Der «Sartre des 18. Jahrhunderts»

Neue Biographien zum Auftakt des Schiller-Jahres

Die Krankheit war die letzten anderthalb Jahrzehnte seines nur 45jährigen Lebens der Gegner, dem er seinen heroischen Widerstand entgegenstellte, bis sie ihn schliesslich überwand. Als Dichter getötet hat ihn indessen der allzu grosse Erfolg. Und der Erfolg hatte einen fatalen Namen: das zum geflügelten Wort werdende Zitat, vor allem das gereimte Zitat. Mit Schiller konnte man sich auf alles seinen Reim machen – keine Lebenslage, keine Feier, der er nicht die Stichworte geliefert hätte. Am Ende bestanden seine Werke nur noch aus Zitat. Wenn er mit knapper Not noch die «Bürgschaft» und den «Taucher», das «Lied von der Glocke» und die «Würde der Frauen», überlebte, so machte ihm die Ode «An die Freude», millionenfach von den Auditorien der Beethovenschen Verstärkerversion verschlungen, vollends den Garaus. Wie kein anderer Autor wurde Schiller zum Heiligtum der deutschen Nationalliteratur. Das deutsche Bürgertum machte ihn zu seinem Hausschatz, der selbst Sammeltassen und das Linnen der würdigen Hausfrau zierte.

Will man Schiller zum Leben wiedererwecken, so muss es ein unbekannterer Autor sein. Eine Schiller-Darstellung kann heute weder «naiv» noch «sentimentalisch» sein. Doch droht da im Vorfeld seines 2 . Todestages am 9. Mai 2 5 nicht schon wieder der tödliche Erfolg? Der Büchermarkt spricht eine deutliche Sprache: das Schiller-Jubiläum stellt selbst die vorausgegangenen Kant- und Adorno-Jahre in den Schatten. Biographische Neuerscheinungen und Wiederaufbereitungen zu Hauf konkurrieren um die Gunst der Leser. «Der arme Schiller», so mitfühlend der Ex-Gymnasiast Nietzsche, «der keine Zeit hatte und keine liess», zumindest nicht dem Rezensenten. Bereits vor vier Jahren hat die jetzt als preiswerte Sonderausgabe erschienene akribische zweibändige Biographie von Peter-André Alt Massstäbe gesetzt, vor allem für die Positionierung Schillers im geistigen und politischen Spannungsfeld seiner Zeit und für die Werkbiographie. Der 2 4 folgenden Monographie gelingt es dankenswerterweise, das Format auf weniger als einen Zehntel des früheren Umfangs abzuschwellen; sie ist wie das vorzügliche Porträt von Kurt Wölfel ein Konzentrat.

Die neueren Biographien ziehen es überwiegend vor, die Aktualisierung Schillers zu betreiben, indem sie sich ihm mit dem ihm eigenen Enthusiasmus zu nähern oder auch mit der offenbar gebotenen Strenge von ihm zu entfernen versuchen. Dabei gibt die Biographie nur bedingt etwas her. Gewiss, da ist im Gegensatz zur Schillerschen Dramaturgie, die das Accelerando, die Zuspitzung liebt, gleich zu Beginn der dramatische Konflikt mit dem württembergischen Herzog Karl Eugen und die Flucht aus Stuttgart. Aber dann? Schiller greift mit seinen Stoffen zwar gerne ins Europäische, schliesslich ins Weltweite aus. Er hat den Ehrgeiz, ein globaler Autor zu sein. Aber gereist ist er nur wenig mehr als Kant. Das Meer hat er nie gesehen.

Es bleibt die Geschichte der Freundschaften – und der Liebschaften. Auf die kurioseste führt gleich die erste substantiellere Biographie zurück, 183 erschienen. Sie stammt von Caroline von Wolzogen, der älteren Schwester von Schillers Frau Charlotte. So, wie Schiller bei der Wahl seiner Dramenschlüsse oft unschlüssig war, so machte er lange Zeit paritätisch gerecht und erotisch unentschieden beiden Schwestern den Hof. «Schillers Leben» aus der Hand Carolines ist heute als Quelle unersetzlich, aber auf einen hagiographischen Ton gestimmt, der den Idealisten Schiller noch idealisiert: Biographie als postume Liebeserklärung, Geliebtenverklärung. Im Rücken des Ideals freilich rumort die geschwisterliche Konkurrenz – bis zum Tod. Über die am Sterbebett Schillers kniende Gattin und Schwester: «Sie sagte: ‹dass er ihr noch die Hand gedrückt›.» «Sie sagte» es, eine «unbewiesene Behauptung». So jedenfalls sieht es Eva Gesine Baur in ihrem «Leben der Charlotte Schiller». Das Buch gehört zu einem Genre, das man im 18. Jahrhundert als «Rettung» bezeichnet hätte. Der nahezu vorbehaltlosen Identifikation mit der Gattin Schillers steht indessen eine rigorose Abrechnung mit Schiller und der…

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dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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