunst.

Entwicklung kann nur mit dem Ausbruch aus gewohnten Bahnen und durch spontane und diskontinuierliche Änderungen stattfinden. Das Gewohnte wie das Gewöhnliche sind der Feind. Für den Skateboarder zählen nur die neuen Kunststücke – und die sind in der Regel mit der individuellen Ausführung verbunden. Die Innovation wird individualisiert.

Der Skater als rollende Freiheitsstatue

Die Bewegungsfreiheit gehört zum vielleicht ursprünglichsten Drang des Homo sapiens, der als Nomade seine Existenz begann. Die Garantie der Bewegungsfreiheit wurde für den modernen Rechtsstaat wie für den politisch organisierten Liberalismus zu einem Prüfstein der freiheitlichen Verfasstheit eines Landes oder eines Staatenbundes. Der Skater ist eine rollende Freiheitsstatue und ein Mahnmal für die Forderung nach maximaler Bewegungsfreiheit.

Die trivialsten Illustrationen von Unfreiheit sind mit angeketteten Menschen und so mit einem radikal minimierten Bewegungsdrang verbunden. Der Skater lebt in seiner Form der Fortbewegung sein Unabhängigkeitsstreben aus. In Larry Clarks Film «Kids» wird das Unabhängigkeitsstreben der Skater als Spielfilm monumentalisiert; er verdeutlicht, wie sehr diese Subkultur ihre Werte, ihre Haltung und ihren Stil abseits der «Tyrannei der Mehrheit» vollzieht.

Dies gilt zumal für ihr Auftreten in Diktaturen, wie die Dokumentation «This Ain’t California» über Skater in der DDR zeigt. Beim Skaten im Kerker der DDR­-Diktatur wird die eingeschränkte Bewegungsfreiheit maximal intensiviert. In Afghanistan, Pakistan und Kambodscha versuchen begeisterte Skater, mit ihrer NGO «Skateistan» die Idee der Freiheit und einer freien Gesellschaft bei den jungen Menschen zu popularisieren und zu verankern.

Dieser Aktivismus ist die Ausnahme, für den Skater wie den Liberalen. Das Problem des Liberalismus ist seine Neigung zum Elitären, Eigenbrötlerischen. Hinzu kommt nicht erst seit Isaiah Berlins Freiheitsvorlesungen der Hang, Freiheit als Ausbleiben von Unfreiheit zu definieren – und damit ein zunächst nicht sonderlich einladendes Konzept von «negativer Freiheit» zu entwickeln.

Eine Idee ex negativo zu entwerfen, mag für Intellektuelle ein klassisches Vergnügen sein; eine politische Theorie oder Ideenlehre kommt ohne positive Definition von Freiheit nicht aus. Sie benötigt eine emotionale und kommunikative Erdung, besonders dort, wo sie die politische Bühne betritt, auf der eine Mischung aus Tragödie und Komödie gespielt wird.

Der Liberale wird bestenfalls mit älteren, vergeistigten Professoren und Intellektuellen visualisiert. Der Aktivist ist eher links, der Demonstrant sowieso, und selbst die Theoretiker der Dissidenz und des Aufruhrs haben die Nähe zum politischen Geschehen gesucht. Der Liberale führt ein heimliches Leben als Held der Popkultur: Von Dr. House über Ari Gold in «Entourage» bis hin zu Bart Simpson reicht die angelsächsische Typologie des Liberalen.

Der Skateboarder wäre ein idealer Held für Liberalismusideen. Wenn Dahrendorf davon spricht, dass Gesellschaft Spielräume schaffen und Kräfte freisetzen muss, betont er, dass diese Kräfte am Ende jene einzelner Menschen sind. Der Skateboarder versteht die Metapher der Spielräume konkret.

Freiheit will gelebt, nicht intellektualisiert werden

Wie unfrei der Mensch ist, spürt er oft erst in der Begegnung mit einem Überschuss an Freiheit. Der Diskurs darüber ist seit Jahren entweder intellektualisiert und mainstreamverachtend oder er dreht sich krumm und anämisch gegen den antifreiheitlichen Geist der Gegenwart – die Monokultur des Egalitären, Etatistischen und der Umverteilung.

Wenn alle über Gleichheit und Sicherheit reden, muss der Liberale von Freiheit sprechen. Doch Freiheit will gelebt werden. Die physische Dimension der Freiheit wird intellektuell unterschätzt. Die gehemmten Vertreter des Liberalismus stecken im Gefängnis ihrer Selbstverengungen. Ein freier Mensch kann fliegen.

Und er hat auch vor nichts Angst. Vor fast nichts. Er ekelt sich vor dem falschen Wir. Es ist eigentlich sein einziger ausgeprägter Ekel: der vor dem Sichgemeinmachen mit dem Denk- und Sprachallerlei. Das falsche Wir sortiert sich aus Subjekten, die kaum ein Ich vorweisen wollen. Ein richtiges Wir, das Freiheit fühlen und fordern kann, funktioniert eigentlich nur, wenn es vorher jede Menge autonom agierende und denkende Subjekte gibt, die sich für die Sache der Freiheit zusammenfinden oder auch nur, um gemeinsam unverspurte Hänge hinunterzuwedeln. Die Wir­Konstellationen, die keine Ich­-Schwächen kompensieren müssen, finden sich überall: von Fussball­-Hool-Horden über Pink­-Panther­Streifen bis hin zu lesbisch-liberalen Hochschulgruppen.

