Der Segen expansiver Geldpolitik ist kein Segen

Was tut der Staat, wenn eine Wirtschaftskrise im Anzug ist? Er versucht eine Panik zu vermeiden. Das tut er, indem er Geld drucken lässt und die Zinsen niedrig hält. Die Frage ist, ob dieser Trick auf Dauer funktioniert.

Als das Weltfinanzsystem nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 vor dem Zusammenbruch stand, handelten die Zentralbanken schnell: sie öffneten weltweit ihre Geldschleusen. Sie verglichen die Situation mit dem grossen Börsenkrach von 1929, der zu einer Weltwirtschaftskrise führte. Im Glauben, dass die Grosse Depression so lang und schmerzhaft gewesen sei, weil damals die Geldmenge durch die Zentralbanken nicht ausreichend erhöht worden sei, wurden die Zinsen bis an die Nullgrenze gesenkt. Es kam zu einer expansiven Geldpolitik, die es so noch nie gab. Sie hält bis heute an. Weil es sie bisher nie gab, sind die Folgen ungewiss. Skepsis ist angebracht – war es wirklich die richtige Antwort?

Beginnen wir beim Prinzipiellen. Zunächst müssen wir erklären, wie es überhaupt zu Wirtschaftskrisen und Ungleichgewichten in der Produktionsstruktur kommen kann. Die möglichen Investitionsprojekte der Wirtschaft sind stets durch die dank Ersparnissen bereitgestellten Ressourcen begrenzt. In Anlehnung an den österreichischen Nationalökonomen Ludwig von Mises sei dies anhand eines von der Bauindustrie entlehnten Beispiels aus seinem Hauptwerk «Nationalökonomie» verdeutlicht.

Ein Baumeister schätzt die verfügbaren Baumaterialien – die Produktionsfaktoren – ab. Er kommt zum Schluss, dass sie ausreichen, um sechs Häuser zu bauen. Nachdem die Projekte schon weit fortgeschritten sind, merkt der Baumeister, dass er sich getäuscht hat und die Produktionsfaktoren bloss für fünf Häuser reichen. Da beim Abbruch von Häusern unweigerlich Ressourcen zerstört oder unbrauchbar werden, müssen nun aber nicht bloss ein, sondern zwei der unfertigen Häuser abgerissen werden. Am Ende stehen nur vier Häuser, obwohl mit den verfügbaren realen Ersparnissen fünf möglich gewesen wären.

Während in unserem Beispiel ein zentraler Baumeister die verfügbaren Ersparnisse schätzt und versucht, sie mit den Investitionen in Einklang zu bringen, geschieht dies in einer freien Marktwirtschaft in einem dezentralen Prozess über den Zins. Der Zins ist mithin ein Zeichen dafür, wieviele reale Ersparnisse vorhanden sind. Wenn weniger konsumiert und mehr gespart wird, stehen mehr Ressourcen für Investitionsprojekte zur Verfügung. Der Zinssatz fällt. Fällt der Zinssatz, werden Investitionsprojekte plötzlich rentabel, die sich bisher nicht gerechnet haben; somit werden mehr Investitionsprojekte unternommen. Fallen hingegen die Ersparnisse und steigt der Zinssatz, sind weniger Projekte rentabel. Es werden weniger Projekte unternommen – es stehen ja auch weniger Ressourcen für Projekte zur Verfügung. Durch den Zinssatz wird das Verhalten von Konsumenten, Sparern und Investoren koordiniert.

Wird aber in diesen dynamischen Prozess zum Beispiel durch eine staatliche Zentralbank eingegriffen und der Zinssatz so weit manipuliert, dass er nicht mehr die wahren Präferenzen der Marktteilnehmer widerspiegelt, kann es zu erheblichen Ungleichgewichten zwischen Ersparnissen und begonnenen Projekten kommen: es werden mehr Projekte begonnen, als reale Ersparnisse zur Verfügung stehen. Irgendwann geht dann einmal das Baumaterial aus, und es kommt zur Krise. Und wenn vielzuviele Projekte begonnen wurden, kann die Krise ziemlich gross sein.

Genau das geschah im Vorfeld der Finanzkrise. Nach dem 11. September 2001 drohte sich die nach dem Ende des New-Economy-Booms im Jahr 2000 einsetzende Rezession zu beschleunigen. In dieser Phase reagierten die Zentralbanker so, wie sie in allen jüngeren Krisen zu reagieren pflegten, nämlich mit expansiver Geldpolitik. Die grossen Notenbanken Federal Reserve und EZB senkten ihre Leitzinsen. Die Geldmenge wuchs gewaltig an, und die Banken dehnten die Kreditmenge aus. Die Zinsen waren derart niedrig, dass man für die Umsetzung beinahe jeder Geschäftsidee günstig Geld bekam. Um ihre Kredite an den Mann zu bringen, verlangten die Banken immer weniger Garantien. Die berühmten Subprime-Kredite waren die Folge.

Die verfügbaren realen Ersparnisse waren nicht im Einklang mit den unternommenen Investitionen, die sich wiederum nicht mit den Präferenzen von Konsumenten deckten. Investoren, durch die künstlich niedrigen Zinsen getäuscht, begannen mehr Projekte, als mit den tatsächlich vorhandenen Ersparnissen erfolgreich beendet werden konnten. Mitte 2007…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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