Der Schlüssel an der Kirchentür

An der geschlossenen Kirchentür der kleinen Dorfkirche, in der ich hin und wieder als Hilfsorganist amte, hängt der Schlüssel. Na und, werden Sie sagen. Das ist doch nichts Besonderes. Zu einem Schloss gehört ein Schlüssel, oder etwa nicht? Wohl wahr. Nur ist der Schlüssel zu einem Schloss in der Regel nicht für jedermann greifbar. Im […]

An der geschlossenen Kirchentür der kleinen Dorfkirche, in der ich hin und wieder als Hilfsorganist amte, hängt der Schlüssel. Na und, werden Sie sagen. Das ist doch nichts Besonderes. Zu einem Schloss gehört ein Schlüssel, oder etwa nicht?

Wohl wahr. Nur ist der Schlüssel zu einem Schloss in der Regel nicht für jedermann greifbar. Im Gegenteil: er wird gut verwahrt,
oft versteckt. Sonst könnte man die Tür ja geradeso gut offen lassen.

Der Schlüssel an der Kirchentür verstösst somit gegen alle Regeln einer vernünftigen Schlüsselbewirtschaftung. Und ist doch von der kleinen Toggenburger Dorfgemeinschaft genau so gewollt. Er ist Symbol einer ganz bewussten, rar gewordenen Geisteshaltung.

Indem die Kirchentür geschlossen ist, sagt sie uns: Da soll keiner unbedacht eintreten. Da drin soll kein Unfug betrieben, nichts entwendet oder mutwillig beschädigt werden. Der Schlüssel aber sagt: Dem, der will, steht die Kirche offen. Niemand soll daran gehindert werden, das Haus des Herrn zu betreten, um einen Moment der Einkehr zu erleben. Wer also eintreten will, nimmt seine Verantwortung wahr, indem er den Schlüssel zur Hand nimmt und die Tür öffnet. Aber er soll ebenso respektvoll eintreten, als würde er ein anderes bewohntes Haus betreten. Er muss sich zuvor beim Herrn des Hauses bemerkbar machen.

Der Schlüssel an der Kirchentür wird so zum Zeichen einer Geisteshaltung, die dem einzelnen Verantwortung nicht abnehmen, sondern bewusst übertragen will. Das geht weit über eine religiöse Haltung hinaus. Daraus spricht vielmehr ein Bürgersinn, der der 250-Seelen-Gemeinde ein exzellentes staatsbürgerliches Reifezeugnis ausstellt. Einer Gemeinde übrigens, die so klein ist, dass sie mit einer grösseren politischen Gemeinde fusioniert wurde. Der kleinen Kirchgemeinde steht demnächst Ähnliches bevor.

Hoffen wir, dass die Facility-Management-Vorschriften der grösseren Gemeinde nicht bald schon dazu führen, dass der Schlüssel von der Kirchentür verschwindet.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»