In Debatten fürchtet sich der Liberale vor gar nichts. Ralf Dahrendorf hat 2003 in acht ziemlich klugen Punkten den Siegeszug der Populisten weniger vorausgesehen als ihre damaligen Erfolgsmodelle studiert. Und er hat sie der Linken und seinem Lager, den Liberalen, aufs Brot geschmiert. «Der Grund, warum Populismus und politische Rechte oft in einen Topf geworfen werden, liegt wohl darin, dass die Themen, an denen demagogischer Populismus aufschäumt, oft klassische Themen der Rechten sind.» Heute gilt das vor allem für zwei Themen: Recht und Ordnung sowie die ganze Problematik der Asylanten und Zuwanderer und ihrer Behandlung in demokratischen Staaten. Beide Themen enthalten eine Lehre, die zur Erklärung der Erfolge von Populisten beiträgt: Erst die Berührungsangst von Liberalen und Linken hat sie explosiv gemacht. Weil also Liberale und Linke die Themen zu vermeiden suchen, können Skrupellosere aus ihnen Kapital schlagen. So ist «Recht und Ordnung» selbst zu einem politisch rechten Begriff geworden, und es ist der Eindruck entstanden, die Liberalen und Linken würden Unrecht und Unordnung tatenlos hinnehmen.

Der Populist ist für Dahrendorf nicht nur der unmündige Politiker par excellence, sondern auch ein Agent der Entmündigung. Seine Wähler sind wütende, in ihre Unmündigkeit verstrickte Bürger. Populisten drängen den politischen Diskurs in die Unmündigkeitsfalle. Deswegen gibt es einen linken, einen rechten, einen grünen, ganz selten einen konservativen Populismus, aber eigentlich keinen liberalen Populismus, weil die Idee des Liberalismus den mündigen Bürger als Ideal und Kraftzen­trum versteht. Populisten hebeln einen rationalistischen Diskurs aus. Damit minimieren sie die Räume für intellektuelle Eigenverantwortlichkeit.

Der mündige Liberale als Schutzmacht

«Man hat die Freiheit», so Peter Sloterdijk in seiner Rede «Stress und Freiheit», «zumeist an Orten gesucht, wo man sie unmöglich finden kann, im Willen, im Wahlakt oder im Gehirn, und hat ihre Quelle in der noblen Gesinnung, im Auftrieb, in der Grosszügigkeit übergangen.» Damit stösst Sloterdijk in den Sinnkern des Liberalismus vor, der die Freiheit zu weit mehr als einem rationalen Mündigkeitsexerzitium, zu einer existenziellen Geste des Feinen machen will. Freiheit sei – so Sloterdijk – «nur ein anderes Wort für Vornehmheit, das heisst für die Gesinnung, die sich unter allen Umständen am Besseren, am Schwierigeren orientiert, eben weil sie frei genug ist für das weniger Wahrscheinliche, das weniger Vulgäre, das weniger Allzumenschliche». Wenn Freiheit die Verfügbarkeit für das «Unwahrscheinliche» ist, dann ist die Mündigkeit das edelste Produkt dieser Freiheitspflege.

Die Mündigkeit des Liberalen holt das Unwahrscheinliche in die politische Realität zurück, wo andere weder das Gespür für deren Gefährdung haben noch die Antennen, wo diese Freiheit verteidigt werden muss. Der mündige Liberale zwingt sich als Fitnessübung zur Verweigerung jener wahrscheinlichen Fortschrittsprojekte und fordert die unwahrscheinlichen heraus. Vielleicht erklärt sich so seine Unbeliebtheit. Er torpediert jede Form gesellschaftlicher Bequemlichkeit. Da sind wir auch wieder beim Skateboarder. Für ihn zählt nur, was nicht nur unwahrscheinlich ist, sondern eigentlich unmöglich. Der wahrscheinliche Sprung ist öde. Er ist keiner. Der Liberale quält zunächst sich selbst mit diesem Anspruch. Er nimmt Blessuren in Kauf. Dann schiebt er diese Übungen in die Gesellschaft. Er nervt. «Nak Nak Nak», wie die Komiker so schön sagen.

Ein blosser Nachplapperliberalismus ist keiner. Der mündige Liberale ist in seinem sozialen Mündigsein auch eine Schutzmacht für jene, die erst dabei sind, mündig werden zu wollen. Die spüren, dass es sinnvoll ist, seinen Verstand ohne angezogene Handbremse anzuwerfen. In einer Welt säkularisierter Erlösungsfantasien ist der Liberale, um Roland Baader zu paraphrasieren, derjenige, der nicht Gott spielen will. Er überlässt die Transzendenz den anderen.

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